20.05.2021 - 07:00 Uhr
OTon

Stinknormal, das wär´s

Es gab Zeiten, da war das Wort "normal" verpönt. Normal schien langweilig. Heute sehnt sich Florian Bindl danach. Immer öfter schlägt bei ihm der Covid-Sensor Alarm. Ganz ohne Infektion.

Die Sehnsucht nach Normalität ist groß. Ist nach dem Ende des Lockdowns aber wirklich alles "normal"? Florian Bindl hat seine Zweifel.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Bald soll wieder alles normal sein. Zurück zur Normalität. Der normale Alltag. Normal eben. Schon Wahnsinn. Hätte mir jemand vor zwei Jahren gesagt, welche Magie in diesem Wort stecken kann, ich hätte den Kopf geschüttelt und ihm das Etikett "Spießer" verpasst. Normal war doch immer fad, eintönig, gehorsam, keiner Erwähnung wert. In seiner Steigerung – stinknormal – konnte etwas sogar so penetrant normal sein, dass es geruchlich unangenehm wird.

In einer Pandemie ist "normal" ein Wort der Sehnsucht. Auch für mich. Nur: Ich glaube nicht so recht daran. Mir fällt so vieles ein, was sich seit dem Tag, als dieses neuartige Virus uns heimgesucht hat, verändert hat. Sachen, die so gar nicht normal sind, sich aber scheinbar schon in mein Unterbewusstsein geschlichen haben. Klassisches Beispiel ist ein Filmeabend. Auf dem Bildschirm: drei bis vier Personen, eng zusammenstehend, vielleicht feiernd, sich zuprostend. Und schon schlägt der Covid-Sensor (Bill Gates trägt keine Schuld) in meinem Unterbewusstsein Alarm. Es dauert ein bisschen, bis mir mein Kopf diese absurden Fragen meldet: Geht das denn? Vier Leute? Keine Maske? Kein Abstand? Noch nix von AHA gehört? Nach ein paar Sekunden weiß ich: nur ein Film, alles in Ordnung.

Zweites Beispiel: Ein Verwandtenbesuch, selbstredend nur zwei Haushalte, sonst piepst der Sensor. Man trifft Onkel und Tante zum ersten Mal seit Monaten, verbringt einen schönen Tag zusammen und will sich verabschieden. Die Hand zuckt kurz, schon wieder der Sensor. Händeschütteln kann Viren verbreiten, lieber kontaktlos verabschieden. Es ist zum Verrücktwerden.

Bleibt das? Ich hoffe nicht. Ich will wieder Hände schütteln, ohne an Viren denken zu müssen. Ich will wieder Filme schauen ohne AHA-Erlebnis. Ich will wieder mit 200 Leuten auf einer Tanzfläche... Sensor. Gerade als ich diese Zeile schreibe macht er sich bemerkbar. Will ich wirklich dicht an dicht mit zig oder Hunderten Leuten tanzen? Ist das nicht arg riskant? Vielleicht wird ja ein Super-Spreader draus. Lieber lassen.

Natürlich gehen die Infektionszahlen nach unten, die Impfzahlen steigen, das Coronavirus könnte bald Kurzarbeit anmelden müssen. Aber bis dieser depperte Sensor den Geist aufgibt, wird es noch dauern. Einen OFF-Schalter habe ich noch nicht gefunden. Erst dann ist wieder alles stinknormal.

Miriam Wittich ist die endlosen Vergleiche leid

OTon
Info:

OTon

In der Kolumne "OTon" schreiben junge Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien über das, was ihnen im Alltag begegnet. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie sie die jungen Leute tagtäglich für die Leser aufbereiten, sondern um ganz persönliche Geschichten und Meinungen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.