04.02.2021 - 10:12 Uhr
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"Wer etwas verändern will, muss in die Politik"

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Hans Schuierer – Vordenker, Anti-WAA-Aktivist und der wohl bekannteste Kommunalpolitiker der Oberpfalz – wird 90 Jahre. Er blickt auf ein aufregendes Leben zurück und erklärt warum sich junge Menschen für Politik interessieren sollten.

Der ehemalige Landrat des Landkreises Schwandorf, Hans Schuierer (SPD).
von Mareike Schwab Kontakt Profil

ONETZ: Fridays for Future und Demonstrationen im Hambacher Forst sorgten in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen. Besonders junge Menschen machen sich für den Klimaschutz stark. Wie denken Sie über das Engagement der heutigen Jugend?

Hans Schuierer: Ein großes Lob. Diese jungen Leute haben völlig recht, dass sie auf die Straße gehen. Ich hab das immer unterstützt. Ich bin die ganzen Jahre in Schulen gegangen und hab da Vorträge gehalten. Denn das, was damals passiert ist, soll nicht vergessen werden. Es war für mich eine große Überraschung, dass die jungen Leute auch wirklich Interesse gezeigt haben. Alle wollten wissen, was damals in Wackersdorf los war. Sie hatten vorher keine Ahnung, muss ich auch dazu sagen. Aber bei den Vorträgen war ein Interesse da, das ist unglaublich. Ich weise da auch immer auf die Klimaproblematik in der heutigen Zeit hin. Und auf die jungen Leute, die wirklich bewundernswert dagegen vorgehen und demonstrieren. Es ist eigentlich eine Schande, dass diese jungen Leute der Politik und der älteren Generation sagen müssen, was zu tun ist.

ONETZ: Was geben sie diesen jungen Leuten mit?

Hans Schuierer: Ich kann ihnen nur mitgeben, sich für Politik zu interessieren und politisch tätig zu werden. Egal wie, ob Landtag oder Stadtrat. Die Entscheidungen, ob es der Bevölkerung gut geht, werden in der Politik gefällt. Wenn jemand sagt: "Mich interessiert die Politik nicht." Dann muss ich sagen "Was interessiert dich überhaupt?" Diese Gleichgültigkeit ist wirklich bedauerlich. Denn wenn ich etwas verändern oder verbessern will, kann ich das nur über die Politik machen.

ONETZ: Sind die heutigen Klima-Demonstrationen mit Wackersdorf vergleichbar?

Hans Schuierer: Es ging uns damals natürlich auch irgendwie ums Klima und den Naturschutz. Oder zumindest gegen eine Vergiftung der Luft. Die Ziele der Demonstrationen von damals und heute sind natürlich vergleichbar, aber das Vorgehen beispielsweise im Hambacher Forst ist nicht das gleiche. In Wackersdorf ist die Polizei noch viel gewalttätiger vorgegangen.

ONETZ: Die 80er Jahre in der Oberpfalz - wie war die Stimmung damals?

Hans Schuierer: Wir hatten im Landkreis Schwandorf die höchste Arbeitslosigkeit in der ganzen Bundesrepublik. Viele Betriebe wurden stillgelegt. Da ging es für mich als Landrat in erster Linie um die Ansiedlung von Betrieben und um Arbeitsplätze. Damit war ich auch sehr erfolgreich. Dann ist die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen, die DWK, gekommen und wollten 3600 Arbeitsplätze schaffen. Da gab es natürlich zunächst große Zustimmung und Begeisterung in der Bevölkerung, bis bekannt wurde, um was es sich bei einer Wiederaufarbeitungsanlage, einer WAA, überhaupt handelt. Kein Mensch hatte davon zu dieser Zeit eine Ahnung.

ONETZ: Vor welcher politischen Herausforderung standen Sie?

Hans Schuierer: Damals habe ich Franz Josef Strauß bei einer Konferenz in Regensburg vor allen Kommunalpolitikern der Oberpfalz gefragt: "Herr Ministerpräsident was ist an dem Gerücht wahr, dass hier eine atomare Anlage gebaut werden soll?" Da hat er dann vor allen geantwortet: "es gibt gar keine Pläne und Überlegungen im Landkreis Schwandorf eine atomare Anlage zu bauen." Das war die Unwahrheit. Auch die DWK, die Betreiberfirma, hat mir damals alles in den goldigsten Farben geschildert. Ich hab mir natürlich auch die Gegenseite angehört. Physiker und Chemiker haben uns damals informiert, um was es bei einer WAA überhaupt geht. So habe ich mit der Zeit gemerkt, dass die uns nicht die Wahrheit sagen. Der große Umschwung ist dann gekommen, als sie mir Pläne vorgelegt haben. Da war ein 200 Meter hoher Kamin vorgesehen. Ich habe gefragt was der Kamin soll. "Damit die radioaktiven Schadstoffe möglichst breit verteilt werden," war die Antwort. Wenn hier plötzlich von radioaktiven Schadstoffen die Rede ist, dann muss ich mir das schon überlegen.

ONETZ: Sie schlossen sich den WAA-Widerstand an. Wie fühlte es sich an unter den Demonstranten zu stehen?

Hans Schuierer: Das waren riesige Demonstrationen. Aus ganz Bayern, aus Österreich und sogar aus Frankreich kamen Menschen. Es waren manchmal 100 000 Demonstranten. Das was sich da in zehn Jahren abgespielt hat, kann man natürlich schlecht in zehn Minuten zusammen fassen. Hubschrauber haben Gasgranaten auf tausende völlig friedliche Demonstranten geworfen. Hinter dem Bauzaun waren 43 Wasserwerfer und haben auf die geschossen, die zu nah am Zaun waren. Viele sind heute noch krank und haben gesundheitliche Schäden durch das Gas davon getragen. Ich war ganz vorne mit dabei. Aber ich habe keine Steine geworfen. Da war ich natürlich verdammt vorsichtig. Darauf hätten die nur gewartet. Ich habe immer wieder an die Polizeibeamten appelliert, denn diese Gewalttätigkeiten mussten nicht sein. Friedliche Demonstranten wurden verprügelt und die Bevölkerung wurde schikaniert.

ONETZ: Es gibt aber auch Bilder von der "Pfingstschlacht" von Wackersdorf im Mai 1986 die zeigen, dass nicht alle friedlich demonstriert haben.

Hans Schuierer: Es waren natürlich auch welche da, um Unruhe zu stiften. Ich habe mich auch gegen diese Leute gestellt. Ich bin heute und damals für einen friedvolle Demonstration ohne Gewalt. Bei den gewalttätigen Demonstranten war ich deshalb nicht sehr beliebt. Ich hab immer den friedlichen Widerstand in den Vordergrund gestellt. Und letztendlich hat uns das auch zum Erfolg verholfen.

ONETZ: Gab es einen Moment, an dem Sie an Ihre Grenzen gekommen sind?

Hans Schuierer: Ich musste damals mit dem Ministerpräsident, dem Umweltminister, dem Innenminister, der ganzen Bayerischen Staatsregierung und mit dem Regierungspräsidenten streiten. Das ist für einen Landrat nicht so einfach, der ist eigentlich nur ein kleines Glied in dieser Kette. Da hab ich natürlich manchmal Probleme gehabt. Ich hab mir gesagt: "Da muss ich jetzt einfach durch." Und ich hatte Unterstützung von meiner Frau, den Kindern und der Mehrheit der Bevölkerung. Ich habe den Ministern und Herrn Strauß immer meine Meinung gesagt. Damals wurde sogar ein Gerichtsverfahren gegen mich eingeleitet wegen Beleidigung von Strauß und vielem anderen. Durch das Gerichtsverfahren wollten sie mich amtsentheben. Das Gericht hat dann aber das Verfahren eingestellt. Eine ganze Reihe von Politikern wurde eingeschaltet, um mich dazu zu bewegen, mich zu entschuldigen. Ich habe mich aber nicht entschuldigt.

Zum 90. Geburtstag: Hans Schuierers bewegtes Leben

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Hans Schuierer in der BR-Talkshow von Ringelstetter

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Der Jahrhundertpolitiker Alois Seegerer

Trefnitz bei Guteneck
Zur Person:

Hans Schuierer

Hans Schuierer wurde am 6. Februar 1931 in Schwandorf geboren. Er ist ursprünglich gelernter Maurer und Bautechniker. Mit 17 Jahren trat er in die SPD ein. 1956 wurde er zunächst kommunalpolitisch im Gemeinderat und Kreisrat tätig. Kurz darauf wurde er erster Bürgermeister in Klardorf, heute ein Ortsteil von Schwandorf. 1970 wurde er Landrat von Burglengenfeld. Von 1972 bis 1996 war er Landrat des Landkreises Schwandorf. "Politik hat mir einfach gelegen und das hat mich interessiert", sagt Schuierer. Bekanntheit erlangte Hans Schuierer Mitte der 1980er Jahre, als er eine Genehmigung der Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf ablehnte. Acht Jahre widersetzte er sich der Weisung der bayerischen Staatsregierung und wich trotz eines gegen ihn angestrengten Disziplinarverfahrens nicht von seiner Linie ab. Bis zu seinem 72. Lebensjahr war er kommunalpolitisch im Stadtrat, Gemeinderat und Kreisrat tätig. Heute hält er immer noch Vorträge in Bildungseinrichtungen über das Geschehen in Wackersdorf. "Die Erfahrung ist da und man kann es auch nicht vergessen was damals passiert ist und das soll auch nicht vergessen werden", sagt der mittlerweile 90-Jährige.

Hintergrund:

Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAA)

Im Landkreis Schwandorf sollte die zentrale Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland gebaut werden. Der aus Steuermitteln finanzierte Bau, begonnen 1985 und wurde von massiven Protesten von Teilen der Bevölkerung begleitet. Bundesweit formierte sich Protest unter dem Slogan „Stoppt den WAAhnsinn“. Auch österreichische Politiker und Organisationen sprachen sich gegen das Projekt aus. Die WAA gilt als eines der umstrittensten Bauprojekte in der Geschichte der Bundesrepublik. 1989 wurde der Bau eingestellt. Heute ist auf dem Gelände ein riesiges Gewerbegebiet entstanden, wo auch Deutschlands größte Kart-Rennbahn betrieben wird. Es arbeiten 3500 Menschen auf dem ehemaligen WAA-Gelände im Taxöldener Forst.

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