15.04.2021 - 12:00 Uhr
OberpfalzOTon

Fußballfans im Lockdown: TV-Ultras, Gänsehaut und Sehnsucht nach dem Kiez

Seit über einem Jahr sind kaum mehr Fans in deutschen Stadien zugelassen. Die Pandemie. Wie geht es jungen Fußballfans? Funktioniert Fußball für sie auch ohne Arena-Erlebnis? Fünf Oberpfälzer Anhänger gewähren Einblick in ihre Fanseele.

Stadion-Tristesse auf dem Hamburger Kiez. Für Fußballfans ist die Lockdown-Phase ohne Stadionbesuch eine schwere Zeit. Wie halten sich junge Oberpfälzer Anhänger über Wasser?
von Florian Bindl Kontakt Profil

Als Christian vor ein paar Tagen durch seine Snapchat-App wischte, tauchte ein kurzes Video aus dem Regensburger Stadion auf. Eine Erinnerung an ein Heimspiel vor zwei Jahren. Nur wenige Sekunden, wacklig, von ihm gefilmt. "Ich hatte sofort Gänsehaut." Der 19-Jährige wohnt zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Michael in einer Wohnung in Tännesberg. Beide sind leidenschaftliche Fans von Jahn Regensburg. Einerseits. Gleichzeitig unterstützt Christian Borussia Dortmund, Michael ist Bayernfan seit früher Kindheit. Der Lockdown samt leerer Stadien setzt ihnen zu. "Der Jahn ist wie eine größere Familie. Wir stehen normalerweise hinter dem Tor bei den Ultras", erzählt Michael. In der vergangenen Saison war er bis zum Pandemie-Beginn bei fast jedem Heimspiel. "Wenn ein Tor fällt, umarmst du plötzlich den unbekannten Alten neben dir." Seit Corona völlig undenkbar. "Ich weiß nicht, ob die Stadien nach der Pandemie gleich wieder so voll sind. Vielleicht sind die Leute schon zu sehr von Menschenmassen entfremdet", vermutet Michael.

Christian (links) und Michael vermissen die Heimspiel-Erlebnisse mit ihrem SSV Jahn Regensburg sehr. Trotz der Rivalität zwischen Dortmund und dem FC Bayern wohnen die Brüder zusammen in einer Wohnung in Tännesberg.

Freilich verfolgen beide ihre Vereine auch zuhause im Wohnzimmer. "Das Wochenende gehört dem Fußball. Ich könnte gar nicht anders, als Fußball schauen, wenn ich daheim bin", erklärt Christian. Aber auch die Fernseh-Spiele seien ohne Zuschauer zunächst extrem seltsam gewesen. "Mittlerweile ist es aber fast ungewohnt, wenn du wieder Fans hörst wie bei der Club-WM in Katar." Wann sind in Deutschland wieder Tausende grölende Anhänger auf den Rängen erlaubt? "Frühestens im nächsten Frühjahr", befürchten beide.

Fernbeziehung mit dem Kiez

Paul aus Pirk studiert in Leipzig und ist Fan des FC St. Pauli auf dem Hamburger Kiez. Sein Fan-Lebenslauf führt also einmal der Länge nach durch Deutschland. Schuld ist sein Papa, der ihn, als er elf Jahre alt war, mit ins Stadion nahm. Nach Fürth. Im Pauli-Auswärtsblock. "Da war es um mich geschehen", sagt Paul heute. Mit dem Weidener Fanclub "Paulizeirevier" ist er seitdem bei Auswärtsspielen seines Herzensvereins dabei. Ein bis zweimal pro Jahr fährt er in den Norden, nach Hamburg, ins Stadion am Millerntor.

Ein bis zweimal pro Jahr war Paul am Hamburger Millerntor im Stadion des FC St. Pauli.

Die Ausflüge mit dem Fanclub vermisst er derzeit am meisten. 10 bis 20 Paulianer aus der Oberpfalz sind meist dabei. "Mit dem Kleinbus den ganzen Tag unterwegs sein, in einer anderen Stadt sein, das ist schön. Wie kommt man sonst schon nach Heidenheim?" Jetzt, da die Pandemie jeden Stadionbesuch verhindert, passiert es ihm sogar manchmal, dass er Spiele von St. Pauli verpasst. "Das gab es vorher nie. Ich habe jedes Spiel zumindest am Fernseher verfolgt." Es mache einfach nicht mehr so viel Spaß. "Die Lust, Fußball zu schauen, nimmt ohne Zuschauer stetig ab."

Sextuple und ein bisschen Wehmut

Wenn Johannes über seine Bayern spricht, ist ihm das rote Fan-Gen anzumerken. Und es ist zu spüren, wie sehr ihn die leeren Stadien schmerzen. "Ausgerechnet in der erfolgreichsten Zeit dieses Vereins nicht live dabei sein zu können, das tut schon weh." Ein Sextuple, wie er es nennt, die historischen sechs Titel der Bayern im vergangenen Jahr, ohne Zuschauer? Bitter. Die Stadion-freie Zeit überbrückt der 23 Jahre alte Schwandorfer mit TV-Fußball. "Ich verfolge fast alles, was irgendwo zu sehen ist." Eine Zeit lang sei das mit leeren Stadien sogar sehr spannend gewesen. Denn: "Man konnte plötzlich die Rufe der Trainer und Spieler verstehen. Thomas Müller hörst du überall raus." Für ihn, der neben dem Studium als Sportjournalist arbeitet, bietet das ungewohnte Einsichten in die Abläufe auf dem Feld.

Johannes (rechts) neben Bayern-Trainer Hans-Dieter-Flick im Januar 2020.

Alledem zum Trotz: "Es fehlt etwas, die Fans im Hintergrund, der zwölfte Mann. Wenn ich ein Fußballspiel im TV verfolge und du merkst, da sind Fans im Hintergrund, dann geht dir das Herz auf." Selbst wenn ein stinklangweiliges Spiel 0:0 ausgeht, habe er das Gefühl: "Das Spiel ist besser." Noch viel mehr vermisst er es freilich, selbst wieder in der Kurve zu stehen – oder zumindest auf der Pressetribüne Platz zu nehmen. "Dort hat man einen anderen Blick aufs Spiel und kann mit anderen über Fußball reden." Ohne Zuschauer sei Fußball auf Dauer langweilig. Immerhin, glaubt Johannes, seien die Spiele ohne Fans im Stadion "einen Tick fairer geworden. Weil weniger Emotionen drin sind, die die Fans normalerweise reinbringen."

"Das hätte ich nicht überlebt"

Von besonders emotionalen Momenten kann Florian ein melodramatisches Lied singen. Sein 1. FC Nürnberg schlingert seit knapp zwei Jahren wieder durch die 2. Liga, im vergangenen Sommer wäre der Traditionsverein beinahe in die Drittklassigkeit gespült worden. Zusammen mit Freunden verfolgte der 24 Jahre alte Moosbacher das Relegations-Rückspiel gegen Ingolstadt. Im TV, versteht sich. Ohne Fans auf der Tribüne. Die letzten Minuten, inklusive des rettenden Last-Second-Treffers der Nürnberger, verbrachte er zitternd. "Ich konnte mein Glas nicht mehr halten." Hätte ich dieses Spiel mit Fans im Stadion geschaut", so glaubt er heute: "Das hätte ich nicht überlebt."

Einen der emotionalsten Fan-Momente der vergangenen Jahre hat Florian nur am TV erlebt. Und überlebt.

Allem Überlebensinstinkt zum Trotz hat er gerade die erste Zeit der Geisterspiele als "absolut schrecklich" wahrgenommen. Steriler, lebloser sei der Fußball seither. "Es fehlen die Emotionen, die einer Mannschaft manchmal noch den letzten Schub geben." Freilich, als Club-Fan fährt man nicht mit der Erwartungshaltung eines erfolgreichen Spektakels zum Stadion. Gerade deshalb lebe sein Verein von der elektrisierenden Atmosphäre vor dem Spiel. "Seit ich 2006 zum ersten Mal im Stadion war, läuft das Lied 'Ecstasy of Gold' beim Einzug der Fahnenträger." Das ist sein Lied. "Jedes Mal habe ich Gänsehaut am Rücken, an den Armen, auf den Händen. Das kann nur ein Live-Erlebnis im Stadion leisten." Ohne seine Fans könne der Fußball vielleicht ökonomisch überleben. Gerade für die reicheren Vereine sei das kaum ein Problem. "Aber aus emotionaler Sicht ist es eigentlich wertlos." Solange man das Erlebnis Ingolstadt außen vor lässt.

Im Stadion trotz Pandemie: So lief das kurze Fan-Experiment im Herbst

Nürnberg
Hintergrund :

Der Profifußball in der Pandemie

  • 11. März 2020: Erstes Geisterspiel seit der Pandemie in Deutschland
  • 14. März 2020: Unterbrechung der Bundesliga-Spielzeit
  • 16. Mai 2020: Fortsetzung der ersten beiden deutschen Ligen ohne Zuschauer
  • 18. September 2020: Erster Spieltag der laufenden Saison mit zu 20 Prozent gefüllten Stadien
  • 29. Oktober 2020: Erneutes Verbot von Zuschauern in deutschen Stadien
  • Seit März 2021: Erneute Versuche mit wenigen Hundert Zuschauern, etwa bei Drittligist Hansa Rostock
  • Juni/Juli 2021: Europaweit ausgetragene Fußball-EM. Welche Spielorte Zuschauer zulassen wollen, ist noch nicht endgültig geklärt. Einige Städte wollen aber die Stadien mit bis zu 68.000 Menschen füllen, etwa Budapest in Ungarn.

 

 

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