19.02.2021 - 18:16 Uhr
OberpfalzOTon

Flirten über Zoom? Wie Corona das Leben von Jugendlichen verändert

Clubs geschlossen, Treffen mit Freunden verboten und eine Fernbeziehung per Handy wie internationale Manager: Sind Liebe und Lockdown vereinbar? Was Corona für das Gefühlsleben von Jugendlichen bedeutet: Eine Schülerin aus Weiden berichtet.

Ein riesiger Teddy als Kuschel-Ersatz: Weil sie ihren Freund wegen Corona kaum mehr sieht, hat er Angelica einen Bären geschenkt.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Händchen haltend durch den Park schlendern, im Kino kuscheln, zum Kerzenschein-Dinner in die Lieblingspizzeria: Pärchen pflegen viele Rituale – normalerweise. Denn wenn Ausgangsbeschränkungen nächtliche Dates vermiesen und Masken jedes laszive Zucken der Mundwinkel verdecken, verändert sich durch die Pandemie auch das Liebesleben. Lässt sich eine Beziehung wirklich über Whatsapp und Zoom führen? Oder spielt sich das Leben der Jugendlichen von heute als „digital natives“ sowieso nur noch im Internet und auf dem Smartphone ab?

„Dass ich meinen Freund nicht sehen kann, das stört mich am meisten“, klagt Angelica Frau. „Er war meine Stütze, hat mich immer aufgebaut. Über Whatsapp lässt sich das nicht ersetzen.“ Trotz Beziehung und einer intakten Familie mit zwei Geschwistern ist die 16-jährige Weidenerin oft allein. Wie viele Jugendliche trifft sie der monatelange Lockdown hart. „Ich fühle mich schon oft einsam“, gesteht Angelica. Beide Eltern sind in Vollzeit berufstätig, die älteren Geschwister außer Haus oder abgetaucht in der Welt des Internets. „Der hat wirklich schon viereckige Augen, weil er den ganzen Tag zockt“, sagt die Jugendliche über ihren Bruder.

Fernbeziehung übers Smartphone

Ihr Freundeskreis war früher auch Familienersatz, „mit denen konnte ich alles machen“. Das hat sich radikal reduziert. Sie kommt kaum mehr aus dem Haus, trifft außer den Nachbarskindern niemanden mehr. „Wir haben früher nur Hallo zueinander gesagt. Inzwischen aber sind die Nachbarszwillinge meine einzigen Kontaktpersonen außerhalb der Familie.“

Sogar ihren 18-jährigen Freund sieht sie nur noch über das Smartphone. „Er wohnt in Oberviechtach, da kann er auch nur schwer herkommen. Wir haben momentan nur wenig Kontakt.“ Hinzu kommt der Schulstress. „Er geht auf die FOS, schreibt bald sein Abi und lernt viel, weil er auch sehr zielstrebig ist.“

Corona hat die Lebensrealität völlig verändert – zwei Jugendliche führen eine Fernbeziehung wie sonst nur überregional tätige Führungskräfte. Um die Verbindung zu halten, bleiben nur soziale Medien. „Ich versuche so viel wie möglich mit ihm zu chatten. Und alle zwei Wochen telefonieren wir mal.“ Eine Telefonat alle 14 Tage. Ihre erste Beziehung hat sich die 16-Jährige, die im Frühjahr ihre Abschlussprüfung an der Weidener Wirtschaftsschule macht, sicher anders vorgestellt.

Flirten über das Handy

Seit einem Jahr sind beide zusammen. „Wir haben uns kennengelernt kurz bevor Corona begann“, erzählt sie am Telefon. Unter dem Strich hat sie ihren Freund damit über Zoom und die Video-Funktion von Whatsapp wahrscheinlich häufiger gesehen als im echten Leben. „Natürlich ist es anders. In der Realität ist es auf jeden Fall leichter zu flirten. Der Kontakt bleibt letztlich immer oberflächlich“, sagt die Schülerin, die die Situation nüchtern betrachtet. Die Verbindung sei aber noch intakt, ist sie überzeugt. „Es ist schon noch eine Beziehung. Ich bin sehr wählerisch, was Jungs angeht und hoffe, dass Corona bald vergeht, so dass wir wieder mehr Zeit miteinander verbringen können.“

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Zwölf Stunden im Internet

Apropos Zeit. Der Großteil ihres Alltags spielt sich vor dem Handy und dem neu gekauften Laptop ab. 10 bis 12 Stunden am Tag, schätzt Angelica, nutzt sie täglich die Endgeräte. „6 davon gehen allein für die Schule drauf.“ Seit Januar ist die 16-Jährige im Homescooling. Nach dem Unterricht trifft sie sich per Microsoft Teams oder Zoom mit ihren Freunden. „Neulich waren wir zu acht, drei Jungs und fünf Mädels.“ Natürlich gehts dabei auch um Beziehungen. Viele von Angelicas Freundinnen sind Single. „Wir quatschen da viel drüber. Von einigen weiß ich, dass sie auf Lovoo sind.“ Sie selbst verweist auf ihren Freund und sei deshalb nicht auf Dating-Apps angemeldet: „Mich interessieren Jungs jetzt eigentlich nicht mehr, außer freundschaftlich.“

Und selbst wenn die 16-Jährige auf Suche nach einem Partner wäre, sie würde es auf die altmodische Art machen. „Ich würde schauen, über Freunde an jemanden ranzukommen. Denen kann ich vertrauen, dass sie mir niemanden empfehlen, der ein Assi ist.“ Auch in der „Generation Smartphone“ gibt es also noch manchen, der dem Internet als Partnerbörse nicht vertrauen mag.

„Ich versuche so viel wie möglich mit ihm zu chatten. Und alle zwei Wochen telefonieren wir mal.“

Angelica Frau (16)

"Manchmal reicht es"

Doch auch ohne Dating-Apps spielt sich die Freizeit von Angelica und ihren Freunden vor allem abends fast durchgehend im digitalen Raum ab. Sie haben einen eigenen Whatsapp-Chat nur für „lustige Bilder“ – die Clique schickt sich darin Spaß-Fotos zu, wenn einem aus ihren Reihen Zuhause kuriose Dinge passieren. Sie schauen Youtube-Challenges: „Da schütten sich Menschen vor der Kamera kaltes Wasser über den Kopf oder essen einen ganzen Löffel voll Senf.“

Ein Leben wie früher, ohne Corona-Beschränkungen, draußen in der Natur und mit echten Kontakten, kann dies alles nicht ersetzen. Angelica weiß das, und sie spürt es. „Manchmal reicht es. Es nervt oft, den ganzen Tag nur auf dem Schreibtischstuhl vor dem Laptop zu sitzen. Ich bin lieber draußen, bin aktiv und sozial, aber ich kann es halt auch nicht ändern.“

Gassigehen und Putzen

Wenn die Stimmung mal ganz am Boden ist, wird es deshalb laut bei der Schülerin. „Wenn ich mal traurig bin, weil ich ganz einsam bin, dann dreh ich die Musik laut auf und tanze wie wild rum.“ Das helfe, genauso wie die zahlreichen Haustiere, die so öfter sieht als den Rest der Familie. „Wir haben einen Hund, einen Hamster, Wüstenrennmäuse, eine Katze, eine Schlange, sechs Schildkröten, einen Kronengecko und eine Bartagame“, erzählt sie stolz.

Angelica will stark bleiben. Ihren Humor hat sie trotz der belastenden Umstände noch nicht verloren. „Jetzt hat man wenigstens mehr Zeit zum Gassigehen und zum Putzen.“

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