13.03.2020 - 11:49 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOTon

Magersucht: Aufmerksamkeit durch Hungern

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Nach einem schweren Schicksalsschlag geht es Sabrina schlecht. Sie sehnt sich nach Aufmerksamkeit. Diese bekommt sie, indem sie immer dünner wird. Sabrina erkrankt mit 26-Jahren an Magersucht. Ein Teufelskreis beginnt.

Ein schwerer Schicksalsschlag, Trauer und die Suche nach Aufmerksamkeit waren bei Sabrina der Auslöser für Magersucht.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Es gab eine Zeit im Leben von Sabrina (Name geändert), in der sie jedes Salatblatt, das sie essen wollte, auf die Küchenwaage gelegt hat, jede Haferflocke abgewogen hat. "Ich habe zum Teil drei einzelne Flocken zurück in die Verpackung getan, wenn es zu viele waren", erzählt die 28-Jährige aus dem Landkreis Neustadt/WN. Mittlerweile hat Sabrina die Küchenwaage an ihre Mutter verschenkt. Sie wiegt nicht mehr jedes Lebensmittel ab. Probleme mit dem Essen hat sie aber immer noch. Sabrina leidet an Magersucht.

"Angefangen hat alles vor über zwei Jahren", erzählt die junge Frau. Sabrina ist damals 26 Jahre alt, arbeitet als Ingenieurin. Sie steht mitten im Leben. "Magersucht oder Essstörungen allgemein sind keine Teenie-Krankheiten", betont Sabrina. Es gibt viele Menschen, die erst mit 30 oder 40 an einer Essstörung erkranken - darunter auch viele Männer. Hinzu kommt: "Es geht auch nicht immer darum, dass man sich hässlich findet, schlank sein möchte. Oft hängt die Magersucht mit einem anderen Problem zusammen."

Schwerer Schicksalsschlag

Bei Sabrina ist der Auslöser ein schwerer Schicksalsschlag. Der Tod ihres Onkels, der wie ein Vater für sie war, wirft sie komplett aus der Bahn. "Ich war traurig, habe mich alleine gefühlt und wollte Aufmerksamkeit." Durch die Trauer hat Sabrina zudem keinen Appetit. "Ich habe abgenommen und gemerkt, dadurch bekomme ich Aufmerksamkeit." Ein Teufelskreis beginnt.

Sabrina leidet unter verschiedenen Nahrungsmittelallergien und darf viele Lebensmittel nicht essen. Dadurch fällt auch nicht auf, dass sie immer weniger isst. "Familie und Kollegen waren es gewohnt, dass ich wegen der Allergien auf Feiern nichts esse." Wegen ihrer Allergien schreibt die heute 28-jährige Frau damals schon ein Ernährungsprotokoll. "Da habe ich mir gedacht, wenn ich eh schon aufschreibe, was ich esse, schreib ich doch gleich noch dazu, wie viel Kalorien das alles hat." Sabrina hat versucht, nicht mehr als 500 bis 600 Kalorien am Tag zu sich zunehmen. Zum Vergleich: Das entspricht etwa zwei Brezen - ohne Butter. Am Ende hat sie einen BMI von 14. Der Body-Mass-Index bewertet das Gewicht eines Menschen in Korrelation zu seiner Körpergröße. Ab einem BMI von zwischen 17 und 18 spricht man von Untergewicht.

Herzrasen und Haarausfall

Irgendwann merkt sie selbst, dass es so nicht weitergehen kann. "Mir ging es körperlich allgemein sehr schlecht. Ich litt an trockener Haut, mir sind die Haare ausgefallen und ich hatte Herzrasen." Sabrina geht zum Arzt - und macht so den ersten Schritt für eine Therapie.

Das ist nun zweieinhalb Jahre her. Seitdem hat die junge Frau 60 ambulante Therapiestunden bei einem Psychotherapeuten absolviert. Mehr sind aktuell nicht möglich, da der Therapeut sie nicht weiter behandeln will. "Er ist der Meinung, ich mache zu wenige Fortschritte." Sabrina fühlt sich von ihrem Therapeuten im Stich gelassen. Sie weiß aber auch, dass sie nur sehr kleine Schritte zurück in ein normales Leben macht. "Es ist sehr schwer für mich. Dazu kommen weitere Todesfälle, die mich zurückgeworfen haben: Opa, Tante und meine Klavierlehrerin."

Klavierspielen zur Ablenkung

Das Klavierspielen hilft Sabrina, sich von ihrer Krankheit abzulenken - und nicht immer an die Thematik "Essen" zu denken. Ihr Rat an andere Betroffene: "Macht, was euch Spaß macht. Etwas, bei dem ihr Rückmeldung bekommt, dass ihr ein toller Mensch seid, unabhängig von eurem Aussehen." Es sei wichtig, das Selbstbewusstsein zu stärken. Sie selbst hat mit Yoga angefangen und einen Sanitätskurs belegt.

Ein weiterer Ratschlag der 28-Jährigen: "Geht offen mit der Krankheit um, verheimlicht es nicht." Sabrina hat mit ihrer Mutter geredet, mit ihren zwei besten Freundinnen, die eine große Stütze für sie sind, und ihrem Arbeitgeber. Letzteres habe sie viel Überwindung gekostet. "Aber ich habe gemerkt, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann." Ihre Vorgesetzten seien sehr offen gewesen, da sie selbst schon Erfahrungen mit Personen mit psychischen Erkrankungen gemacht hatten." Auch mein Arzt und meine Ernährungsberaterin haben immer ein offenes Ohr für mich." Die Suche nach einem neuen Therapeuten gestaltet sich schwierig. "Die haben alle sehr lange Wartelisten", erzählt sie. Oder sie bekommt Absagen mit den Worten "Suchen Sie sich jemand anderen" oder "Gehen Sie in eine Klinik". In Kliniken werde sie aber sofort abgelehnt, sobald ihre Nahrungsmittelallergien zur Sprache kommen: Diese zu berücksichtigen sei zu aufwendig. "Und speziell in der Essstörungsgruppe könnte ein extra für mich zubereitetes Essen zu Konflikten führen." Sabrina hat aber eine neuen Therapeuten gefunden und versucht nun, mit dessen Hilfe einen Weg aus der Essstörung zu finden.

Mehr Hilfsangebote

Grundsätzlich wünscht sie sich mehr Angebote und Möglichkeiten - gerade im ländlichen Raum. "Ich habe zum Beispiel mit einer Beratungsstelle telefoniert. Dort gab es genau eine Frau, die sich mit Magersucht auskannte." Mit dieser sei sie aber persönlich nicht klar gekommen. "Ich rede lieber mit Männern. Bei Frauen denke ich immer ‚Die ist nur neidisch und will deswegen, dass ich zunehme‘."

Sabrina weiß, dass sie krank ist und etwas unternehmen muss. Das ist aber nicht einfach. Sabrina spricht von einem Zwang, beschreibt diesen wie zwei Stimmen im Kopf. Beim Einkaufen zum Beispiel. "Wenn ich überlege, Milchreis zu kaufen, sagt diese Stimme ‚das sind aber 12 Gramm Zucker mehr, die du dann zu dir nimmst‘." Oder wenn sie mit Freundinnen Frühstücken geht. "Ich bestellte dann genau drei Esslöffel Haferflocken und 150 Milliliter fettarme Milch. Und sage auch noch einmal, dass es auf keinen Fall mehr sein darf und wenn das Essen dann kommt, frage ich noch einmal nach, ob das auch wirklich fettarme Milch ist."

Kleine Schritte

Die junge Oberpfälzerin schafft es trotzdem, kleine Schritte in die richtige Richtung zu machen. Sie wiegt ihre Lebensmittel nicht mehr auf das Gramm genau ab. "Aber ich habe immer noch im Kopf, wieviel Kalorien bestimmte Lebensmittel haben." Das sei auch der Grund, warum sie zu den gleichen Dingen greife. "Ich esse mittlerweile wieder zwischen 900 und 1000 Kalorien am Tag. An guten Tagen, an denen ich mutig bin, schaffe ich auch mal 1500 Kalorien", ergänzt sie. Natürlich ist das immer noch zu wenig. Für Sabrina ist das aber schon ein Erfolg. "Wenn ich es schaffe, so mein Gewicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu halten, werde ich mich belohnen - vielleicht mit einem Helikopterflug." Belohnungen seien wichtig. Sabrinas größte Motivation aber ist, dass ihre Schwester im Sommer ihr zweites Kind erwartet. "Das möchte ich aufwachsen sehen - und nicht an Magersucht sterben."

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