15.07.2021 - 14:42 Uhr
KonnersreuthOTon

Der Blasmusik-Mikrokosmos

Redakteurin Vanessa Lutz hat kürzlich zum ersten Mal in ihrem Leben ein Blasmusikkonzert miterlebt - genauer gesagt die Probe einer Kapelle mitten auf einem Dorfmarktplatz. Es war ein Akt der Offenbarung.

Blasmusik verbindet - und sorgt für ein paar spannende Beobachtungen.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Trompeten, Posaunen, Querflöten: Vor wenigen Tagen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben zünftige bayerische Blasmusik live gehört. Mitten auf einem Dorfmarktplatz, zwischen Kirche und dem Geburtshaus einer überregional bekannten katholischen Persönlichkeit. Ein Freund aus besagtem Ort, der mich in völliger Unwissenheit vor dem Bevorstehenden eingeladen hatte, wies mich kurz zuvor darauf hin, dass ich mich am besten auf gar keinen Fall zu meiner Religionszugehörigkeit äußern sollte - hier herrsche schließlich strenger Katholizismus und der werde sehr ernst genommen. Er lachte dabei, blickte mich allerdings mit Nachdruck an. Ich bin, Sünde, vor einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Also bloß nicht auffallen.

Auf dem Land ticken die Uhren nun einmal anders. Tradition wird großgeschrieben. Wo andernorts Kinder und Jugendliche Blasmusikkapellen mit der schwerfälligen, altertümlich anmutenden Musik womöglich für unzeitgemäß und verstaubt halten, spielen die Heranwachsenden hier mit Leidenschaft und Inbrunst. Dirndl und Lederhose sind der Musikanten zweite Haut. Brav und adrett wirkten sie. Die angebotene Maß kippten sie trotzdem in wenigen Zügen hinunter.

Gespielt wurde erst, als die Messe in der Kirche nebenan zu Ende war. Ist immer so, wurde ich mit einer aufrichtigen Selbstverständlichkeit aufgeklärt. Die Kapelle begann souverän zu spielen, führte mit mehreren Stücken durch den lauen Sommerabend. Je später die Uhrzeit, desto ausgelassener die Stimmung. Ein Prosit! Mein guter Freund, begeisterter Musikliebhaber und -kenner, wippte mit den Händen im Takt, gab ab und an einen qualifizierten Kommentar ab. Mein Blick schweifte durch die Menge, der ganze Marktplatz war über und über voll von Besuchern aus dem Dorf selbst und umliegenden Kleinstädten. Die Stimmung? Ausgelassen. Der Pegel? Allmählich hoch.

Niemals hätte ich zuvor gedacht, freiwillig auf solch ein Freilichtkonzert der anderen Art zu gehen. Mein Musikgeschmack geht da eher konträr, vorsichtig formuliert. Die Situation spielte sich vor meinen Augen ab wie ein Film. Klischees wurden bedient. So mischte sich die örtliche Lokalprominenz unters Volk, heischte zum Teil nach maximaler Aufmerksamkeit - und wurde mit leiser Stimme an den Tischen umgehend abgewatscht. Jeder neue Besucher wurde genauestens beäugt. Unverhohlen. Das alles unter den Augen Gottes. Jung in Tracht mischte sich zwischen alt mit Bier.

Habe ich diesen Ausflug in dieses örtliche Paradoxon - Kirche und heiliges Geburtshaus auf der einen Seite und zünftiges Besäufnis auf der anderen - bereut? Nein, tatsächlich nicht. Der Grund ist einfach. Lässt du dich voll und ganz auf die Situation ein, wirst du sofort integriert - auch als "Fremder". Ein gemeinsames Bier bricht das Eis. Blasmusik verbindet. Verrückte Welt.

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