23.09.2021 - 10:55 Uhr
OTon

Faule Delikatesse

Die Dose sollte keinesfalls im Haus geöffnet werden. Manche übergeben sich, wenn sie Surströmming essen. Und einige Fluglinien verbieten den Transport wegen Explosionsgefahr. Tobias Gräf hat sich einer kulinarischen Mutprobe gestellt.

Zum Glück transportieren Bilder keine Gerüche: Der beißend-faulige Gestank, der aus einer Surströmming-Dose mit fermentierten Hering entweicht, ist nichts für zarte Nasen.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Ich habe mich verleiten lassen. Zu einem kulinarischen Erlebnis der ganz besonderen Art. Im Mittelpunkt stand dabei eine fragwürdige „Spezialität“ aus Schweden: Surströmming – ein in Salzlake eingelegter Hering aus der Ostsee, der erst dann in Konservendosen verpackt wird, wenn er bereits zu gären begonnen hat. Hört sich eklig an? Ist es auch! Das Online-Lexikon Wikipedia beschreibt die absonderliche Fischspeise nüchtern als: „Sie riecht intensiv, faulig und stinkend.“ Dass es sich hierbei um eine maßlose Untertreibung handelt, kann ich inzwischen aus eigener, gewissermaßen leidvoller, Erfahrung bestätigen.

So weit gekommen ist es, weil ich mich im Freundeskreis auf einer Kirwa-Veranstaltung zu später Stunde zu einer Zusage habe hinreißen lassen, einer solchen Verköstigung beizuwohnen. Schließlich sei dies eine schwedische National-Delikatesse, die früher dort als Alltagsnahrung weit verbreitet war und heute gerne mit warmen Kartoffeln, Zwiebeln und Bier gereicht wird. Außerhalb Skandinaviens würden sich zwar viele beim ersten Bissen übergeben, doch wer unerschrocken sei und kulinarisch über den Teller-, äh, Dosenrand blicken will, komme um diese De-facto-Mutprobe nicht herum, ließ ich mir sagen.

Nur unter Wasser öffnen

Klar, dass ich bei dem Spaß dabei sein wollte. Die Surströmming-Dose haben wir nicht nur bequem über Amazon bestellt, im Internet gibt es auch zahlreiche Tipps – und Warnungen – für den Umgang damit. So verweigern manche Fluglinien den Transport der Delikatesse: Weil sich die Dosen wegen der Faulgase häufig wölben, besteht bei Unterdruck Explosionsgefahr. Kurz vor dem Verzehr wenig beruhigend wirkte auch der dringende Rat, wegen des bestialischen Gestanks den Hering keinesfalls im Haus zu öffnen – sondern mit Handschuhen, eingetaucht in einen Eimer voll Wasser.

Als wir den Schimmel-Fisch schließlich im Garten aus seiner milchig-grauen Salzlake befreiten und auf ein Vollkornbrot legten, breitete sich tatsächlich über mehrere Meter eine aggressive Wolke aus, die an ein verwestes Tier im Kanalrohr erinnerte und einer olfaktorischen Vergewaltigung glich. Der erste Biss kostete Überwindung, war dann aber überraschenderweise nicht so schrecklich wie befürchtet. Der Salz-Geschmack dominierte, konnte aber einen bitteren Nachgeschmack nicht verhindern. Geschüttelt hat es mich bei dem Vergnügen mehrmals, doch es blieb alles drin. Sollte man dies einmal gegessen haben. Unbedingt – aber eben nur einmal.

Im Ostsee-Urlaub hat Kolumnist Florian Bindl der Bahnstreik getroffen

OTon
Schaut nicht ungewöhnlich aus, doch der Inhalt hat es in sich: Fermentierter, sprich verfaulter Ostsee-Hering - der in Schweden als Delikatesse gilt.
Hintergrund:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.