05.03.2021 - 09:18 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Vollblutfußballer und Trainer: Günter Güttler findet Weiden richtig toll

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Breitner schlug ihn vor, Matthäus ebenso: Günter Güttler hatte prominente Fürsprecher, eine Berufung in die Fußball-Nationalelf blieb ihm aber verwehrt. Egal. Seine Vita ist auch so beeindruckend. Eine spezielle Rolle spielt Weiden.

Von allen Vereinen, für die Günter Güttler in der Bundesliga spielte, war die Station beim FC Schalke 04 die aufregendste. Die Szene zeigt ihn in der Auftaktpartie der Bundesligasaison 1992/93, die der FC Schalke gegen die SG Wattenscheid 09 mit 3:4 verlor.
von Alfred Schwarzmeier Kontakt Profil

Eigentlich hätte Günter Güttler Grund genug, einen weiten Bogen um Weiden zu machen. Denn so übel mitgespielt wie hier wurde ihm selten in seiner Karriere als Fußballprofi und Trainer. "Es hörte sich alles so gut an. Es schien wie ein Sechser im Lotto, was da bei der SpVgg Weiden passiert", erzählt der 59-Jährige über jene Kontaktaufnahme im März 2010. "Es gab einen Dreijahresplan, die Euphorie war groß. Und ich habe mich wahnsinnig gut gefühlt mit der Aufgabe bei so einem Traditionsverein."

Die Ernüchterung folgt schnell: Binnen weniger Monate fällt das Kartenhaus beim Regionalliga-Emporkömmling in sich zusammen. "Es war für mich damals nicht vorstellbar, dass Michael Fritsch hinwirft", blickt Güttler zurück. Doch genau das passiert: Rückzug des Vorsitzenden und Geldgebers, wirtschaftlicher Notstand, Insolvenz. Güttler findet es heute noch schade, was sich damals rund um die Spielvereinigung abspielte. "Es hat mich richtig geärgert."

Das sportlich-finanzielle Fiasko war die eine Seite, die besondere Beziehung zu Weiden als liebenswerte Stadt eine andere. "Ich habe hier viele nette Menschen getroffen und Freunde gewonnen. Ich finde Weiden richtig toll", lautet die Liebeserklärung des in Erlangen geborenen Vollblutfußballers, der sich mit einem Paukenschlag aus Weiden verabschiedet. Noch einmal sitzt er 2013 im Wasserwerkstadion auf der Trainerbank. Es ist das "Traumspiel" des FC Bayern, das erste Spiel des frischgebackenen Champion-League-Siegers unter Pep Guardiola. Und Güttler coacht vor 11 000 Zuschauern den Gegner, eine bunt zusammengewürfelte Regionalauswahl.

Günter Güttler (rechts, daneben Spieler Jan Fischer) war 2010 einige Monate Trainer beim damaligen Regionalligisten SpVgg Weiden, der nur kurze Zeit später in die Insolvenz ging.

Weiden - das ist nur eine von vielen Episoden in Güttlers Karriere. Am Anfang steht Herzogenaurach. Dort spielt er beim 1. FC Herzogenaurach mit dem späteren Weltfußballer Lothar Matthäus in der Schülermannschaft, ehe es ihn als 15-Jährigen zum Ortsrivalen ASV zieht. "Beide Vereine hatten damals ein Verhältnis wie Dortmund und Schalke", schmunzelt Güttler. Aufstieg mit der A-Jugend in die Bayernliga, Sondergenehmigung für die Landesliga-Mannschaft: Mit 17 Jahren muss er als Mittelfeldspieler seinen Mann stehen. "In Zwiesel oder Vohenstrauß anzutreten, das war hartes Brot", sagt er über seine Anfänge im Seniorenbereich.

Und die verlaufen so gut, dass man andernorts auf ihn aufmerksam wird. Gladbach klopft an, Güttler nimmt Urlaub für ein Probetraining bei Jupp Heynckes. Doch sein Arbeitgeber adidas, bei dem Güttler eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert, bekommt alles spitz. Ein solches Talent ins Rheinland abgeben? Nein. Der Weltkonzern organisiert ein Probetraining beim FC Bayern und der 19-jährige Jungspund erhält den Zuschlag. Nur einer ist stocksauer. "Lothar Matthäus war ein Spezl von mir. Und der wollte, dass ich unbedingt zu ihm nach Gladbach gehe."

Drei Jahre trägt Güttler das Trikot der Bayern. Es sind Lehrjahre. Euphorie steigt in ihm hoch, als er 1982 im Finale des Europapokals der Landesmeister in der 52. Minute eingewechselt wird. Das Endspiel gegen Aston Villa geht 0:1 verloren, aber Güttler glaubt an seinen Durchbruch: "Ich dachte, ich habe es geschafft." Aber dem ist nicht so. Es folgt 1983 der Wechsel nach Belgien, zum KV Mechelen, "mein schlimmstes Jahr überhaupt".

Es geht zurück in die Heimat: Mit dem 1. FC Nürnberg gelingt der Bundesliga-Wiederaufstieg. Güttler ist einer der Eckpfeiler der "Fohlen"-Elf um Hans Dorfner, Dieter Eckstein und Stefan Reuter, er spielt sich in den Blickpunkt. So sehr, dass Paul Breitner auf den Plan tritt. "Reuter und Güttler in die Nationalelf" lautet dessen Wunsch nach dem gegen Argentinien verlorenen WM-Finale 1986.

Doch die Forderung verhallt ungehört. Güttler macht sich stattdessen 1987 auf zum SV Waldhof Mannheim. Unter Trainer Günther Sebert läuft der Mittelfeldspieler zur Bestform auf. "1990 war mein stärkstes Jahr als Profi", urteilt Güttler. Erneut kommt kurz vor der WM 1990 die Nationalmannschaft ins Spiel. Matthäus meldet sich, will ein gutes Wort bei Franz Beckenbauer einlegen. Doch der "Kaiser" zieht nicht. Auch weil Güttler mittlerweile in die 2. Bundesliga gewechselt ist. "Ich hatte Angebote vom HSV und Gladbach", sagt Güttler. Aber dann erhält Schalke 04 den Zuschlag, weil Matthäus ihm zurät: "Wenn du dir ein Denkmal setzen willst, dann geh' zu Schalke."

Es ist eine Entscheidung, die Güttler bis heute nicht bereut. "Es waren die schönsten vier Jahre meiner Karriere." Unter Peter Neururer avanciert er zum Abwehrchef, spielt sich in die Herzen der Fans im Revier. "Die Fußballfans dort vergessen dir nicht, was du für den Verein leistest." Die aktuelle Krise bei den Königsblauen beschäftigt Güttler mehr als ihm lieb ist: "Es tut weh, diesen Niedergang zu verfolgen. Ich glaube, viele Spieler dort wissen nicht, dass es etwas Besonderes ist, für diesen Klub aufzulaufen."

Walter Hofmann ein ehemaliger SR-Assistent in der Bundesliga

Vohenstrauß

Ein Achillessehnenriss beendet jäh das Kapitel in Gelsenkirchen. Der neue Manager Rudi Assauer holt Olaf Thon zurück, für Güttler ist kein Platz mehr. Der FC Bayern zeigt Interesse, nimmt aber wegen der hohen Ablösesumme Abstand. Güttler zieht einen Schlussstrich unter die Profikarriere, lässt seine aktive Zeit bei der SpVgg Fürth in der Regionalliga ausklingen. Dann ein überraschender Anruf. Peter Neururer, mittlerweile Chefcoach beim 1. FC Köln, holt Güttler als Co-Trainer in die Domstadt - der Einstieg ins Trainergeschäft. Parallel dazu legt Güttler die Prüfung zum Fußballlehrer an der Sporthochschule Köln ab.

Als sich Köln 1998 von Neururer trennt, muss auch Güttler gehen. "Ich wollte damals nichts mehr mit Fußball machen." Doch das runde Leder lockt: ASV Neumarkt, Rapid Wien (Co-Trainer unter Matthäus), SSV Jahn Regensburg. Als "Feuerwehrmann" geholt, kann Güttler 2006 den Jahn-Abstieg in die Bayernliga nicht verhindern, schafft aber prompt den Wiederaufstieg und eine Saison später die Qualifikation für die 3. Liga. Die Entscheidung, aus dem laufenden Vertrag auszusteigen und zu Wacker Burghausen zu wechseln, bereut er heute noch. "Burghausen funktionierte nicht." Dem Fiasko in Weiden folgen die letzten Trainerstationen: SB DJK Rosenheim und TSV Ampfing.

In Rosenheim hat Güttler seit sieben Jahren seine Zelte aufgeschlagen. Ein überregional aufgestelltes Autohaus hat ihm die Möglichkeit gegeben, "ins normale Leben zurückzukehren", wie Güttler es ausdrückt. Dem Mittelfranken gefällt es im Oberbayerischen: "Der Freizeitwert, die Nähe zu den Bergen. Das ist ideal." Und auch seine drei erwachsenen Kinder sind nicht weit weg, wohnen in München, Salzburg und Wien. Fußball ist nicht mehr Beruf, sondern Hobby. Seit zwei Jahren agiert er beim Landesligisten SB DJK Rosenheim als Sportlicher Leiter. Der Verein ist eine Kooperation mit dem TSV 1860 Rosenheim (Regionalliga) eingegangen. "Wir wollen junge Spieler aufbauen", sagt er. So sehr er Rosenheim mag, die Verbindung in die nördliche Oberpfalz gibt er nicht auf. "Ich bin ein-, zweimal im Jahr in Weiden", sagt er. "Dort gibt es Menschen, die mir etwas bedeuten."

Günter Güttler lebt seit sieben Jahren in Rosenheim. Beim SB DJK Rosenheim war der Ex-Profi 2013/14 Trainer, seit zwei Jahren übt er das Amt des Sportlichen Leiters aus.
Info:

Zur Person: Günter Güttler

  • Geboren am 31. Mai 1961 in Erlangen
  • Vereine als Jugendspieler: SC Herzogenaurach, 1. FC Herzogenaurach, ASV Herzogenaurach (2 Spielzeiten A-Jugend Bayernliga)
  • Stationen als Spieler: ASV Herzogenaurach (1978 - 1980), FC Bayern München (1980 - 1983), KV Mechelen (1983/84), 1. FC Nürnberg (1984 - 1987), SV Waldhof Mannheim (1987 - 1990), FC Schalke 04 (1990 - 1994), SpVgg Fürth (1994 - 1996)
  • Höhepunkte als Spieler: Deutscher Meister (1981), Finalist im Europapokal der Landesmeister 1982 (FC Bayern gegen Aston Villa 0:1), DFB-Pokal-Sieger (1982)
  • Stationen als Trainer: 1. FC Köln/Co-Trainer unter Peter Neururer (1996 - 1998), ASV Neumarkt (1998 - 2001), Rapid Wien/Co-Trainer unter Lothar Matthäus (2001 - 2003), SSV Jahn Regensburg (2006 - 2008), SV Wacker Burghausen (2008/09), SpVgg Weiden (2010), SB DJK Rosenheim (2013/14), TSV Ampfing (2015/16)
  • Sportliche Erfolge als Trainer: 2007 Wiederaufstieg in die Regionalliga Süd und Qualifikation für die 3. Liga mit Jahn Regensburg
  • Sportlicher Leiter: SB DJK Rosenheim (seit 2018)

 

 

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