22.01.2021 - 17:29 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Michael Dornheim: Als Volleyballer einst internationale Klasse

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Es könnte die Eine-Million-Euro-Frage bei Günther Jauch sein: Wer war Deutschlands Volleyballer des Jahres 1993? So viel vorneweg: Die Wurzeln der richtigen Antwort liegen in Weiden.

Ein Zuspieler von besonderem Format: Michael Dornheim (links) bei der Volleyball-EM 1993 in Aktion.
von Alfred Schwarzmeier Kontakt Profil

Man kennt es vom Fußball: Wenn es um Ehrungen und Auszeichnungen geht, setzen sich meist jene Spieler durch, die mit Angriffsaktionen glänzen, viele Tore schießen, Spiele im Alleingang entscheiden. Typische Beispiele: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. "Die Dynamik des Angreifers ist oft die entscheidende Komponente", weiß Michael Dornheim um die grundsätzlichen Mechanismen einer Sportlerwahl.

Und doch bestätigen Ausnahmen die Regel. Wie im Fall von Dornheim. 1993 kürten die Leser des etablierten Volleyball-Magazins den gebürtigen Weidener zum besten nationalen Volleyballer des Jahres. Und dies, obwohl seine Spielposition nicht unbedingt dafür prädestiniert war. "Zuspieler stehen normalerweise ja nicht so im Blickpunkt. Aber ich hatte damals eine extrem gute Saison und Europameisterschaft hinter mir", erklärt Dornheim seine Wahl. "Das war natürlich eine tolle Sache. Ich habe mich riesig über die Auszeichnung gefreut."

Bei jener Kontinentalmeisterschaft 1993 in Finnland hatte die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft überzeugende Leistungen abgeliefert und an den Medaillenrängen geschnuppert. Wie bereits zwei Jahre zuvor bei der Heim-EM 1991 sprang am Ende aber "nur" ein zwar respektabler, aber hinter Europameister Italien, der Niederlande und GUS erneut undankbarer vierter Platz heraus. Grund zur Zufriedenheit hatte vor allem ein deutscher Volleyballer: Dornheim bestätigte bei der EM seine internationale Klasse und spielte sich im Konzert der Großen vollends in den Blickpunkt. Er wurde als bester Abwehrspieler des Turniers ausgezeichnet, was der damalige Bundestrainer Igor Prielozny mit einem Sonderlob quittierte: "Auf der Position des Zuspielers ist Michael eine feste Größe in Europa."

Anerkennende Worte, die Dornheim aber fast drei Jahrzehnte später wie selbstverständlich in den Kontext seiner Sportart stellt. Im Fußball, so der 1,88 Meter große Sportler, könne ein Ausnahmespieler wie Messi mit seiner Genialität und seinen Toren der entscheidende Faktor sein. "Das klappt aber im Volleyball so nicht. Das ist eine extreme Teamsportart. Da müssen wirklich alle Mannschaftsteile funktionieren."

Der Weg zum Volleyball war für Dornheim nicht unbedingt vorgezeichnet. Im Gegenteil: Sein 2014 verstorbener Vater war durch und durch ein Fußballer. Und ein erfolgreicher dazu. Als Kapitän führte Franz Dornheim die Mannschaft der SpVgg Weiden 1965 in die Regionalliga, der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte der Schwarz-Blauen. "Tennis, Schwimmen, Skifahren. Ich habe als Kind sportlich viel gemacht und auch Fußball bei der SpVgg und DJK Weiden gespielt", berichtet Michael Dornheim. Aber so richtig Spaß habe es nicht gemacht, sich jedes Wochenende im Kampf um das runde Leder umtreten zu lassen. "Ich war für meine Gegenspieler einfach zu schnell", schmunzelt der 52-Jährige.

Deutlich gepflegter ging es bei den Regionalliga-Volleyballern des TB Weiden zu, deren Spiele er als Halbwüchsiger bisweilen mit seinem Vater besuchte. Und weil auch sein älterer Bruder Günter diesem Hobby frönte, war die Leidenschaft für Volleyball schnell geweckt. Sportlehrer am Kepler-Gymnasium und Nachwuchstrainer beim Turnerbund förderten das Talent, es folgten Lehrgänge für die Bezirks- und Landesauswahl. Ein Ländervergleichsturnier bot im Juni 1983 unverhofft die große Chance: Jugendbundestrainer sichteten 50 bis 60 Jugendliche, unter ihnen der damals 15-jährige Dornheim. Der Kreis reduzierte sich bei einem weiteren Lehrgang auf 16 bis 18 ausgewählte Spieler. Für sie eröffnete sich die Option, als erster Jahrgang auf das neu gegründete Volleyball-Internat Frankfurt-Höchst zu wechseln.

"Ich hatte gerade mal eine Woche Zeit, mich zu entscheiden", erzählt Dornheim. Auch wenn der Abschied aus dem Elternhaus schwer fiel, viel zu überlegen gab es nicht. "Ich war damals verrückt nach Volleyball. In Weiden hatte ich nicht das adäquate Trainings- und Leistungsumfeld. Es war für mich die einmalige Möglichkeit, meine sportlichen Grenzen auszuloten."

Internatsjahre sind keine Herrenjahre. Diese Erfahrung machte auch der junge Oberpfälzer. "Es war am Anfang nicht einfach, als Heranwachsender aus dem bisherigen Umfeld herausgerissen zu werden und sich den hohen Anforderungen zu stellen. Außer Schule und Training blieb nicht viel Zeit für andere Dinge übrig." Heimfahrten zur Familie? Extrem selten. Freie Wochenenden? So gut wie gar nicht. Hier standen die Punktspiele der 2. Bundesliga, für die die Internatsmannschaft ein Sonderspielrecht besaß, auf dem Terminplan, in den Ferien waren europaweite Trainingslager und Turniere angesetzt. "Nur an Weihnachten war ich regelmäßig, aber auch nur kurz daheim."

Trotz aller Entbehrungen möchte Dornheim die Erfahrungen aus jener Zeit nicht missen. "Wir hatten ja auch viele tolle Erlebnisse. 1984 wurden wir beispielsweise zu den Olympischen Spielen eingeladen, konnten dort die Wettkämpfe ansehen und im Umfeld der Top-Mannschaften trainieren." Während der Internatszeit verbuchte Dornheim die ersten internationalen Erfolge mit der deutschen Juniorenauswahl: EM-Bronze 1986 und Platz vier bei der WM 1987.

WM vorbei, mit dem Abi fertig. Für den 19-Jährigen stellte sich 1987 die Frage: Was nun? "In einem so jungem Alter ist es auf der Position des Zuspielers nicht einfach, das Vertrauen eines Bundesligisten zu erhalten", sagt Dornheim. Als der Hamburger SV ein Angebot unterbreitete, schlug er zu. "Ich habe es nicht bereut. Hamburg als erste Profistation war eine tolle Zeit." Und eine gelungene dazu. In seiner ersten Saison wurde er bei den Hanseaten zum Dreh- und Angelpunkt, errang mit der Mannschaft den Meistertitel und eine Saison später den Pokalsieg. Mit dem TSV Milbertshofen holte der Weidener unter Trainerlegende Stelian Moculescu erneut den Pokal, danach schloss er sich dem VfB Friedrichshafen an. "Friedrichshafen war damals im Süden das Pendant zum HSV im Norden. Die Begeisterung war riesig. Wir hatten bis zu 3000 Zuschauer bei den Heimspielen", schwärmt der 192-malige Nationalspieler, der mit dem VfB zwischen 1990 und 1995 dreimal Vizemeister wurde.

Zwei, die sich verstehen: Vater Michael Dornheim und Sohn Jonah (12), ebenfalls ein Volleyballer.

Volleyball-Internat Frankfurt-Höchst

Längst war Dornheim zu dieser Zeit zu einem Leistungsträger in der Nationalmannschaft herangereift. Und doch wagte er am Zenit seiner Karriere den Schnitt. Das Leben aus der Sporttasche, so viele schöne Erlebnisse es auch mit sich brachte, hatte ein Stück weit an Reiz verloren. "Wochenende, Mittwoch, Wochenende. Bundesliga, dazwischen Tokio, Moskau, Seoul oder Tuscon. Ich war nur noch zu Spielen und Turnieren unterwegs", beschreibt Dornheim die Mühsal. Mit 27 Jahren vollzog er die Wende, beendete seine Profikarriere, schloss sich als Feierabendprofi dem Bundesligisten SV Fellbach an und widmete sich nach abgeschlossenem Betriebswirtschaftsstudium seiner beruflichen Zukunft. Bei der Daimler AG stieg Dornheim zunächst in dei PKW-Entwicklung ein. Nach jahrelanger Tätigkeit in der weltweiten Entwicklungslogistik des Konzerns ist Dornheim seit 1. Januar 2021 Leiter der mechatronischen Gesamtwerkstatt in Sindelfingen mit über 600 Mitarbeitern. "Es ist eine neue Herausforderung", sagt er.

Die "Auszeit" vom Volleyballsport, die sich Dornheim zwischenzeitlich verschrieben hatte, ist mittlerweile für beendet erklärt. Aus gutem Grund. "Ich bin durch meine Familie wieder zurück zum Volleyball gekommen", berichtet er. Tochter Helena (16) gehört dem Jugendnationalkader an, Sohn Jonah (12) schmettert ebenfalls die Bälle über das Netz. "Und meine Frau war mal als Jugendliche deutsche Vizemeisterin im Hürdenlauf", sagt Dornheim. "Wir sind also eine richtig sportliche Familie." Wieso der Schwerpunkt auf Volleyball liegt, kann der 52-Jährige genau begründen: "Reaktionsschnelligkeit, Ballfertigkeit, Antizipation. Diese Sportart ist einzigartig und fordert so viel. Es ist Schach mit fast 200 Stundenkilometer Geschwindigkeit."

Vor vier Jahren hat Dornheim den A-Trainerschein abgelegt, zwischenzeitlich die Drittliga-Mannschaft des SV Fellbach gecoacht Mittlerweile konzentriert sich der Wahl-Stuttgarter aber auf den Nachwuchs beim TSV Schmiden und seine Tätigkeit als Jugendkadertrainer in Württemberg. Nach Weiden, in die Heimat, kommt er nur noch, wenn er seine Mutter besucht. Angesprochen auf Trophäen und Erinnerungen, erinnert sich Dornheim, dass im Elternhaus in Neunkirchen noch einige Pokale "von früher" eingelagert sind. "Ich selbst habe nichts gesammelt oder aufgehängt. Irgendwo im Keller liegen sicher noch einige, alte Videokassetten. Die müsste man aber erst zusammensuchen." Vielleicht ist da auch ein Erinnerungsstück von 1993 dabei. Eines, das sich für die Beantwortung der Eine-Million-Euro-Frage eignet.

Hintergrund:

Zur Person: Volleyballer Michael Dornheim

  • Geboren am 2. April 1968 in Weiden.
  • Größe: 1,88 Meter. Position: Zuspieler.
  • Vereine: TB Weiden (bis 1983), Internat/OSC Hoechst (1983 bis 1987), Hamburger SV (1987 bis 1989), TSV Milbertshofen (1989/90), VfB Friedrichshafen (1990 bis 1995), SV Fellbach, TSV Schmiden.
  • Vereinserfolge: Deutscher Meister 1988 (mit HSV), Deutscher Pokalsieger 1989 (mit HSV) und 1990 (mit Milbertshofen, Deutscher Vizemeister (3 x mit Friedrichshafen, 1x mit Fellbach), Deutscher Seniorenmeister (6 x mit Schmiden).
  • 192-maliger Nationalspieler.
  • Erfolge im Nationaltrikot: Junioren: 1986 EM-Bronze, 1987 WM-Vierter. Herren: 1991 und 1993 jeweils EM-Vierter. 1994 WM-Teilnahme.
  • Volleyballer des Jahres 1993.
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