04.12.2020 - 19:42 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Ex-Sandboard-Weltmeister Andreas Moller: Der Revoluzzer im feinen Zwirn

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Wer sich in der Oberpfalz einen Maßanzug schneidern lassen will, kommt an Andreas Moller nicht vorbei. In den 1990er Jahren war er vierfacher Weltmeister auf dem Sandboard. Heute versucht Moller, seine beiden Leidenschaften zu verknüpfen.

Die zwei Leidenschaften von Andreas Moller vereint: Sport im maßgeschneiderten Anzug auf einem Board.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Andreas Moller steht 1995 auf der Startrampe oben auf dem Monte Kaolino, das Sandboard ist angeschnallt, der Blick des Weideners schweift kurz über die Menschenmassen am Fuße des Hirschauer Sandbergs. 30 000 Leute sind zur Sandboard-WM in die Oberpfalz gepilgert, ein riesiges Party-Wochenende mit Live-Konzerten und dem ganzen dazugehörigen Pipapo. Der Finallauf im Parallel-Riesenslalom steht an. Ein Nachtlauf gegen 20.30 Uhr. Der Hubschrauber mit TV-Kameras kreist 50 Meter über den Läufern. Der Starter gibt Moller und seinem Widersacher Hans Rösch das Signal: "Red course ready, blue course ready, Attention, Go!" Der Weidener erinnert sich noch heute ganz genau: "Dieser Moment, wenn die Startschranke aufgeht, dieses Adrenalin, das durch den Körper schießt, so etwas vergisst man sein Leben nicht mehr", scheint Moller auch 25 Jahre nach seinem ersten WM-Titel auf dem Sandboard noch immer im Startblock auf dem Monte Kaolino zu verweilen.

So viele Gefühle und Emotionen

Doch dem ist nur mehr in Gedanken so: "Ich bin den Monte seit 2000 nicht mehr runtergefahren", gesteht der 51-Jährige. Die Gründe für die Abkehr vom ehemaligen Sandboard-Mekka – nach vier WM-Titeln in Folge zwischen 1995 und 1998 – sind vielschichtiger Natur. "Zum einen ging es für mich beruflich nach London, da war's mit dem Boarden vorbei." Der andere Aspekt ist emotionaler Natur: "Ich habe Respekt vor diesem Ort, da ich so viele Gefühle und Erlebnisse mit dem Monte verbinde. Ich kehre nur selten dorthin zurück, um diese eindrucksvollen Erinnerungen nicht kaputtzumachen", gesteht Moller, der genau weiß, dass das "Erlebnis Monte" von vor 25 Jahren nicht mehr mit den heutigen Gegebenheiten vergleichbar ist.

Ich habe Respekt vor diesem Ort, da ich so viele Gefühle und Erlebnisse mit dem Monte verbinde. Ich kehre nur selten dorthin zurück, um diese eindrucksvollen Erinnerungen nicht kaputtzumachen.

Andreas Moller

"Das war der Wahnsinn, was dort damals auf die Beine gestellt wurde. Das ist heute überhaupt nicht mehr vorstellbar." Dann erzählt Moller von einem großen Pressezelt, von Liveübertragungen in der ARD und bei Eurosport, von einem Interview nach dem anderen sowie einem vielfältigen Rahmenprogramm. "Das war ein Zinnober wie heutzutage nur noch bei großen Alpin-Weltcups. Die Snowboard-Events im Winter waren kein Vergleich dazu. Die Leute waren zu der damaligen Zeit vollends auf dem Funsport-Trip." In Hirschau konnte man sich in einem BMX-Parcours, in der Skateboard-Halfpipe oder beim Bungee-Jumping ausprobieren. "Das war das komplette Kontrastprogramm zu Veranstaltungen auf einem x-beliebigen Berg wie der Zugspitze oder am Hintertuxer Gletscher. Da waren die Läufer, ein paar Betreuer, keine Zuschauer. Es ging den Berg rauf, das Rennen runter, fertig." Und doch verfolgt Moller noch einen großen Traum, mit dem er irgendwann den Bogen zu seinem neuen Nach-Sandboard-Leben schlagen will. "Ich möchte einmal den Monte im Anzug auf dem Sandboard runterfahren und meine beiden Leidenschaften miteinander verbinden."

Helikopter-Snowboarding in Kanada

Seit 2005 betreibt Moller nämlich die deutschlandweit operierende Herren-Maßschneiderei "bespoke couture" – ein Familienbetrieb seit 1882. "Ich will zeigen, dass man sich auch in einem Anzug wohlfühlen und frei bewegen kann." Als er an der Weggabelung seines Lebens stand, entweder weiter im Sportbereich zu bleiben oder in die Schneiderei zu gehen, entschied sich Moller für die Mode. "Ich hatte schon immer Interesse an etwas Neuem, habe viel ausprobiert, durchaus auch verrückte Sachen wie Helikopter-Snowboarding in Kanada und war auf jedem Gletscher in Europa. Doch der Revoluzzer, der ich zu meiner Zeit auf dem Snow- oder Sandboard war, der lebt heute in meinen maßgeschneiderten Klamotten weiter." Das erste Board hat sich Moller noch selbst gezimmert. Mit 18 Jahren schraubte er drei Skier zusammen, formte und laminierte nach Anleitung eines Bausatz-Buches alles selbst, doch überall fahren dufte er deswegen noch lange nicht. "Hier in der Gegend durften wir sowieso auf keinem Lift fahren. Es hieß immer, wir machen mit unserem Snowboard die Spur kaputt, selbst in Österreich war uns das Schleppliftfahren untersagt. Hinzu kamen unsere langen Haare, und fertig war der boardende Revoluzzer." Sein Vater merkte zum sportlichen Treiben des Sohnes nur an: "Was willst denn mit dem Brettl?"

Doch der Revoluzzer, der ich zu meiner Zeit auf dem Snow- oder Sandboard war, der lebt heute in meinen maßgeschneiderten Klamotten weiter.

Andreas Moller

Doch genau diese ausscherende Einstellung hat sich Moller bis heute in seiner Schneider-Philosophie bewahrt. "Der ausschlaggebende Punkt war, als ich das erste Mal auf einem exakt auf meine Bedürfnisse konstruiertem Board stand. Das war eine andere Welt. Genauso handhabe ich das jetzt mit meiner Kleidung." Mainstream ist so gar nicht das Ding des Oberpfälzer Modeschöpfers. "Unsere Kunden suchen etwas, das sie so nirgends finden. Sie suchen ihren eigenen Style. Wenn es danach heißt ‚Bei dem ist alles anders, aber es passt trotzdem perfekt‘, dann verleiht mir das den gleichen Adrenalinstoß, das gleiche Glücksgefühl wie damals bei einem Sieg auf dem Board." Attribute wie Leidensfähigkeit, Durchhaltevermögen, sich dann zu quälen, wenn andere "keinen Bock mehr haben", dies sind weitere Eigenschaften, die Moller aus dem Sport mit in seinen Berufsalltag integriert. "Ein Rennen auf dem Board zu gewinnen, ist heute mit der Herausforderung vergleichbar, ein Kleidungsstück aus Stoffen zu schneidern, die ich vorher noch nie in Händen gehalten habe." Ein Schneider wie ein Snowboarder müsse in der Lage sein, auf den Punkt seine Leistung abzurufen. "Ich wusste, ich kann boarden. Ich weiß, ich kann schneidern, aber ich muss es eben genau jetzt zeigen. Keinen Deut früher oder später. Das reizt mich."

Laufen, Rad- und Telemarkfahren

Seine Füße gänzlich vom Board kann Moller aber noch immer nicht lassen. Im Winter geht's schon noch ab und an aufs Snowboard, ansonsten hält er sich mit Laufen, Radfahren und, ein bisschen Extravaganz muss nach wie vor sein, neuerdings Telemarkfahren fit. Sein Image als Revoluzzer im feinen Zwirn pflegt der Maßschneider mittlerweile explizit auch auf dem Instagram-Kanal seines Unternehmens. Dort ist unter anderem ein Video zu sehen, wie er sich im Anzug auf einem Wellenreitboard von einem Quad über die Naab ziehen lässt. Von dort aus ist der Schritt zurück auf den Monte Kaolino eigentlich nicht mehr weit entfernt: im maßgeschneiderten Anzug auf dem Sandboard den Sandberg hinab. Die perfekte Kombination aus Vergangenheit und Gegenwart.

Hintergrund:

Das ist Andreas Moller

  • Andreas Moller wurde am 1. Dezember 1969 in Weiden geboren.
  • Von 1995 bis 1998 gewann er viermal in Serie den WM-Titel im Parallelslalom auf dem Sandboard. Dazu zweimal den Titel im Parallel-Riesenslalom.
  • Im Winter auf dem Snowboard zählte Moller zu den Top Ten in Deutschland und nahm an der ersten Europameisterschaft 1992 überhaupt teil. Er landete im vorderen Drittel.
  • 2005, nach der Meisterschule in München und nach Assistenzjahren unter anderem bei Vivienne Westwood in London, übernahm er den 1882 vom Urgroßonkel gegründeten und zuletzt vom Vater geführten Herrenschneider-Betrieb in Weiden.
  • Seit 2016 sind Mollers "bespoke" (englisch für maßgeschneidert)-Shop und die Schneider-Werkstatt in der Ringstraße in Weiden wieder unter einem Dach vereint.
  • Moller fertigt maßgeschneiderte Kleidung für Damen und Herren. Seine Kunden kommen aus Weiden, der Oberpfalz, Bayern und Deutschland.

Letzte Woche in der Serie "Gestern - Heute": Sylvia Staab

Waldau bei Vohenstrauß
Von 1995 bis 1998 feierte Andreas Moller (Nummer 4) am Monte Kaolino viermal in Folge den Weltmeistertitel auf dem Sandboard.
Der Unternehmer Andreas Moller heute in einem maßgeschneiderten Anzug.

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