09.11.2020 - 14:49 Uhr
NeusorgSport

Nachwuchssorgen im Tischtennis: Als die Platten noch in der Umkleide standen

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Die Coronakrise hält den Amateursport wieder im Würgegriff. Neben den aktuellen Trainings- und Wettbewerbsverboten plagen die Verantwortlichen etwa im Tischtennis zunehmend Nachwuchssorgen. Neue Spieler sind aktuell nicht in Sicht.

Ein Bild aus besseren Vor-Corona-Zeiten: So sah das Tischtennistraining beim Nachwuchs des SV Neusorg bis zum März dieses Jahres aus. Daran ist mittlerweile nicht mehr zu denken.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Als der Tischtennis-Weltverband ITTF vor nun knapp 20 Jahren revolutionäre Anpassungen bei der Spiel- und Zählweise vorgenommen hat, sollte die Sportart dadurch spannender und für den Nachwuchs attraktiver gestaltet werden. 2000 "wuchs" der Ball (bis 2017 aus Zelluloid oder Plastik, seitdem aus Kunststoff) von 38 auf 40 Millimeter Durchmesser, ein Jahr später änderte sich die Zählweise: Statt bis 21 geht ein Satz nur noch bis 11, statt über 2 wird seitdem über 3 beziehungsweise 4 Gewinnsätze gespielt, und das Aufschlagsrecht wechselt nach 2 anstelle von 5 Punkten. All diese Mühen, einer Sportart neuen Rückenwind zu verleihen, könnten nun vergebens gewesen sein. Ein Blick an die Basis, in diesem Fall zum SV Neusorg (Kreis Tirschenreuth), verdeutlicht, mit welchen Herausforderungen sich Jugendtrainer und -betreuer infolge der Coronavirus-Pandemie konfrontiert sehen.

Blick in die Glaskugel

"Das Ziel eines jeden Vereins ist es, aus dem Nachwuchs Spieler in den Mannschaftssport zu integrieren. Grob geschätzt, bleiben am Ende von zehn Jugendlichen noch einer oder zwei für die Senioren übrig. Aber als Spätfolgen der aktuellen Krise deutet einiges darauf hin, dass dieser so wichtige Unterbau komplett wegbrechen könnte", sagt Werner Riedl, Abteilungsleiter beim SV Neusorg und Mitglied des Tischtennisbezirks Oberpfalz Nord. Zwar könne er seine Mutmaßung derzeit noch nicht eindeutig beziffern, und Voraussagen glichen einem Blick in die Glaskugel, doch die leere Neusorger Sporthalle führt Riedl das Dilemma tagtäglich erneut vor Augen. Vor dem ersten Lockdown im Frühjahr platzte die kleine Einfachhalle fast aus allen Nähten. "Teilweise mussten wir Platten in den Umkleidekabinen aufstellen, um alle unterzubringen. Regelmäßig kamen 20 bis 25 Kinder und Jugendliche an zwei Tagen pro Woche ins Training", merkt Riedl nicht ohne Stolz an.

Erst fehlt der Nachwuchs, danach haben die Erwachsenen zu kämpfen, ehe der Senioren-Spielbetrieb zum Erliegen kommt.

Werner Riedl, Tischtennis-Abteilungsleiter des SV Neusorg

Von Juni bis Mitte Oktober hatte der SVN den Trainingsbetrieb wieder hochgefahren – allerdings den neuen Corona-Gegebenheiten angepasst: maximal 10 Spieler, die Einheiten auf 4 Tage gestreckt, Trainer und Betreuer mit Masken, Desinfektionsmittel für Bälle und Platten. "Wir hatten Glück, dass wir die Halle den Sommer über gut nutzen konnten." 3 Nachwuchsteams absolvierten bis zum erneuten Stopp Anfang November die ersten Ligaspiele, etwa die Hälfte der ohnehin bereits auf eine Einfachrunde verkürzten Saison steht noch aus. "Wir haben starke Nachwuchskräfte. Vor allem bei den Mädchen, die aus infrastrukturellen Gründen bei den Jungs mitspielen. Doch das wahre Problem der Coronakrise versteckt sich eine Stufe tiefer", spricht der Neusorger Tischtennisboss den Kern aller Sorgen an.

Spielerisch ans Tischtennis heranführen

So war es dem Verein seit dem ersten Stillstand im März und April dieses Jahres nicht mehr möglich, neue Spieler für den Sport zu begeistern. "Kinder und Jugendliche mittels Schnuppertraining spielerisch ans Tischtennis heranzuführen, diese wichtige Aufgabe ist seit dem Frühjahr komplett eingestellt." Riedl und seine Mitstreiter rücken dabei unter normalen Umständen noch nicht den Wettkampf an sich in den Vordergrund, sondern wollen vorrangig ein Gefühl für den kleinen Ball, den Schläger, die Halle und die Platte vermitteln. "Mit Neulingen gehen wir auch mal die frische Luft, um zu demonstrieren, was ein Windhauch mit dem Ball anstellt." Diese elementare Basisarbeit liege seit März komplett brach und wirkt "wie ein ‚Schneeball‘ auf unsere Sportart: Erst fehlt der Nachwuchs, danach haben die Erwachsenen zu kämpfen, ehe der Senioren-Spielbetrieb zum Erliegen kommt". Es werde für die Spieler zunehmend schwieriger, die Motivation aufrechtzuerhalten. "Sportler wollen sich messen, brauchen Erfolgserlebnisse – egal, ob mit der Mannschaft oder bei Turnieren." Es wäre so einfach, auch völlig ohne revolutionäre Regelanpassungen. Doch die Coronakrise erschüttert das filigrane Spiel mit der kleinen Kunststoffkugel in seinen Grundfesten.

Hintergrund:

Überregionales Projekt liegt auf Eis

  • Beim Tischtennis-Stützpunkt Nordoberpfalz handelt es sich um eine in Eigeninitiative betriebene Kooperation des TSV Erbendorf, des TB Jahn Wiesau, des TSV Waldershof, des TV Längenau (bei Selb) und des SV Neusorg.
  • Werner Riedl (SV Neusorg) bezeichnet diesen Zusammenschluss als "Nachwuchsarbeit für das Tischtennis in der Region und nicht für die Vereine".
  • Talente aus den beteiligten Vereinen arbeiten mit einem A-Lizenz-Trainer aus Thüringen und Sparringspartnern gezielt an ihrer Entwicklung. Finanziert wird das Projekt durch die Vereine und die Spieler selbst.
  • Vor dem Frühjahrs-Stopp waren regelmäßig 12 Tischtennis-Talente bei diesem Fördertraining, "im Spätsommer und Herbst waren es schon nur mehr 8", wie Riedl anmerkt.
  • Wie es nach dem Trainings- und Wettbewerbsverbot weitergeht, vermag Riedl nicht zu prognostizieren. "Aktuell liegt das Projekt auf Eis. Ich befürchte, dass wir die Krise in vier Wochen noch nicht überstanden haben werden, so dass die gesamte Saison wie auch der Stützpunkt Nordoberpfalz auf der Kippe stehen."
Nicht nur das Jugendtraining fehlt den Tischtennisspielern derzeit: Auch Turniere, Ligaspiele und Wettkämpfe aller Art sind aktuell untersagt.

Auch die Schwimmer plagen derzeit große Sorgen um die Nachwuchsarbeit

Tirschenreuth
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