08.02.2021 - 14:43 Uhr
KulmainSport

Als sich Gerd Schönfelder zwischen Franck Ribéry und Toni Kroos im Kreis drehte

Ein Bild und seine Geschichte: Gerd Schönfelder, einer der erfolgreichsten deutschen Behindertensportler aller Zeiten, ging 2013 fremd – was die Sportart betrifft: Er tauschte die Ski gegen Fußballschuhe und trat gegen den FC Bayern an.

Ein alpiner Skistar im Fußball-Duell mit zwei ehemaligen Bayern-Größen: Gerd Schönfelder (links) versucht während des Traumspiels 2013 am Weidener Wasserwerk gegen Franck Ribéry (Mitte) und Toni Kroos an den Ball zu kommen.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Der FC Bayern München gewinnt das Triple aus deutscher Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions-League, sichert sich anschließend noch den europäischen Supercup und den Weltpokal. Nein, die Rede ist nicht von 2020, bereits sieben Jahre zuvor waren die Münchener im Weltfußball das Nonplusultra. 2013 ist als eines der erfolgreichsten Jahre in die ohnehin titelüberfüllte Historie des deutschen Rekordmeisters eingegangen. Triple-Trainer Jupp Heynckes musste nach dem Erfolg von Wembley gegen Jürgen Klopps Borussia Dortmund seinen Hut nehmen, um Platz zu machen, für den damals auf dem Trainermarkt begehrtesten Namen: Pep Guardiola übernahm ab Juni 2013 die Bayern. Und dessen erstes Spiel als verantwortlicher Chefcoach führte den Katalanen sogleich in die Oberpfalz. Am Weidener Wasserwerk traf der FC Bayern am 29. Juni im "Traumspiel" auf eine Auswahl des Bayern-Fanclubs Wildenau (Kreis Tirschenreuth).

"Ich war bereits im Vorfeld bei der Bewerbung für dieses Spiel gemeinsam mit Eric Frenzel mit eingebunden. Der Fanclub und sein Vorsitzender Marcus Fritsch haben sich viel Mühe gegeben, dieses Spiel an Land zu ziehen. Das Traumspiel war eine einzigartige Geschichte für den Fanclub und die Stadt Weiden", sagt Gerd Schönfelder. Der 16-fache Goldmedaillengewinner bei Paralympics lief an diesem Tag im Trikot des Wildenauer Fanclubs auf. 11000 Zuschauer strömten ins Sparda-Bank-Stadion, 15:1 siegten die Bayern, die zwar nicht mit voller Kapelle, aber doch mit Stars wie Manuel Neuer, Philipp Lahm, Rafinha, Jerome Boateng, Toni Kroos, Thomas Müller oder Franck Ribéry angetreten waren. "Für uns war dieses Spiel eher eine Laufeinheit, weil den Ball haben wir nicht allzu oft gesehen", erinnert sich Schönfelder, den die Klasse dieser Ausnahmekicker noch heute beeindruckt. "Wenn die den Turbo zünden, siehst du nix mehr. Dann geht es zack, zack, zack, und du hast das Gefühl, dich nur noch im Kreis zu drehen."

Distanzierte Bayern-Stars

So eindrucksvoll die fußballerische Darbietung der Münchener war, so "ein bisschen enttäuschend" war deren distanziertes Verhalten gegenüber den Oberpfälzer Fans. "Das war ein Traumspiel für die Fans, gerade für Kinder oft das Allerhöchste, ihren Idolen so nah zu kommen. Doch zumeist warteten sie vergeblich auf ein Autogramm oder ein Bild mit den Bayern-Stars", blickt der 50-Jährige auf den kleinen Wermutstropfen dieses Fußballfestes zurück. Mit überdimensionierten Kopfhörern auf den Ohren waren Boateng und Co. auf schnellen Füßen zwischen Bus, Kabine und Platz unterwegs. "Dass die sich abschotten müssen, weil sie ansonsten gar nicht weiterkommen, ist verständlich. Aber bevor die Ersatzspieler nur rumsitzen, hätten sie schon die Nähe zu den Fans suchen können. Da hätte ich mir vom Umfeld der Bayern etwas mehr Engagement erwartet." Schönfelder vermutet, dass sich die Spieler im ersten Auftritt unter Guardiola zeigen wollten und so das Spiel vielleicht ernster nahmen als von den Fans erhofft. "Alles war neu und jeder wollte sich dem neuen Trainer beweisen."

Wenn die den Turbo zünden, siehst du nix mehr. Dann geht es zack, zack, zack, und du hast das Gefühl, dich nur noch im Kreis zu drehen.

Gerd Schönfelder über die Partie des Fanclubs Wildenau gegen den FC Bayern 2013

Gerd Schönfelder über die Partie des Fanclubs Wildenau gegen den FC Bayern 2013

Doch ein Akteur der Münchener ist dem Kulmainer besonders positiv in Erinnerung geblieben: "Pierre-Emil Höjberg war damals ein hoffnungsvolles Talent im Bayern-Kader. Wir hatten uns zuvor bei einem meiner Vorträge am Nachwuchsleistungszentrum der Bayern kennengelernt. In Weiden hat er sich an mich erinnert und mir sein Trikot geschenkt." Mittlerweile hat sich Schönfelders damalige Einschätzung des Dänen ("Aus dem könnte mal was werden") bestätigt, er ist aktuell Stammspieler bei Tottenham Hotspur unter José Mourinho. "Der Junge wird seinen Weg gehen, ich freue mich für ihn. Der hat damals schon über den Tellerrand geblickt und sich auch für Dinge abseits des Fußballs interessiert."

Homeschooling, Schneeräumen und Langlaufen

Andere Dinge abseits des Sports stehen aktuell auch für Gerd Schönfelder auf der Tagesordnung. "Die Corona-Pandemie hat auch uns Wintersportler ausgebremst. Homeschooling, Schneeräumen und Langlauffahren bilden derzeit meinen Tages-Rhythmus", sagt der zweifache Familienvater, der bevorzugt in heimatlichen Gefilden die alpinen Bretter gegen die filigraneren Langlaufski tauscht. "In Witzlasreuth, auf dem Poppenberg bei Immenreuth oder in Neubau bei Fichtelberg herrschen derzeit perfekte Bedingungen. So einen Winter hatten wir schon lange nicht mehr. Mittlerweile haben auch meine bislang eher alpin-begeisterten Kinder das Langlaufen für sich entdeckt", sagt Schönfelder, der im Paralympic-Ski-Team als Nachwuchstrainer tätig ist.

Da in Deutschland alle Lifte derzeit stillstehen, hätten die Wintersportler mit "erschwerten Bedingungen" zu kämpfen. Und bei Lehrgängen nahe Innsbruck würden Schönfelder und sein Team wie Pendler behandelt. "Wir benötigen jeweils bei der Einreise, sowohl nach Österreich als auch zurück nach Deutschland, einen aktuellen, negativen Coronatest." An derartige Bedingungen verschwendete 2013 noch niemand auch nur einen Gedanken. Im Triple-Jahr des FC Bayern, als sich Schönfelder in Weiden zwischen Ribéry und Kroos im Kreis drehte.

Ein Bild und seine Geschichte: Wolfgang Hesl

Schwarzenfeld

Ein Bild und seine Geschichte: George Quinn

Amberg
Hintergrund:

Das ist Gerd Schönfelder

  • Geboren am 2. September 1970, verheiratet, zwei Kinder
  • Sportliche Erfolge: 16-facher Goldmedaillengewinner bei alpinen Wettbewerben der Paralympics von 1992 (Albertville) bis 2010 (Vancouver); 14 WM-Titel von 1996 bis 2011
  • Seit seinem Rücktritt 2011 vom aktiven Leistungssport ist er als Trainer der Behinderten-Nationalmannschaft tätig
  • 10 Mal wählten ihn die Leser von Oberpfalz-Medien zum Sportler des Jahres, 4 Mal erhielt er das Silberne Lorbeerblatt der Bundesregierung, 3 Mal war Schönfelder Behindertensportler des Jahres in Deutschland
  • 2018 wurde Schönfelder in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen
  • Seit 2006 ist er Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Kulmain, Ehrenmitglied des SV Kulmain und seit 2010 Ehrenmitglied des Golfclubs Schwanhof
  • Neben seinem sportlichen Engagement ist Schönfelder persönliches Mitglied des Deutschen Olympischen Sportbundes, Gemeinderat in Kulmain und Kreisrat des Landkreises Tirschenreuth

 

 

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