23.04.2021 - 10:45 Uhr
GrafenwöhrSport

Michaela Specht (TSG Hoffenheim): "Von der Champions-League-Hymne träumt jede Spielerin"

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Die aus Grafenwöhr stammende Bundesliga-Spielerin durchlebte eine schwierige Zeit: Wegen einer schweren Verletzung war sie lange Zeit raus. Nun ist Michaela Specht zurück und steht vor dem größten Erfolg ihrer bisherigen Fußball-Karriere.

Michaela Specht ist zurück auf dem Fußballplatz. Die Innenverteidigerin der TSG Hoffenheim (Szene aus dem Heimspiel gegen die SGS Essen) zählt nach einem Bruch des Schienbeinplateaus wieder zur Stammelf des Tabellendritten der Frauen-Bundesliga.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

ONETZ: Seit unserem letzten Gespräch ist viel bei Ihnen passiert. Sie waren lange Zeit verletzt. Was genau ist da passiert?

Michaela Specht: Ich habe mir im letzten Testspiel vor dem Saisonstart gegen Montpellier bei einer unglücklichen Landung nach einem Kopfball-Duell das Schienbeinplateau gebrochen. Ich musste operiert werden, ging anschließend vier Wochen auf Krücken und musste danach noch acht Wochen eine Schiene tragen. Entsprechend konnte ich in der Hinrunde leider nicht für die TSG auflaufen.

ONETZ: Wie gestaltete sich die Reha?

Michaela Specht: Der Genesungsprozess lief wirklich ideal und ich war deutlich schneller wieder fit als prognostiziert. Bereits Ende des vergangenen Jahres, also gut drei Monate nach meiner Verletzung, konnte ich Teile des Mannschaftstrainings auf dem Platz absolvieren.

ONETZ: Wo waren Sie in Behandlung?

Michaela Specht: Die Prognose nach meiner Verletzung war schwierig, auch ich selbst konnte das überhaupt nicht einschätzen und wusste nur, was ich über „Dr. Google“ herausfinden konnte. Deshalb habe ich mir mehrere Meinungen eingeholt und mich schließlich für eine Operation bei Dr. Herbort in München entschieden, bei dem ich mich von Anfang an gut aufgehoben gefühlt habe. Diese war am 1. September und verlief zum Glück komplikationslos. Anschließend habe ich im TSG Reha Zentrum in Zuzenhausen fast täglich mehrere Stunden für mein Comeback gearbeitet.

ONETZ: Mussten Sie während der Reha in Ihrem Ehrgeiz öfter mal gebremst werden?

Michaela Specht: Oh ja, eigentlich vom ersten Tag an (lacht). Ich wollte am liebsten sofort wieder mit der Mannschaft auf dem Platz trainieren. Aber in enger Abstimmung zwischen dem Reha-Zentrum und dem Athletik-Trainer unserer Mannschaft wurde ein Schritt-für-Schritt-Plan festgelegt, an den ich mich halten musste. Nach und nach durfte ich wieder einzelne Teile des Mannschaftstraining absolvieren. Ab der Wintervorbereitung im Januar war ich wieder voll mit dabei und hatte auch überhaupt keine Probleme mehr. Die medizinische Abteilung der TSG hat wirklich tolle Arbeit geleistet.

ONETZ: Waren Sie während Ihrer Ausfallzeit mal in der Heimat in Grafenwöhr?

Michaela Specht: Ja, direkt nach der Verletzung haben mich meine Eltern nach Hause geholt. Nach der Operation war ich dann nochmal in Grafenwöhr, mit Beginn der Reha bin ich dann zurück in den Kraichgau. Die ersten vier Wochen hat auch meine Mama hier verbracht, denn auf Krücken alleine im Haushalt ist das nicht immer ganz so einfach (lacht).

ONETZ: Hatten Sie je Zweifel, sich wieder in die Stammelf zu kämpfen?

Michaela Specht: Für mich hat sich das überhaupt nicht angefühlt, als wäre ich lange weg gewesen. Anfangs hat man natürlich schon noch etwas Hemmungen, richtig in die Zweikämpfe zu gehen, aber das gibt sich total schnell und ich habe mich schon nach kurzer Zeit wieder gut zurechtgefunden. Die Zweifel hatte ich eher direkt nach meiner Diagnose, denn es war nicht mal klar, ob ich überhaupt wieder würde spielen können.

ONETZ: Waren Sie daher überrascht, wie schnell Sie letztendlich wieder zurück ins Team gefunden haben?

Michaela Specht: Ich wusste, dass ich der Mannschaft helfen kann, wenn ich wieder zu 100 Prozent fit bin. Zu Saisonbeginn lief es ja zunächst nicht so gut für uns, aber dann haben wir uns immer mehr in einen Flow gespielt. Da dachte ich mir schon mal: „Das läuft ja auch ohne dich ganz gut“.

ONETZ: Aber mit Ihnen als Stammspielerin gelang am vergangenen Wochenende ein fulminanter Sieg beim bislang ungeschlagenen FC Bayern München. Wie haben Sie dieses Spiel erlebt?

Michaela Specht: Diese Partie war ein Wechselbad der Gefühle. Wir lagen nach 20 Sekunden 0:1 hinten, nach der zweiten Bayern-Chance 0:2. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Aber eigentlich war am Ende unser Glück, dass die Gegentore zu einem so frühen Zeitpunkt gefallen sind. So haben wir völlig befreit aufgespielt, hatten nichts mehr zu verlieren und haben die Partie in der zweiten Halbzeit komplett gedreht. Auch wenn wir am Ende noch zittern mussten, war der Sieg aufgrund unserer Mentalität und unseres Willens verdient.

ONETZ: Platz drei hinter den Platzhirschen aus München und Wolfsburg: Ist das die Tabellenregion, die Sie vor der Saison mit der TSG angepeilt hatten? Damit wären Sie für die Champions-League qualifiziert …

Michaela Specht: Ja, wir wollten wie schon in der vergangenen Saison Dritter werden und in die Champions-League-Qualifikation. Dieses Ziel hatten auch andere Mannschaften, aber wir waren von Beginn an selbstbewusst genug um zu sagen: Wir können das auf jeden Fall schaffen.

ONETZ: Ginge mit der erstmaligen Teilnahme an der Champions-League auch einer Ihrer größten sportlichen Wünsche in Erfüllung?

Michaela Specht: Auf jeden Fall. Diese Hymne vor einem Spiel zu hören, ich glaube, davon träumt jede Spielerin. Mit der Teilnahme an der Champions-League würden wir die Früchte unserer über Jahre sehr guten Arbeit ernten.

ONETZ: Sie haben Ihren Vertrag in Hoffenheim im Februar bis 2022 verlängert, dann hätten Sie sieben Jahre für die TSG gespielt. Ist es dann mal Zeit für etwas Neues? Vielleicht im Ausland?

Michaela Specht: Ich bin jetzt 24 Jahre alt und habe dank des Fußballs für mein Alter schon viel erlebt. Natürlich stelle ich mir auch die Frage, was ich noch erleben möchte. Das Ausland ist irgendwann definitiv mal ein Thema. Aber für mich war es zunächst wichtig, nach meiner Verletzung auf den Platz zurückzukehren und das Ziel Champions League-Qualifikation in Angriff zu nehmen. Darauf habe ich nun sechs Jahre lang mit der TSG hingearbeitet. Meine Verletzung hat mir einmal mehr gezeigt, dass es ganz schnell anders laufen kann, als man es erwartet.

ONETZ: Mit wem beraten Sie sich bezüglich Ihrer weiteren Karriere?

Michaela Specht: In erster Linie treffe ich meine Entscheidungen für mich alleine, aber natürlich halte ich auch Rücksprache mit meinen Eltern, meiner Familie und meinem Berater. Der zeigt mir beispielsweise auf, welche Möglichkeiten sich für mich wann und wo ergeben könnten.

ONETZ: Wir haben es bislang ohne das derzeit prägende Thema Corona geschafft: Wie nehmen Sie die Situation in der Frauen-Bundesliga wahr?

Michaela Specht: Wir sind bei der TSG Hoffenheim bislang zum Glück verschont geblieben. Natürlich gab es in der Liga vereinzelte Quarantäne-Fälle, aber insgesamt hat die Frauen-Bundesliga das gut hinbekommen.

ONETZ: Inwiefern verfolgen Sie die Situation auch in Ihrer Heimat Grafenwöhr?

Michaela Specht: Ich verfolge das intensiv, weil ich an freien Wochenenden immer wieder überlege, ob ich nach Hause fahre. Und natürlich sollte ich dabei kein allzu großes Risiko eingehen. Aber auch meine Familie daheim ist bislang glücklicherweise glimpflich durch die Pandemie gekommen.

Im August 2020 sprach Michaela Specht im Interview über die Auswirkungen der Coronakrise auf den Frauenfußball

Grafenwöhr
Hintergrund:

Das ist Michaela Specht

  • Geboren am 15. Februar 1997 in Eschenbach
  • 2001: Beginn der Fußballkarriere bei der SV Grafenwöhr
  • 2010: Parallele Ausbildung am Nachwuchsleistungszentrum der SpVgg SV Weiden
  • 2012: Debüt in der U15-Nationalmannschaft
  • 2013: Wechsel zum FC Bayern München, B-Juniorinnen und zweite Mannschaft (25 Einsätze)
  • 2014: Deutsche Meisterschaft mit den B-Juniorinnen des FC Bayern
  • 2014: Europameisterin mit der U17-Nationalmannschaft
  • 2015: Wechsel zur TSG Hoffenheim (74 Einsätze in der Bundesliga/22 Einsätze in der zweiten Mannschaft)

 

 

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