24.08.2021 - 12:52 Uhr
AmbergSport

Svenja Mayer mit viel Ehrgeiz bei Paralympics in Tokio

Ein schwerer Unfall 2011 lässt Svenja Mayer aus Amberg nicht verzweifeln. Auf den Rollstuhl angewiesen, macht sie das Beste aus ihrer Situation – und lernt eine ihr völlig unbekannte Sportart. Und startet jetzt bei den Paralympics.

Svenja Mayer (Mitte) aus Amberg in Aktion. Sie spielt seit 2018 in der deutschen Nationalmannschaft der Rollstuhlbasketballerinnen. „Ich bin aufgeregt, endlich meine ersten Paralympics zu spielen. Ich habe hart dafür trainiert, und hoffe das aufs Parkett zu bringen. Die letzten Wochen waren intensiv und jetzt freuen wir uns, wenn es endlich los geht! Wir werden alles geben und für eine Medaille kämpfen“, sagte sie nach ihrer Ankunft im olympischen Dorf in Tokio.
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

ONETZ: Frau Mayer, wie sind Sie zum Rollstuhlbasketball gekommen?

Svenja Mayer: Ich hatte 2011 einen schweren Unfall und war danach lange Zeit auf Reha. Dort wurde ich gut auf ein Leben im Rollstuhl vorbereitet. Man hat verschiedene sportliche Aktivitäten angeboten, unter anderem auch Rollstuhlbasketball. Aber ich sag's gleich: Ich war am Anfang nicht so begeistert davon.

ONETZ: Haben Sie denn vor Ihrem Unfall Sport betrieben?

Svenja Mayer: Ich war Reiterin, ich habe Dressurreiten gemacht.

ONETZ: Da ist Rollstuhlbasketball etwas völlig anderes ...

Svenja Mayer: Ja, meine Mama sagt heute noch: Dass Du überhaupt den Ball fangen kannst! Ich war nicht talentiert für eine Ballsportart.

ONETZ: Aber jetzt läuft es ja super. Sie spielen für die Rhine River Rhinos Wiesbaden in der Bundesliga und sind in der deutschen Nationalmannschaft.

Svenja Mayer: Ja, ich habe mich mit Willen und viel Ehrgeiz hier reingesteigert. Ich hatte mehrere Begegnungen, die mir weitergeholfen haben. Beim RSC Amberg habe ich angefangen. Fünf Jahre habe ich in Heidelberg gespielt. Mein jetziger Freund, Andre Hopp, hat mir sehr geholfen. Er spielt auch im Team der Rhinos.

ONETZ: Ist Ihr Freund auch an den Rollstuhl gebunden?

Svenja Mayer: Nein, Andre hat keine Behinderung. In der ersten Bundesliga dürfen auch Nicht-Behinderte mitspielen. Er setzt sich einfach in den Stuhl und spielt mit.

ONETZ: Sie sprechen von Behinderten und nicht Behinderten. Ist das jetzt "politisch korrekt" oder verwendet man einen anderen Ausdruck?

Svenja Mayer: Ich habe überhaupt kein Problem damit, das Wort "Behinderte" zu benutzen. Aber ich weiß, dass sich manche daran stoßen. Wer sich darüber aufregt, der hat meist kein Selbstbewusstsein.

ONETZ: Im Rollstuhlbasketball gibt es ein Punktesystem, nachdem sich eine Mannschaft zusammensetzt. Wie sieht das aus?

Svenja Mayer: Je nach Behinderungsgrad gibt es Punkte. Je mehr man eingeschränkt ist, umso weniger Punkte hat man. Das Maximale sind 4,5 Punkte. Das sind diejenigen, die keine oder fast keine Behinderungen haben. Dann muss man das Team auf dem Feld, das sind fünf Spieler, bei internationalen Spielen so zusammenstellen, dass man 14 Punkte nicht überschreitet.

ONETZ: Wie viele Punkte haben Sie?

Svenja Mayer: Ich habe 2,5. Ich habe einen Hüftschaden und kann meine Bauchmuskeln noch bewegen. Ein Ein-Punkte-Spieler hat keine Bauchmuskeln mehr. Unsere Startaufstellung ist 4,5-4,5-2,5-1,5 und 1.

ONETZ: Da muss der Trainer beim Einwechseln genau darauf achten, dass kein Fehler passiert und eine Mannschaft auf dem Feld ist, die mehr als 14 Punkte hat?

Svenja Mayer: Ja, das ist richtig. Wenn das passiert, gibt es ein Technisches Foul. Das bedeutet zwei Freiwürfe für den Gegner.

ONETZ: In der Bundesliga gibt es Mixed-Teams, aber international ist das anders?

Svenja Mayer: Ja. National spielen wir gemischt. International wird getrennt. In Tokio sind wir zwölf Frauen, das deutsche Nationalteam.

ONETZ: 2018 sind Sie mit der deutschen Nationalmannschaft Dritter geworden bei der Weltmeisterschaft, 2019 haben Sie den dritten Platz bei der Europameisterschaft belegt. Wann kam der Gedanke auf, dass Sie an den Paralympics teilnehmen?

Svenja Mayer: Als wir Bronze bei der EM geholt haben, war mir klar, dass ich zu den Paralympics will. Ich habe alle unter geordnet, alles zurück gestellt, um dieses Ziel zu erreichen.

ONETZ: Wie sind die Aussichten auf eine Medaille?

Svenja Mayer: Wir hoffen natürlich, dass es klappt. Aber das kann man nicht vorhersagen.

ONETZ: In einem Interview haben Sie über sich gesagt, Sie sind Rentnerin?

Svenja Mayer: Ja, seit meinem Unfall bin ich das von der Berufsgenossenschaft aus, und seitdem konzentriere ich mich auf den Sport. Ich war in Amberg Friseurin.

ONETZ: Haben Sie in Japan ein Maskottchen dabei?

Svenja Mayer: Ja, ein Bild, auf dem meine ganze Familie drauf ist. Dann einen Engel, den ich geschenkt bekommen habe. Und meine Baby-Kette, die ich damals bekam. Da ist so ein kleiner Schuh dran.

Nach Horrorunfall im Rollstuhl: Wie sich Svenja Mayer (21) ins normale Leben zurückkämpft:

Hintergrund:

Svenja Mayer

  • geboren 21.05.1991 in Amberg
  • Ausbildung zur Friseurin
  • Februar 2011 schwerer Unfall auf der Erzbergbrücke in Amberg, wird mit Fahrrad von Lkw überrollt
  • 30 Operationen, fünf Monate im Bett, aber nicht querschnittsgelähmt; kann ein paar Meter gehen, aber nur mit Stützen, lebt jetzt in Wiesbaden
  • Lebensmotto: Beginne jeden Tag, als wäre es dein Letzter
  • seit 2018 Nationalspielerin des deutschen Rollstuhlbasketballteams der Frauen
  • Februar 2021: Sportplakette des Landes Hessen für Leistungen als Nationalspielerin
  • Mai 2021: Nominierung durch Bundestrainer Martin Otto für die Paralympics in Tokio
  • Bisherige Vereine: RSC Amberg, SGK Rolling Chocolate Heidelberg, Rhine River Rhinos Wiesbaden
  • Spiele bei den Paralympics: Donnerstag, 26. August, 2 Uhr (MEZ): Deutschland - Australien; Freitag, 27. August, 13.30 Uhr: Deutschland - Großbritannien; Samstag, 28. August, 10 Uhr: Deutschland - Kanada; Sonntag, 29. August, 4.15 Uhr: Deutschland - Japan
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