22.02.2021 - 19:33 Uhr
AmbergSport

Professor Dr. Werner Krutsch: "Geringe Ansteckungsgefahr beim Fußball"

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Vertreter aus 68 Oberpfälzer Fußballvereinen löchern den Entwickler diverser Hygienekonzepte bei einer digitalen Sprechstunde mit Fragen zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Der Mediziner erklärt, gibt Ratschläge und macht Hoffnung.

Professor Dr. Werner Krutsch (rechts) beantwortete in einer 90-minütigen Online-Sprechstunde alle drängenden Fragen der Oberpfälzer Fußballvereine. Bezirksvorsitzender Thomas Graml moderierte die Veranstaltung.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Die Oberpfälzer Amateurfußballer scharren mit den Stollenschuhen: Sie wollen endlich wieder raus und kicken. Im Gegensatz zum ersten Lockdown im Frühjahr 2020 sind Lockerungen im Sport immerhin bereits Bestandteil der politischen Einlassungen zum weiteren Kampf gegen das Coronavirus. Doch wie soll der Re-Start gelingen? Welche Ansteckungsgefahren lauern? Welche Vorkehrungen sind zu treffen? Antworten lieferte Professor Dr. Werner Krutsch bei einer digitalen Sprechstunde des Fußballbezirks Oberpfalz. Bezirksvorsitzender Thomas Graml stellte die Fragen, die bei den Vereinen während vorheriger Online-Stammtische aufgetaucht waren, oder die von den 68 Vereinsvertretern direkt bei der Veranstaltung über eine Chatfunktion an den Mediziner formuliert wurden.

Über welchen Puffer verfügt der Bayerische Fußball-Verband falls die Spielzeit nicht wie geplant bis zum 16. Mai beendet werden kann?

Graml erläuterte, dass von politischer Seite derzeit Lockerungen im Amateursport in zwei Schritten debattiert würden. "Zunächst geht es um Individual-, danach folgen die Kontaktsportarten." In der Oberpfalz sei eine Saisonverlängerung über den 16. Mai hinaus "möglich, derzeit sogar wahrscheinlich". Aber: "Bis zum 30. Juni muss die Saison beendet sein."

Nach dem grünen Licht aus der Politik: Wie lange sollte die Vorbereitungsphase dauern bis der Punktspielbetrieb wieder aufgenommen werden kann?

Eine wissenschaftliche fundierte Empfehlung gebe es dazu nicht, sagte Krutsch. Aber bei den Profis sei eine relativ kurze Spanne von neun Tagen im vergangenen Jahr gewählt worden, weil im Vorfeld bereits intensives Einzel- und Kleingruppentraining absolviert worden war. „Bei Amateuren brauchen wir schon ein paar Wochen mehr. Ich würde mindestens drei Wochen Teamtraining vor dem Punktspielstart empfehlen.“ Und angesichts des besser werdenden Frühlingswetters rät der Mediziner: „Individualtraining ist ab sofort möglich. Die Spieler sollten jetzt rausgehen und sich in Form bringen.“

„Fußball ist ein Laufsport. Jetzt können die Spieler nachholen, was sie monatelang nicht durften. Dann können drei Wochen Teamtraining reichen, sobald die Freigabe erfolgt ist.“

Professor Dr. Werner Krutsch

Wie sollte das Training aufgebaut sein?

„Fußball ist ein Laufsport. Jetzt können die Spieler nachholen, was sie monatelang nicht durften. Dann können drei Wochen Teamtraining reichen, sobald die Freigabe erfolgt ist“, sagte Krutsch. Die Akteure sollten jetzt schon Stabilitätsübungen mit einbauen und sich so früh wie möglich wieder an den Ball gewöhnen. „Einfach mit dem Ball in den Garten oder in den Park und individuell etwas trainieren.“ Im Teamtraining könne danach der Fokus auf Mannschaftstaktik und Spielzüge gelegt werden, "oder was der Trainer eben für Schwerpunkte setzen möchte. So haben es die Profis auch gemacht".

Ist die Verletzungsgefahr bei einer zu kurzen Vorbereitungszeit nicht zu groß?

Jeder Spieler könne bereits jetzt etwas für die Verletzungsprävention machen. „Im Einzeltraining sollten alle Aspekte wie Laufen, Stabilität und Koordination berücksichtigt werden. So wird Verletzungen vorgebeugt“, empfahl Krutsch den Fußballern. Eine Schwierigkeit, gerade im Amateurbereich, sei die Eigenmotivation der Spieler, gerade, wenn etwa jemanden aktuell berufliche Probleme oder Zukunftssorgen beschäftigen. Allerdings ist aus dem ersten Re-Start im vergangenen Jahr „keine größere Verletzungsanfälligkeit bekannt und eine längere Vorbereitung heißt nicht automatisch, dass es inhaltlich besser sein muss".

Besteht in Corona-Hotspots wie den Kreisen Tirschenreuth, Neustadt/WN oder der Stadt Weiden eine höhere Ansteckungsgefahr?

„Es ist im Fußball bislang keine Infektion rein aus dem Geschehen auf dem Spielfeld bekannt, egal in welchem Gebiet. Der Fußballplatz ist groß, Fußball ist eine Sportart unter freiem Himmel und kein Vollkontaktsport, der direkte Kontakt der Spieler verteilt sich sehr stark und ein Face-to-Face-Kontakt über mehrere Minuten ist quasi nicht gegeben“, referierte Krutsch. Die Angst vor Fahrten nach und Auswärtsspielen in Risikogebieten sei verständlich, doch solange sich der Aufenthalt dort auf das reine Spiel beschränke, herrsche eine „geringe Kontaktsituation und Ansteckungsgefahr“ vor. Da unterscheide sich der Fußball extrem von Basketball oder Handball, die „deswegen auch letzten Sommer später loslegen durften“.

Besteht beim Torjubel oder bei Eckbällen eine erhöhte Ansteckungsgefahr?

Da kommt beim Mediziner Krutsch der ehemalige Fußballer durch: „Fußball ohne Torjubel ist für mich nicht vorstellbar. Natürlich sollte man den zu ausgelassenen Jubel im Pulk vermeiden. Das sich eine Emotion wie Jubel nicht vermeiden lässt, ist aber klar.“ Bei Eckbällen müsse man ebenfalls „etwas aufpassen“, allerdings sei der direkte Kontakt in dieser Spielsituation ebenso so gering, dass eine Ansteckung bisher nicht nachgewiesen wurde. „Die Zeiten, in denen ein Manndecker seinen Gegenspieler bis auf die Toilette verfolgte, gehören glücklicherweise sowieso der Vergangenheit an.“

Bedeuten die Mutationen des Coronavirus auch eine größere Gefahr für Fußballer?

Laut Professor Krutsch führen die Mutationen zu schnelleren Infektionen und Symptomen. Aber: „Eine größere Gefahr bei Outdoor-Sportarten ist bislang noch nicht nachgewiesen. Vor allem dann nicht, wenn die Hygieneregeln, wie empfohlen, konsequent eingehalten werden. Das heißt auf dem Feld: Normales Verhalten, abseits des Platzes Abstand halten, FFP2-Maske tragen, Händewaschen – so lassen sich viele Infektionen verhindern, und niemand muss sich Sorgen wegen der Mutanten machen.“

Sind Verschärfungen des Hygienekonzepts aus dem vergangenen Jahr angedacht?

Das glaubt Krutsch als beteiligter Entwickler der Hygienekonzepte von DFB, DFL und BFV nicht. „Es ist nachvollziehbar, dass der Lockdown verlängert wurde, weil zu viel Angst und zu wenige Informationen über die Virus-Mutationen vorlagen. Aber unsere Konzepte haben bislang gut gegriffen, so dass da erst einmal keine Änderungen nötig sind.“

"Mittlerweile wissen wir aber, dass beim Duschen keine Ansteckungsgefahr vorherrscht."

Professor Dr. Werner Krutsch

Können sich Sportler in Gemeinschaftsduschen mit dem Coronavirus infizieren?

In diesem Punkt räumt Krutsch mit einem Irrtum aus der Frühphase der Hygienekonzepte auf: „Damals haben wir selbst empfohlen, nach dem Spiel heimzufahren und sich zu Hause zu duschen. Das haben danach alle anderen Verbände und Sportarten so übernommen. Mittlerweile wissen wir aber, dass beim Duschen keine Ansteckungsgefahr vorherrscht.“ Wasserdampf setze sich wie Nebel und drücke Aerosole zu Boden, dazu noch das Wasser, das ebenfalls von oben nach unten prasselt. Duschen ist daher erlaubt, die Vereine sollten nur auf Nummer sicher gehen und jede zweite Dusche frei lassen, da "Abstand in der Dusche wie auch in der sonstigen Kabine trotzdem schützend wirkt".

Wie kann es sein, dass sich ein Profi wie Thomas Müller vom FC Bayern trotz sehr strengen Hygienekonzepts infiziert hat?

Professor Krutsch vermutet, dass Müllers Infektion nicht auf das Spielgeschehen auf dem Platz zurückgeht, verwahrt sich aber eine verbindliche Antwort, da diese reine Spekulation wäre. „Ich sage nicht, dass es zu gar keiner Infektion beim Fußball kommen kann. Aber wenn sich ein Spieler infiziert, ist eine Ansteckung auf dem Platz sehr unwahrscheinlich. Anders sieht es dagegen in der Kabine oder in geschlossenen Räumen aus.“

Warum mussten nicht alle Spieler des FC Bayern in Quarantäne, während wir Amateurfußballer im Herbst bereits bei einem Verdachtsfall 14 Tage lang mit Training und Spielen aussetzen mussten?

Hier müsse, laut Krutsch, in jedem Einzelfall unterschieden werden, und das übernimmt nur das Gesundheitsamt. „Besteht der Verdacht, dass eine positiv getestete Person andere angesteckt hat, ist eine Quarantäne völlig richtig, egal ob Profi- oder Amateursport, egal ob Fußball oder andere Sportarten. Sind die Kontakte des Infizierten oder Verdachtsfalls unklar, müssen alle in Schutzquarantäne, die engen und ungeschützten Kontakt hatten.“ Bei den Profifußballern sei die Situation so, und sicherlich unterschiedlich zu Situationen im Amateursport, dass die Vereine mittlerweile sehr detaillierte Kontaktprotokolle führen, so dass Folge-Quarantänen wegen unklarer Kontakte kaum noch vorkommen. Dazu komme, dass die Spieler sehr oft getestet würden und somit auch symptomlose Infektionen früh und teilweise vor Ansteckungsfahr erkannt werden, denn es wird nicht erst bei Symptomen, sondern nach einem standardisierten Konzept getestet. „Das zuständige Gesundheitsamt prüft dann bei positiven Fällen alle Kontakte des betroffenen Spielers, und wenn dieser, keinen ungeschützten Kontakt zu seinen Mitspielern abseits des Spielfeldes hatte, muss nur der Infizierte in Quarantäne." Dies solle etwa erklären, weshalb zu Beginn der Pandemie noch Team-Quarantänen ausgesprochen wurden, was darauf basierte, "dass gar keine Hygienemaßnahmen vorlagen und jetzt differenzierter analysiert wird".

Ist es vorstellbar, dass Fußballer während des Spiels eine Maske tragen müssen?

Das ist für den Mediziner keine Option. „Ich kann schon den Schulsport mit Maske nicht nachvollziehen.“ Für Krutsch beißt sich Sport mit einer Maske. „Unter einer FFP2-Maske ist es schon unter normalen Umständen schwieriger zu atmen, eine Alltagsmaske aus Stoff bietet andersherum keinen ausreichenden Infektionsschutz.“

Welche Risiken birgt sportliche Betätigung nach einer überstandenen Corona-Infektion?

Hatte der Betroffene keine oder nur leichte Symptome, sieht Krutsch keine Probleme, wieder zeitnah Fußball zu spielen oder einen anderen Sport auszuüben. Klagte der Genesene jedoch über Atemwegsprobleme oder Müdigkeit, empfiehlt der Mediziner, „sich weiter in ärztliche Behandlung zu geben – unabhängig vom Sport“. Ein Müdigkeitssyndrom nach einer Virusinfektion sei dagegen von anderen Virusinfektionen auch bekannt, und müsse medizinisch immer beobachtet werden.

Die Politik stellt den Amateursportlern Lockerungen in Aussicht

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Hintergrund:

Zur Person: Das ist Professor Dr. Werner Krutsch

  • Werner Krutsch (41) spielte selbst Fußball beim 1. FC Nürnberg (Jugend), VfB Stuttgart II (3.Liga) und beim Freien TuS Regensburg (Bayernliga), ist in der Ärzte-Nationalmannschaft und Traditionsmannschaft des 1. FC Nürnberg aktiv
  • Auch die Arbeit als Vereinsfunktionär kennt er bestens, beim Freien TuS Regensburg war er Fußballabteilungsleiter
  • Krutsch gilt als Experte für Kniechirurgie, Knorpel- und Kreuzbandchirurgie sowie Sporttraumatologie gilt
  • Seit 2009 ist er stellvertretender Leiter beim Fifa Medical Centre of Excellence Regensburg, seit 2014 unterstützt er den Bayerischen Fußball-Verband als Leitender Verbandsarzt
  • 2015 gründete er das "Kreuzbandregister im Deutschen Fußball"
  • Als einer von drei Medizinern ist Krutsch Mitglied der „Task Force Sportmedizin & Sonderspielbetrieb“ der Deutschen Fußball Liga und des Deutschen Fußball-Bundes. Er trug dazu bei, ein aufgrund der Covid-19-Pandemie benötigtes Hygienekonzept zu entwickeln

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