29.04.2021 - 13:54 Uhr
AmbergSport

Neben Tuchel, Schmidt und Svensson: Ein Amberger auf der Bank des FSV Mainz 05

Er ist erfolgreicher Jugendspieler beim 1. FC Amberg, aber Verletzungen zerstören früh den Traum vom Profifußballer. Viele Jahre später schafft es Stefan Mattyasovszky doch in die Bundesliga.

Die Erste-Hilfe-Tasche steht vor ihm, Priv.-Doz. Dr. Stefan Mattyasovszky (Zweiter von rechts) ist auf der Bank des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 einsatzbereit, falls sich ein Spieler verletzt.
von Christian Frühwirth Kontakt Profil

Der Kontakt zu seiner früheren Jugendmannschaft riss nie ab. Vor ein paar Jahren lud Stefan Mattyasovszky seinen ehemaligen Trainer Karl-Heinz Cislaghi zu einem Bundesligaspiel nach Mainz ein. Sie plauderten dabei natürlich auch über "alte Zeiten", als die B-Junioren des 1. FC Amberg Anfang 1994 im Finale der Bayerischen Hallenmeisterschaft "die für uns eigentlich immer unantastbaren und unerreichbaren Bayern" besiegten. Und über das zweite Duell mit den Bayern ein paar Monate später, als die Münchener das Spiel der beiden Bayernliga-Meister nur durch einen umstrittenen Treffer gewannen. "Die fuhren damals mit dem Mannschaftsbus der Profis vor, das hat uns schon sehr beeindruckt. Unter den Zuschauern war auch Gerd Müller", erinnert sich der 42-jährige Mattyasovszky noch gut an diese Begegnung.

Der Orthopäde und Unfallchirurg ist seit vielen Jahren Mannschaftsarzt beim FSV Mainz 05 und betreibt seit diesem Jahr mit einem Kollegen eine eigene Praxis. In der Saison 1993/94 gehörte er zu jenen B-Junioren des 1. FC Amberg, die den 1. FC Nürnberg besiegten, die Bayern München schlugen, den bayerischen Hallentitel holten und Meister der Bayernliga Nord wurden.

Zu Bayern, 60 und zum Club

Als der 1. FC Amberg 1995 Konkurs anmeldete, zerbrach auch diese Mannschaft. Viele der Leistungsträger wechselten zu Bundesligisten, Alexander Bugera ging zu den Bayern, Uwe Richthammer zu 1860 München, Sven Löhner, Klaus Maulbeck, Stefan Michl und Markus Bauer zum 1. FC Nürnberg. Stefan Mattyasovszky blieb.

Alexander Bugera erzählt über seine Zeit bei den Bayern

Amberg

Zu diesem Zeitpunkt war sein Traum vom "Profifußballer" schon ausgeträumt. Als Außenverteidiger, der oftmals den Auftrag bekam, seinen Gegenspieler mannzudecken und diesem "bis zur Toilette zu folgen", lebte er von seiner Schnelligkeit. Sein Problem: die ständigen Verletzungen. "Ich hatte mich gerade wieder herangekämpft, dann kam die Einladung zur Bayernauswahl, und schwupps kam die nächste Muskelverletzung." Mit 16 Jahren stand für ihn fest, sich auf Abitur und Beruf zu konzentrieren. Er wollte irgendwas mit Sport und Wirtschaft studieren. "Spieler holen, Spieler verkaufen, selber ein Team zusammenstellen, der Gedanke gefiel mir. Mein Traum war es jetzt, wie Uli Hoeneß zu werden."

Er wurde kein Uli Hoeneß, kein Manager. Stefan Mattyasovszky begann ein Medizinstudium in Erlangen. Und spielte nebenher noch Fußball bei den Herren des FC Amberg, mittlerweile ohne das "1.", unter dem Dach des TV Amberg und in der untersten Liga. Ein paar aus der damaligen Jugendmannschaft waren da noch dabei. "Natürlich war das doof, als verwöhnter Bayernligaspieler aus der Jugend jetzt plötzlich in der untersten Liga zu spielen", erinnert er sich. "Aber für uns gab es nur eins: Den FC wieder nach oben zu bringen". An den ersten drei Aufstiegen war er noch beteiligt, dann ging das Studium vor. Er kickte noch ein bisschen beim Erlanger Vorortclub SV Bubenreuth und beendete mit 24 Jahren seine Fußballerkarriere. Dass er dann später wieder zum Fußball kam und nun schon seit neun Jahren in der Bundesliga tätig ist, war Zufall. Nach dem Studium bewarb er sich für eine Assistenzarztstelle an verschiedenen Kliniken. Quer durch die Republik. Die erste Zusage kam aus Mainz. "Ich kannte von Mainz nur Fastnacht, Mainz wie es singt und lacht. Fußball in Mainz kannte ich nur ein bisschen aus dem Fernsehen." Das sollte sich bald ändern.

Mannschaftsarzt bei Jürgen Klopp

Wieder war es ein Zufall: In einem Fitnessstudio lernte er seine jetzige Frau Nina kennen - die ihn ein paar Wochen später ihren Eltern vorstellte. "Da stellte sich heraus, wer ihr Papa ist", erinnert sich Mattyasovszky an jenen Abend mit Dr. Klaus Gerlach, Mannschaftsarzt des FSV Mainz 05, der das Team 15 Jahre lang betreute, auch schon zu Jürgen Klopps Zeiten. Über Gerlach kam Mattyasovszky zum Verein, betreute zunächst die U23 und rückte 2012 zu den Profis auf.

Plötzlich war er mittendrin in der Bundesliga, hatte vor seinem ersten Spiel "genauso Herzklopfen wie die Spieler", spürte, wie in Dortmund die Bank wackelte, als 24 454 Fans in der Gelben Wand zu hüpfen begannen und hatte ein Rauschen im Ohr, als die Kölner Fans 93 Minuten lang Party machten und den Klassenerhalt feierten. "Es ist immer wieder ein Erlebnis, man stumpft da auch nicht ab", sagt er auch Jahre später. Und: "Es ist einfach ein Privileg, diesen Job machen zu dürfen". Auch wenn es unschöne Momente gab: Wie beim Kreuzbandriss von Niko Bungert, den er ebenso auf dem Platz behandelte, wie Elkin Soto mit einem völlig zerstörten Knie nach einem Foul von Rafael van der Vaart.

Den Dienst bei der Mannschaft teilt sich Mattyasovszky mit seinem (Praxis-)Kollegen Dr. Philipp Appelmann. Die beiden sind die Orthopäden und Unfallchirurgen im Ärzteteam. Dazu kommen zwei Kardiologen, ein Osteopath, ein Zahnarzt, eine Augenärztin, ein Sportmediziner und seit Corona auch eine Hygienebeauftragte.

"Check" am Tag vor dem Spiel

Einmal pro Woche besprechen sich Ärzte, Physios und Trainer, am Tag vor einem Spiel gibt es einen "Medical Check", erzählt Mattyasovszky von der Arbeitswoche eines Mannschaftsarztes. Am Spieltag steht die Betreuung vor, während und nach der Partie auf dem Programm, "am nächsten Tag schauen wir uns dann die verletzten Spieler an, organisieren Röntgen- und MRT-Untersuchungen." Und momentan kommen auch permanent Covid-19-Abstriche dazu.

Respektvolles Miteinander

Ein wichtiger Punkt für das Team hinter dem Team sei die Zusammenarbeit mit den Trainern, betont Mattyasovszky. Die sei immer respektvoll gewesen, egal ob mit Martin Schmidt, dem jetzigen Sportdirektor, Sandro Schwarz, Achim Beierlorzer, aktuell Bo Svensson und zu Beginn seiner Zeit bei den Profis mit Thomas Tuchel. "Er ist ein sehr lustiger Mensch, ein absoluter Fachmann." Dass der jetzige Chelsea-Trainer als schwierig gilt, weiß der Amberger, "ich finde das aber nicht, er hat ein Ziel, er hat eine Vision und ist extrem ehrgeizig".

Zurück in die Oberpfalz kommt Stefan Mattyasovszky immer wieder mal. Um seine Eltern zu besuchen. Im Stadion am Schanzl war er dagegen schon länger nicht mehr. Trotzdem: Den FC Amberg verfolgt er immer noch. Und auch der Kontakt zu einigen der ehemaligen Mitspielern riss nie ab.

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Hintergrund:

Zur Person: Priv.-Doz. Dr. Stefan Mattyasovszky

  • 42 Jahre alt, verheiratet, ein Sohn, aufgewachsen in Amberg und Kümmersbruck, Abitur am Gregor-Mendel-Gymnasium
  • Fußballer in der Jugend des 1. FC Amberg, unter anderem Meister Bayernliga Nord und Bayerischer Hallenmeister mit den B-Junioren
  • Nach der Insolvenz des Vereins Spieler beim FC im TV Amberg, mit den Herren drei Aufstiege
  • Neben dem Medizinstudium in Erlangen Spieler beim SV Bubenreuth
  • Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Schwerpunkt Wirbelsäulenchirurgie
  • 2005 Assistenzarzt an der Klinik für Unfallchirurgie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, seit 2012 Oberarzt, seit 2018 Privatdozent, 2019 Leitender Oberarzt, seit 2021 eigene Praxis in Mainz
  • Seit 2009 Mannschaftsarzt beim FSV Mainz 05, zunächst bei der U23, seit April 2012 bei der Bundesligamannschaft

 

 

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