28.05.2020 - 16:52 Uhr
AmbergSport

Judo in der Coronakrise: "Für mich ist das total schlimm"

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Manfred Schmid ist einer der erfolgreichsten Judotrainer der Oberpfalz. Sein ganzes Leben hat er der Sportart untergeordnet. Dann kam Corona. Wie geht es einem Trainingsverrückten, wenn er nicht trainieren kann?

Im Judoanzug auf dem Fußballplatz: Manfred Schmid beim Training in Ensdorf. Er zeigt einen besonderen schwarzen Gürtel, den er von seinem Schützling David Sperlich geschenkt bekommen hat.
von Julian Trager Kontakt Profil

Die Trainerkarriere von Manfred Schmid begann mit einem Deal mit dem Hausmeister. 1978 war das. Schmids damaliger Trainer in Furth im Wald zog weg, die dortige Judoabteilung stand ohne Coach vor dem Aus. Der junge Schmid wollte nicht aber aufhören, also handelte er mit dem Hausmeister der Schulturnhalle einen Deal aus: Wenn sich die Judoka ordentlich aufführen, dann sagt der Hausmeister nix, dann dürfen die Jungs weiter machen. Und plötzlich war Manfred Schmid Trainer, mit knapp 14 Jahren. Dabei wollte er doch nur weiter trainieren können.

Fast 42 Jahre später gilt Schmid als einer der erfolgreichsten Judotrainer der Oberpfalz. Über die Stationen Furth im Wald, Rötz, Burglengenfeld und Kümmersbruck kam er 2013 zur DJK Ensdorf. Überall feierte er Erfolge, Kümmersbruck und Ensdorf wurden jeweils unter seiner Regie zum Bezirksstützpunkt. Seine Athleten holen Medaillen und Spitzenplätze bei bayerischen, süddeutschen und deutschen Titelkämpfen, starten bei Weltmeisterschaften.

Nur vier freie Wochenenden

Manfred Schmid lebt für Judo - das darf man bei ihm wirklich schreiben. Er steckt praktisch jeden Tag im weißen Trainingsanzug mit dem schwarzen Gürtel. In Ensdorf ist er fast jeden Tag in der Gymnastikhalle zu finden ist. Montag die Kaderathleten, zwei Stunden. Dienstag die Erwachsenen, zwei Stunden. Mittwoch Individualtraining der Leistungsgruppe. Donnerstag ein Abstecher nach Schwandorf zum Ju Jutsu. Freitag drei Gruppen, fünfeinhalb Stunden. Am Wochenende sind fast immer irgendwo irgendwelche Turniere. "Im letzten Jahr hatte ich insgesamt - inklusive Weihnachten und Ferien - vier freie Wochenenden", erzählt der 55-Jährige, der auch Kampfrichter ist. Manfred Schmids Terminplan kennt eigentlich nur: Judo, Judo, Judo.

"Wenn man es gewohnt ist, dass man jeden Tag auf der Matte steht, ist das schon hart", sagt Schmid über die vergangenen Wochen. "Ich hab mein ganzes Leben Judo untergeordnet. Hab mir eine Arbeit gesucht ohne Schicht, damit ich mehr Zeit für Judo hab." Dann kam die Corona-Pandemie, die seine Sportart komplett ausknockte - wie soll man auch gegeneinander kämpfen, ohne sich zu nahe zu kommen?

Corona knockte auch Schmids Alltag aus, verdonnerte ihn zum Nichtstun. "Für mich ist das total schlimm", sagt der 55-Jährige, der in Amberg lebt und dort als Schlosser arbeitet. Er habe sich an eine Zeit ohne Judo gewöhnen müssen. "War schwierig, ich musste mich mit etwas anderem beschäftigen", gibt er zu. "Mir hat das Training gefehlt, die Arbeit mit den Kindern."

Schmid hat sich langsam ins Training zurückgekämpft. Zunächst mit individuellen Trainingsplänen, die er an seine Judoka schickte, später dann Live-Training per Laptop und Handy. Seit vergangener Woche sind Einheiten im Freien erlaubt. Seitdem trifft man ihn wieder auf dem Sportgelände in Ensdorf. Mit seinen Kämpfern steht er nun auf dem Fußballplatz, jeder hat seinen eigenen Flecken Rasen. Zuerst laufen sie sich warm, dehnen sich. Dann kommen Trockenübungen. Tandoku Renshu, die Judoka simulieren ein Duell, kämpfen gegen einen unsichtbaren Gegner. Fast sieht es so aus, als würden sie in ihren weißen und blauen Judoanzügen über das Grün tanzen. Cha Cha Cha statt Ashi-Waza.

Geschenk bringt ihn zum Heulen

Bisher dürfen nur die besten Judoka wieder Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau kämpfen, mit festen Trainingspartnern. Die Athleten im Olympiakader natürlich, aber auch die aus dem Nationalkader 2. Da findet sich auch David Sperlich, ein Schützling von Manfred Schmid, der mittlerweile zwar in München trainiert, aber ab und zu noch in Ensdorf auf eine Einheit vorbeischaut. Schmid hat schon mehrere Athleten zu Bundesligakämpfern geformt.

Sie alle haben ihren Trainer aus Jugendtagen nicht vergessen, das hat Schmid erst im vergangenen Jahr erlebt. Bei der deutschen Meisterschaft in Hamburg hätten sie ihn herzlich begrüßt. David Sperlich habe ihm aus dem Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Japan einen besonderen schwarzen Gürtel mitgebracht. "Da habe ich geheult", sagt Schmidt und muss lachen, weil er sonst eher nicht nah am Wasser gebaut ist. Die Wertschätzung für Schmids Arbeit ist hoch.

Aber wie geht's jetzt weiter? Training ohne Körperkontakt, das ist ja auch nicht das Wahre. "Ich hoffe, dass bald die Kämpfer aus dem Bayernkader mit festen Partnern trainieren können", sagt Schmid. Davon wären auch ein paar Judoka der DJK Ensdorf betroffen. Für Manfred Schmid würde das bedeuten: Endlich wieder richtiges Training.

Schmids Schützling: David Sperlich ist ein Oberpfälzer Spitzenjudoka

Ensdorf
Sieht aus wie Cha Cha Cha, ist aber Judotraining in Coronazeiten.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.