06.05.2021 - 08:29 Uhr
AmbergSport

Handball-Länderspiele in Amberg: Pasta-Orgie und kein bayerisches Bier

Vor fast 15 Jahren schrieb die HG Amberg mit der Ausrichtung von zwei Jugend-Länderspielen in der triMAX-Sporthalle Geschichte. Hinter den Kulissen gab's auch Geschichten – und was für welche.

B-Nationalmannschaft Deutschland - B-Nationalmannschaft Norwegen (weiblich)
von Autor ZYZProfil

Die Olympia-Bronzemedaillengewinner Tobias Reichmann und Patrick Groetzki, die norwegischen Europameisterinnen Silje Solberg, Nora Mørk und Stine Bredal Oftedal, die aktuell wohl beste Handballerin der Welt - sie alle spielten schon einmal in Amberg Handball. Und auch der aktuelle Champions-League-Sieger Dario Quenstedt. An einem Tag, am 25. November 2006.

Die 1800 Zeitzeugen damals in der triMAX-Sporthalle bedeuteten einen Indoor-Rekord im Landkreis Amberg-Sulzbach, der noch bis heute Bestand hat. Damals trafen bei einem Doppel-Länderspiel die weibliche B-Jugend Deutschlands auf Norwegen und die männliche A-Jugend auf die Tschechische Republik - mit überproportional vielen Talenten, die zu Weltstars oder erfolgreichen Profi-Handballern wurden.

Im "Schweinsgalopp"

Beinahe wäre es gar nicht zu dem Megaevent gekommen: Die als Co-Ausrichter eingeplante SSG Metten konnte den für den 24. November angesetzten ersten Vergleich der Nationalteams nicht ausrichten. Die altehrwürdige Kloster-Sporthalle in dem niederbayerischen Markt entsprach nicht den internationalen Vorgaben. "Nun mussten wir im Schweinsgalopp einen neuen Partnerverein finden", erinnert sich Bernhard Karl, zusammen mit Michael Stahl einer der damaligen Vorsitzenden der ausrichtenden HG Amberg. Die Übernahme aller vier Länderspiele wäre aufgrund der hohen Antrittsprämien nicht wirtschaftlich gewesen. "Es sollte aufgrund der hohen Fixkosten aber keine Konkurrenz zu uns sein und gleichzeitig aber auch nicht weit entfernt liegen", sagte Organisator Robert Torunsky, der durch seine Verbindungen zum Bayerischen Handball-Verband die Länderspiele an Land gezogen hatte.

Der Deutsche Handballbund (DHB) zeigte sich begeistert von den Improvisationskünsten der HG. "Ehe wir uns versahen, sollten wir gleich noch die Trainingslager der deutschen Teams und ein Trainer-Symposium ausrichten", sagte Torunsky. Auch diese Hürde übersprangen die Amberger Handballer, die mit der Ausrichtung des alljährlichen Handballfestivals event-erprobt waren. Mit der heutigen Ostbayerischen Technischen Hochschule und der Stadt Amberg wurden die nötigen Kooperationspartner gefunden.

Den Montag, 20. November 2006, wird Robert Torunsky nicht vergessen. "Obwohl wir alles bis ins kleinste Detail geplant hatten, schien sich alles gegen uns verschworen zu haben." Zunächst waren die deutschen Teams mit zu wenig Fahrzeugen angereist. "Wir mussten spontan zu Taxifahrern werden, um Spieler vom Bahnhof abzuholen, ins Hotel zu bringen und auch zu den Trainingseinheiten zu fahren", sagt Karl lachend. "Ich habe allein an dem Tag weit über 100 Anrufe getätigt und über 30 Stadtfahrten unter Zeitdruck absolviert", erinnert sich Torunsky, damals 27-jähriger Student.

Doch damit nicht genug: Ein laubsaugender städtischer Angestellter und eine Reinigungskraft mit Bohnermaschine torpedierten die ersten Trainingseinheiten. Sie waren mit besonderer Überredenskunst aber zu Planänderungen bereit gewesen. "Die Nationaltrainer haben gedacht: ,Wo sind wir hier gelandet?', auch wenn wir für diese Pannen überhaupt nichts konnten", erinnert sich Karl an die Blamage.

DHB-Cheftrainer Klaus Dieter Petersen, der nach eigener Aussage "595 schwierige Hausmeister" kennengelernt hatte, nahm die Anlaufschwierigkeiten zum Glück locker. Den 340-fachen Nationalspieler traf deutlich härter, dass das Teamhotel am Dultplatz kein bayerisches Bier im Sortiment hatte. "Das haben wir schnell gelöst", ist Karl noch heute erleichtert.

Vier Portionen Nudeln

Die Verköstigung der hungrigen Sportler war eine Herausforderung. Die berühmten Curry-Sahne-Hähnchen-Pasta von Koch Milan Mihalik zwang normalerweise hungrige Männer nach einem Teller in die Knie, die männlichen Nachwuchshandballer verdrückten locker vier Portionen. Legendär war der Heißhunger der Linkshänder Jens Schöngarth und Patrick Groetzki, die auf dem Heimweg zum Hotel noch eine riesige Schüssel der inzwischen erkalteten Pasta blitzeblank aßen. Doch das war immer noch nicht genug: "Als die beiden mich nach dieser fast unmenschlich Menge Nudeln tatsächlich noch um die Nummer eines guten Pizzaservices baten, habe ich - wie schon bei der Putzaktion am Montag - nach der versteckten Kamera gesucht", sagt Torunsky lachend.

Ein weiteres Highlight war dann ein kurzfristig angesetztes Trainingsspiel der deutschen Jungs gegen die HG Amberg. "Rückblickend war das wohl eine der besten Leistungen von uns überhaupt", beschreibt Karl die damalige knappe 28:32-Niederlage gegen die deutschen Toptalente vor rund 400 Zuschauern. "Das war eine gute Generalprobe für den Samstag." Die Ticketnachfrage für die richtigen Länderspiele war indes so groß, dass die Organisatoren eine Zusatztribüne in der triMAX installierten. So fanden 1800 Gäste Platz, die ein großes Handballfest erlebten.

Die deutschen Mädels um die heutigen A-Nationalspielerinnen Isabell Roch und Marlene Zapf unterlagen Norwegen mit 26:30. Mancher HG-Jugendspieler verlor dabei an die spielstarken Skandinavierinnen sein Herz. Die heutigen Weltstars Nora Mørk und Stine Bredal Oftedal, die kürzlich vom "Forbes-Magazine" sogar zu den "30 einflussreichsten Personen unter 30 Jahren" gewählt wurde, überzeugten offenbar nicht nur handballerisch. Die mit viel Pasta gestärkten deutschen Jungs siegten mit 33:28 über Tschechien und wurden vom begeisterten Rund in der triMAX mit Standing Ovations gefeiert.

Tosenden Applaus bekamen auch die Ausrichter der HG Amberg, die die denkwürdige Woche zusammen mit den Trainern in bekannten Amberger Kneipen Revue passieren ließen. "Amberg hat Maßstäbe gesetzt", hieß es im Nachgang im offiziellen Dankesschreiben des DHB.

„Als die beiden mich nach dieser fast unmenschlich Menge Nudeln tatsächlich noch um die Nummer eines guten Pizzaservices baten, habe ich nach der versteckten Kamera gesucht.“

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