05.02.2021 - 17:38 Uhr
AmbergSport

Enes Dendic: Kriegsflüchtling, Basketballer beim TV Amberg, Manager in der Schweiz

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Er ist einer der besten jugendlichen Basketballer des TV Amberg. So unglaublich es klingt: Ein Artikel in der Amberger Zeitung im Jahr 1997 verhilft Enes Dendic zur Hochzeit - der Startschuss für sein jetziges Leben. Als Manager in Zürich.

Ein großes Talent und ein sehr guter Aufbauspieler: Mit 17 war Enes Dendic (rechts am Ball) bereits Stammspieler in der Basketball-Herrenmannschaft des TV Amberg.
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

1992 muss Enes Dendic mit seinem Bruder vor dem Jugoslawienkrieg aus Bosnien fliehen, er kommt nach Amberg, spielt hier beim TV 1861 als Jugendlicher Basketball - das ist mitentscheidend für seinen Lebensweg. Eine fast unglaubliche Geschichte, die ihn in die Schweiz führt, wo er jetzt mit Ehefrau Simone und seinen zwei Kindern lebt: als Manager einer unabhängigen Beratungsfirma für Versicherungen. Ohne seine Begeisterung für Basketball wäre alles anders gekommen.

"In Kroatien kämpfen sie schon"

Rückblick Sommer 1992. Die Unruhen auf dem Balkan sind in vollem Gange. Ein Onkel von Enes Dendic, der in Heidelberg lebt, kommt nach Bosnien, um seine Familie zu warnen. "Er hat zu meinem Vater gesagt: In Kroatien kämpfen sie schon, es wird gebombt. Fahren wir hier weg", erinnert sich Enes Dendic. Doch der Vater bringt es nicht übers Herz, aus der Heimat zu fliehen. "Nein, ich will nicht hier weg. Aber nimm bitte meine Kinder mit", habe sein Vater gesagt. Dann packt sein Onkel ihn, seinen Bruder, die Oma und weitere Verwandte ins Auto. "Wir saßen zu siebt in seinem Ford Sierra, mein Bruder und ich auf dem Schoß von Tante und Onkel auf dem Rücksitz", erzählt Enes Dendic über die Fahrt - eine Flucht vor dem drohenden Krieg. "Mein Onkel musste in Kroatien einen Soldaten bestechen, dass wir rauskamen."

Zur Oma und zur Tante

Enes Dendic heute mit Sohn Ilyas (13), Tochter Lena (7) und Frau Simone. 2022 kann das Paar die Silberne Hochzeit feiern.

Die Fahrt geht nach Amberg - weil die anderen Großeltern von Enes hier leben. "Mein Opa war als Gastarbeiter in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen. Er hat in der Luitpoldhütte gearbeitet. Meine Oma lebte noch, und eine andere Tante wohnte auch in Amberg," kann sich Enes Dendic erinnern. Er ist damals 14 Jahre alt, sein Bruder 10. Der Aufenthalt soll nur ein paar Monate dauern - bis der Krieg beendet sein wird. Doch aus den paar Monaten werden ein paar Jahre. "Meine Oma wohnte in der Vilsstraße gegenüber dem Eingang der Brauerei Bruckmüller, meine Tante in der Nähe vom Moedel. Mein Bruder und ich haben immer woanders geschlafen, mal bei der Tante, mal bei meiner Oma."

Im ersten Jahr in Amberg muss Enes Dendic in der Schule die 7. Klasse wiederholen - wegen der Sprache: "Ich war auf der Hauptschule und habe kein Wort verstanden." Fast alle seine Fächer werden nicht benotet, bis auf Sport: Da ist er der Beste. Nach einem Jahr in Amberg ist ihm klar: "So schnell gehen wir nicht zurück nach Bosnien." Denn seine Eltern sind inzwischen auch nach Amberg gekommen, sind vor dem Krieg geflüchtet. Enes' Erkenntnis: Er muss in der Schule Gas geben. Was er tut, er macht seinen Hauptschulabschluss.

Nur geduldet

Das nächste Problem: Er lebt als fast Sechzehnjähriger in einem fremden Land mit einer fremden Sprache - und als Kriegsflüchtling zur damaligen Zeit nur geduldet, immer nur für sechs Monate, dann muss die Erlaubnis verlängert werden. Enes Dendic ist auf der Suche nach einer Berufsausbildung - und bekommt etliche Absagen wegen der befristeten Duldung. Er jobbt aushilfsweise im Baumarkt bei OBI in Amberg. "Die haben sich stark gemacht für mich, aber es hat nichts gebracht." Er habe die Option gehabt, in die USA zu gehen, zu Verwandten. "Da sind damals, 1996, 1997, viele bosnische Flüchtlinge rüber, weil gerade in Bayern ihnen die Arbeitserlaubnis entzogen wurde. Es war teilweise perfide: Leute, die gearbeitet haben, bekamen keine Verlängerung der Arbeitserlaubnis", schildert er die Situation. 1997 bekommt die Familie die Aufforderung vom Ausländeramt, zurück nach Bosnien zu gehen. Vater, Mutter und Bruder verlassen daraufhin Amberg und reisen in ihre Heimat zurück - Enes nicht. Nach über vier Jahren in Deutschland will er hierbleiben, auch weil er hier seine Freundin gefunden hat. "Ich bin mit 18 hier geblieben, ohne Geld und ohne Eltern."

"Hey, gutes Spiel!"

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Amberg

Zwei Wochen im Jahr 1997 entscheiden dann über sein weiteres Leben. Was ihm dabei hilft: Er spielt Basketball beim TV Amberg, zuerst in der Jugend, dann mit 17 bereits in der Herrenmannschaft. Wo er in dieser Zeit regelmäßig vorstellig werden muss: Bei der Amberger Ausländerbehörde. "Ein Mitarbeiter dort hat mich schon gekannt. Er hat viele Zeitungsartikel gelesen, über mich als Basketballer beim TV Amberg. Wenn ich eine Duldungsverlängerung gebraucht habe, bin ich zu ihm gekommen. Dann hat er gesagt: Hey, gutes Spiel! Er war ein begeisterter Sportler." Die Verlängerung war gewährt. Und eine entscheidende Erlaubnis nach einem Artikel, in dem Dendic besonders gelobt wurde: "Er hat mir damals ausnahmsweise eine zweiwöchige Verlängerung gegeben, so dass ich bleiben und Hals über Kopf noch heiraten konnte." Denn Freundin Simone, eine Krankenschwester, wird seine Frau. "Meine Schwiegermutter hat mir für die Hochzeit den Anzug und den Ring gekauft. Das muss man sich mal vorstellen", erklärt Enes Dendic. "Ich hatte Glück, dass mich meine Schwiegereltern so unterstützt haben." Gottseidank sei er in den vergangenen Jahren in der Lage gewesen, sich erkenntlich zu zeigen:"Ich bin der Meinung, dass man Menschen, die einem etwas Gutes getan haben, nicht vergessen sollte."

Hintergrund:

Zur Person: Enes Dendic

  • Geboren am 9. August 1978 in Zenica in Bosnien-Herzegowina
  • Kam wegen der Jugoslawienkriege (1991-1995) im Sommer 1992 nach Amberg
  • Blieb als 14-Jähriger mit 10-jährigen Bruder ohne Eltern hier
  • Ab 1993 Basketballspieler beim TV Amberg, zuerst Jugend dann Herren
  • 2001 Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann
  • 2001–2005 Ausbildung als Versicherungsfachmann bei der Allianz-Versicherung
  • 2006/07 Weiterbildung zum Versicherungsfachwirt
  • 2006 Wechsel nach Zürich in die Schweiz zur Allianz-Versicherung
  • Seit 2012 bei der Sennest AG (unabhängige Versicherungsberatung) als Mandatsleiter und Portfoliomanager
  • Seit 1997 verheiratet mit Simone, ein Sohn Ilyas (13) und eine Tochter Lena (7)

Ein Erlebnis mit seinm Vater

Ein 18-jähriger Kriegsflüchtling aus Bosnien und eine ebenso alte Krankenschwester - frisch verheiratet. Geht das gut? "Wenn ich etwas mache, dann mache ich es hundertprozentig, dann hänge ich mich rein", sagt Enes Dendic. Er beginnt sofort eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann bei OBI und legt dazu die Mittlere Reife ab. Danach wechselt er die Branche und macht eine Weiterbildung als Versicherungsfachmann bei der Allianz.

Ein Erlebnis hat ihn damals beeindruckt: Sein Vater kommt nach Amberg zu Besuch. "Ich weiß noch, wie wir über den Marktplatz gegangen sind, und ein Flugzeug etwas tiefer drüber geflogen ist. Da hat er sich gebückt, er wäre fast auf den Boden gefallen. Er hat zu mir gesagt: Schnell, komm runter." Enes Dendic habe seinen Vater beruhigt, ihm gesagt: "Es ist nichts, wir sind in Deutschland." Für sich selbst hat er irgendwann den Entschluss gefasst: "Ich wollte nicht stehen bleiben", sagt er. Und er will woanders hin. Er besucht damals unter anderem Freunde in Zürich - und setzt sich in den Kopf: "Hier möchte ich mal wohnen." Der junge Bosnier bewirbt sich intern bei der Allianz - und bekommt den Job in der Schweiz. Simone, seine Frau, ist nicht leicht zu überzeugen. Aber die Entscheidung, mit ihm zu gehen, fällt ihr leichter, da das Amberger Bundeswehrkrankenhaus vor der Schließung steht. Und sie findet auf Anhieb eine Stelle in einer Schweizer Klinik. Enes Dendic arbeitet zunächst für die Allianz in Zürich, dann wechselt er vor neun Jahren zu einer unabhängige Versicherungsberatung in Zürich und ist dort Mandatsleiter und Portfoliomanager. Das Ehepaar Dendic hat einen Sohn (13) und eine Tochter (7).

Nach Amberg als Trauzeuge

Die Verbindung zu Amberg ist noch da. Im Mai diesen Jahres - sofern Corona es zulässt - ist Enes Dendic zur Hochzeit eines Basketballkumpels eingeladen - als Trauzeuge. "Das muss man sich mal überlegen, was für eine Freundschaft da in Amberg entstanden ist durch Basketball. Das hat mich sehr geehrt."

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