18.06.2019 - 14:33 Uhr
Oberpfalz

Die Zeichen der Zeit

Die jüdische Bevölkerung in den Städten lebt im 19. Jahrhundert ihren Glauben weniger orthodox. Das zeigt sich auch in der Symbolik auf den Grabsteinen der Friedhöfe in der Oberpfalz.

Grabstein eines Mohel (Beschneider) mit Messer und Puderdose sowie Schofar-Horn.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde in Berlin und Wien die "Salonkultur" heimisch. Damit begann die Wende vom streng gläubigen, orthodoxen, zum liberalen Judentum. Der in Preußen beginnende Prozess sollte sich mit Jahrzehnten Verzögerung auch in der Oberpfalz durchsetzen. Ehen mit Andersgläubigen, Konversionen oder Kirchenaustritte waren oft die Folge. Es begann der Wandel vom "Land"- zum "Stadt-Juden". In der Stadt ansässige Juden waren in ihren Lebensgewohnheiten kaum von den nichtjüdischen Bewohnern zu unterscheiden.

Diese Entwicklung zeichnete sich auch in den jüdischen Friedhöfen, den "Orten ewiger Ruhe", dem "Haus der Gräber" und dem Grab als "Haus der Ewigkeit" ab. Die ältesten Judenfriedhöfe in der Oberpfalz gehen zwar auf die "orthodoxe Zeit" zurück, keiner kann jedoch zumindest seit Ende des 19. Jahrhunderts als "rein orthodox" bezeichnet werden.

Der Friedhof ist Symbol der Vergänglichkeit, Teil der Landschaft, die Natur hat in ihm freien Lauf. Die Gräber wurden nicht bepflanzt, Bäume durften zwar entfernt, das Holz jedoch nicht kommerziell genutzt, also verkauft werden. Wegen der Totenruhe wurde der heilige Boden stets von einer Mauer umgeben, das Tor am Sabbat und an Feiertagen verschlossen.

Der Begräbnisplatz galt (und gilt) nach der Halacha, den Ge- und Verboten, "auf ewig". Kein Grab darf doppelt belegt, kein Leichnam umgebettet werden, es sei denn in das gelobte Land, nach Israel. Um das Verbot der Doppelbelegung nicht zu missachten, wurden bei Platzmangel vorhandene Grabstätten mit Erde überdeckt und darin erneut bestattet, oft in mehreren Aufschüttungen übereinander. Die älteren Grabsteine wurden gehoben und stehen heute dicht an dicht. Eine Situation, die der Chronist des jüdischen Lebens in der Oberpfalz und Distriktsrabbiner Dr. Magnus Weinberg (er starb 1943 in Theresienstadt) auch für Sulzbürg (Landkreis Neumarkt) beschrieb. Fundamente und Grabumrandungen waren unbekannt, alte Grabsteine stehen daher kreuz und quer. Die Ausrichtung der Grabsteine erfolgte nach Osten, in Richtung Jerusalem. Die Ruhe gewährleistende und vor Vandalismus schützende Mauer war ein Kostenfaktor und wurde, obwohl Gebot der ersten Stunde, oft erst im Nachhinein realisiert.

Der mit hebräischer Inschrift versehene Grabstein wurde am Jahrestag des Begräbnisses aufgestellt. Die Inschrift, meist mit den hebräischen Buchstaben p(oh) n(ach) für "Hier liegt begraben ..." und einem Segensspruch beginnend, erinnert an die Fortdauer des Lebens nach dem Tode. Es folgt eine Lobpreisung des Verstorbenen und seiner Werke. Während bei Männern neben den Charaktereigenschaften häufig auch die Vorzüge des Intellekts wie Klugheit, Beredsamkeit und Weisheit gepriesen wurden, standen bei den Frauen überwiegend Eigenschaften wie "würdig", "rein" oder "rechtschaffen" im Vordergrund.

Geburts- und Todestag sind in hebräischer Zeitrechnung angegeben. "Möge ihr (ihm) die Erde leicht sein" bildet häufig den Abschluss. Angefertigt wurden die Grabsteine von des Hebräischen unkundigen, christlichen Steinmetzen, weshalb die Inschriften gelegentlich Fehler aufweisen. Die Vorlage für die Inschrift lieferte meist der Religionslehrer. Um Platz zu sparen, verwendete dieser häufig Abkürzungen, welche die Lesbarkeit und damit die Übersetzung des Textes zusätzlich erschweren.

Symbole auf den Grabsteinen waren ursprünglich besondere Auszeichnungen. So stehen ein Messer oder eine Hand mit einem Messer, gelegentlich auch mit einem Ölkännchen, für den Mohel, den Beschneider. Segnende Hände mit gespreizten Fingern, bei denen sich Daumen und Zeigefinger berühren, sind für die Nachkommen der Priesterschaft aus der Zeit des Tempels (für Juden mit den Namen Katz, Kohn, Kahn oder ähnliche) vorbehalten. Kanne oder Krug, manchmal mit Schüssel, sind Zeichen der Leviten, der Priestergehilfen, die im Gottesdienst die Pflichten verkündeten, "die Leviten lasen" und dem Cohen, dem Priester, vor der Segensspendung die Hände mit Wasser reinigten. Sie haben Namen wie Levy, Löwe oder Löwenthal.

Das Horn des Widders, das Schofar-Horn, gilt als besondere Ehre, durfte es der Verblichene zu Lebzeiten doch an Neujahr und zum Versöhnungsfest blasen. Der Löwe ist Symbol für den Stamm Juda, die Krone Zeichen der Tora, des guten Namens. Die Krone, von zwei gegenübersitzenden Löwen getragen, zeugt von Glaubensstärke, ein Buch für den Rabbiner, den Schriftgelehrten oder Kantor, die Hand mit dem Gänsekiel für den Tora-Schreiber.

Eine Sonderstellung nahmen Frauen-Gräber ein. Für diese gab es nur ein Symbol, den Sabbat-Leuchter. Die Frau, die keinem Beruf nachgehen durfte und keine religiöse Aufgabe innerhalb der Gemeinschaft hatte, zündete an Sabbat die Kerzen an.

Der romantisierenden Zeit im 19. Jahrhundert entsprechend, kamen Blumen, dekorative Elemente und später auch Symbole christlicher Friedhofskultur auf dem Grabstein hinzu. Hebräischen Inschriften, Lebens- und Sterbedaten folgten gleichzeitig oder gar alleinstehend in deutscher Sprache.

Und es gibt auch Kuriositäten: Von betrügerischen christlichen Steinmetzen recycelte Grabsteine oder solche, die fast schon an Marterln erinnern, wie ein Grabstein in Sulzbürg, mit zwei Messern als Zeichen für einen durch Messerstiche Getöteten. (ddö)

Recycelter Grabstein: Die Platte mit den Daten des Verstorbenen ist wohl witterungsbedingt abgefallen, darunter kam ein christliches Kreuz zum Vorschein.
Die Grabsteine eines nebeneinander begrabenen Ehepaares. Die Datierung erfolgte nach hebräischem und gregorianischem Kalender.
Dieser Soldat jüdischen Glaubens ist im Ersten Weltkrieg gefallen. Sein Grabstein ist mit militärischen Attributen geschmückt.

Hier geht es zu Teil 1:

Oberpfalz

Jüdische Toten-Rituale:

Oberpfalz
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.