Epische Fantasy-Reihe einer Jung-Autorin aus Zangenstein

"Mit 13 schrieb ich Romane", dichtete Arthur Rimbaud. Veronika Weinseis versuchte sich in diesem Alter an einem Vampir-Roman. Inzwischen hat die junge Frau aus Zangenstein zwei dicke Bände einer Fantasy-Reihe veröffentlicht.

Jungautorin Veronika Weinseis mit den ersten beiden Bänden ihrer „Nachtkönig“-Reihe am Fuß der Burgruine Zangenstein.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Vielleicht hat die Umgebung auf die Jungautorin abgefärbt. Wir sitzen im Garten der Weinseis am Fuß der Burgruine Zangenstein (Landkreis Schwandorf) aus dem 14. Jahrhundert. Vater Georg zeigt zwei alte Porträts seiner Vorfahren: Die Hammermeister Andreas und Josef Weinseis, festgehalten von Maler Merz im Jahr 1814: "Der Vater ist da schon 90", zeigt er auf das Bild. Mit ein wenig Fantasie kann man sich vorstellen, dass sich der alte, blasse Knabe aus seiner Gruft erhebt ...

Vampire waren mal

Aber um Vampire geht es nicht in Veronika Weinseis' Debutroman "Lichttrinker", der erste Band einer auf sechs oder acht Bände angelegten "Nachtkönig"-Reihe. Vampire, das war einmal. Der erste Versuch einer 13-Jährigen, ihrer Fantasie Gestalt zu verleihen: "Ich habe mir eine Storyline zurechtgelegt", sagt sie lachend, "viel recherchiert, aber mehr als 6000 Wörter sind es nicht geworden." Einmal hat sie ihr Frühwerk vorgetragen – im Abendprogramm von Twitch: "Da sollten Autoren ihre frühsten Sachen vorlesen." Sie bekommt Lob für ihren Sinn fürs Detail.

Ein dickes Lob fährt die 26-Jährige kürzlich von BR-Moderatorin Ulla Müller ein, die das Erstlingswerk in ihren Buchtipps vorstellt: "Anders Clayton, problembeladener Polizist, stellt fest, dass seine kleine Tochter nachts von einem dunklen Mann bedroht wird." Kein Albtraum, sondern Realität. Um seine Tochter vor der Verschleppung zu retten, bereist er mit ihm zusammen dessen mythische Welt, überwindet seine Alkoholsucht, muss Abenteuer bestehen. "Das Buch schildert eine verstörend unheimliche, wahnsinnig komplexe und aberwitzig bildhafte Fantasiewelt", schwärmt Müller. "Nichts zum kleinteilig weglesen, mehr was für viel Zeit am Stück."

Tolkien kein Vorbild

Genau das wünschen sich Fans der so genannten High-Fantasy, die auf Tolkiens "Herr der Ringe" aufbaut. Die Handlung spielt in einer erfundenen Welt, die nicht selten einem idealisierten Mittelalter gleicht. Detailliert ausbuchstabiert mit mythischen Herrschern, fremden Völkern, bizarren Kulten, furchterregenden Wesen, einer eigens konstruierten Historie, einer fantastischen Flora und Fauna, ja sogar mit eigenen Sprachen. Eine eigene Welt erfinden, das will auch Veronika, die Tolkien schätzt, ihn aber nicht als Vorbild sieht. "Ich habe mir schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht", erzählt sie.

Nicht in der Welt der Elben, Zwerge und Hobbits möchte sie schwelgen, sondern ihre eigenen Erfindungen zum Leben erwecken. Ihre Inspiration: "Unsere komplexe Welt ist voller politischer Intrigen, Geheimgesellschaften wie der Mafia, aber auch fremdartigen Wesen, welche die Tiefsee bevölkern – man könnte sie sich nicht besser ausdenken." Die Wirklichkeit dient ihr als Anregung, die sie umdeutet: "Pferde sind Fluchttiere, ich mache Raubtiere daraus", nennt sie ein Beispiel.

Ein wenig wie "Game of Thrones"

Wenn es überhaupt ein Vorbild gibt, dann am ehesten George R.R. Martins "Game of Thrones": "Ich habe die Serie geguckt, meine Mutter Doris hat alle Bücher gelesen." Bewusst orientiert habe sie sich nicht an der preisgekrönten Fantasy-Saga "Das Lied von Eis und Feuer" auf den Kontinenten Westeros, den Sieben Königslanden sowie auf der "Mauer" im Norden des US-amerikanischen Autors. "Manche vergleichen aber meinen Nachtkönig damit, weil es ähnlich komplex ist."

Aus ihrem Studium der Geschichte und Linguistik in Bayreuth saugt die Oberpfälzerin Impulse für die Konstruktion ihrer Scheinwelt: "Es fasziniert mich, wie seit der Antike Reiche entstehen und wieder fallen." So wie das Reich der unsterblichen Königin, die unendlich viel Zeit hat, ein großes Imperium zu erschaffen, das dennoch gefährdet ist. Dass die Rahmenhandlung in den USA spielt, hat auch strategische Gründe, wie sie zugibt: "Die meisten erfolgreich verfilmten Romane spielen an weltbekannten Schauplätzen." Und eben nicht in Zangenstein, auch wenn dem Ort an der Schwarzach womöglich mehr Zauber innewohnt.

Es gibt unzählige Grautöne

Moralisieren will die Selfmade-Schriftstellerin in ihren Werken nicht. Ihre Botschaft: "Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, gut oder böse, es gibt unzählige Grautöne." Die Hauptcharaktere sind keine strahlenden Helden: "Alle haben ihre Makel, auch wenn sie im Lauf der Handlung zu Legenden werden." Damit bieten sie jede Menge Projektionsfläche für all jene, die mit den Unbilden der schnöden Wirklichkeit so ihre Mühsal haben.

Apropos Unbill: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Erstlingswerk in einen renommierten Verlag: "Ich ging bei der Leipziger Buchmesse zum Stand eines mittelgroßen Verlags, dessen Programm mir zusagte", erzählt Weinseis. Recht lustlos habe man ihr gesagt: "Das ist viel zu lang für ein Debüt, maximal 400 Seiten." Sie solle erst mal was Kleineres liefern, dann könne man es ja mal versuchen. "Nö, das will ich nicht", wusste sie sofort und las sich ein in die Materie des Selfpublishing.

Herrin über ihre Werke

Jetzt ist Veronika Herrin über ihre Werke – mit eigenem Lektor, Korrektorin, Cover-Designer, Druckerei und Vertriebsdienstleister: "Zu Beginn habe ich es mit Print on demand bei Amazon versucht", sagt sie, "aber die Qualität hat mir nicht zugesagt." Liebevoll betastet sie den von Alexander Kopainski, einem Star der Szene, aufwendig veredelten Einband mit fühlbarem Letterpress und Goldfolie.

Ganz billig ist die Unabhängigkeit nicht: "Im Idealfall bleiben ihr 2 Euro vom Buchpreis (19.90 Euro). Dafür hat sich die literarische Jungunternehmerin parallel zu ihrer Bachelor-Arbeit – "Höflichkeit bei Instagram" – mit ihrer Website ein zweites Standbein geschaffen: "Ich biete mittlerweile Cover- und Logodesign und Buchsetzerei an." Einnahmen über ihre Homepage muss sie nicht mit ihrem Vertriebsdienstleister teilen.

Literatur vom Traum inspiriert

Sulzbach-Rosenberg

Zur Seite von Veronika Weinseis

Info:

Die Nachtkönig-Reihe

  • „Nachtkönig: Lichttrinker“ ist der Auftakt einer epischen Geschichte und Teil eins eines Doppelbandes. Es legt den Grundstein für eine Welt voller unterschiedlicher Kulturen und Ausprägungen von Magie der Gewirrspinner, Silberzungen und Saltastellari.
  • „Nachtkönig: Kobaltkrone“ ist der Folgeband mit einer Assassine aus den Frostreichen, einem versteckten Prinz, der fest entschlossen ist, die unsterbliche Königin zu stürzen, und den Mann aus einer anderen Welt, der verzweifelt auf der Jagd nach der Essenz der Dunkelheit ist.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.