24.11.2020 - 12:19 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Velo-Nostalgie bei Concordia

Hochräder wurden in England als „Header“ (Kopfsturz) und in Dänemark als „Vaelte Peter“ (Sturz-Peter) bezeichnet. Vor 150 Jahren als „Ordinary-Bicycle“. Die Concordia hat nun ein Ordinary. Der Weiß Erwin ist aber nicht der Sturz-Peter.

Fahrprüfung bestanden: Erwin Weiß dreht die erste Runde auf dem Hochrad am KTB-Gelände. Konstrukteur Zdenek Mesicek (links) ist bereit zum Eingreifen.
von Ernst FrischholzProfil

Zurück zu den Wurzeln sagte man beim RSV Concordia Windischeschenbach. Die Wurzeln sind das Jahr 1912. Da gab es zwar schon das Rennrad (1888), aber die Fahrradwurzeln liegen im Jahr 1817, als Karl von Drais als erstes Zweirad, seine Laufmaschine, komplett aus Holz baute. Das bis heute noch spektakulärste Zweirad, trotz Carbon-Rennmaschinen und Hightechbikes mit Elektro ist aber das Hochrad.

1870 präsentierte der Engländer James Starley das erste Hochrad. Und genau diesen Hingucker erkor der RSV um Vorsitzenden Heinz Uhl zum Aushändeschild des zweiten Jahrhunderts seines Vereinsbestehen aus. Vor drei Jahren startete man das "Projekt Hochrad". Dabei stieß man auf die Nobelschmiede von Josef Mesicek in Čeložnice in Tschechen vor den Toren von Brünn. Josef und sein Sohn Zdenek produzieren hier etwa 30 Hochräder im Jahr mit einer denkwürdigen Detailverliebtheit. Schraubenmuttern etwa werden hier noch von Hand auf die individuelle Form geschliffen.

Die Räder sind keine Kopien historischer Vorbilder, sondern Eigenentwicklungen mit dem „Blick zurück“. Lenker, Bremsgriffe, Naben, Pedale und Kurbel sind in vernickelter Ausführung. Verchromungen satt, Handgriffe der Lenker aus Kirschbaumholz und sogar der Sattel aus Rindsleder ist kein Zukauf, vielmehr Eigenfertigung und 14 Tage „eingeritten“. Die kleine Werkzeugtasche ist ebenfalls handgefertigt. Das Hauptrohr aus Mannesmann-Stahlrohren und die Gabeln aus 2,5 Millimeter Stahl lässt man bei BMW in Deutschland pulverbeschichten.

Jahrzehntelange Erfolgsbilanz

Windischeschenbach

Die Räder aus Mesiceks Schmiede spiegeln Gestaltungsprinzipien der früheren Hochräder wider, täuschen aber keine Nachbauten vor. Das Rad hat 14 Kilo und mehr als alles daran verbaute wiegt der Preis, der sich von 3000 Euro bis 6000 Euro je nach Ausführung bewegt. Das RSV-Ordinary-Bicycle dürfte da in der Mitte angesiedelt sein. Drei Jahre dauerte es von der Bestellung bis zur Auslieferung, als Zdenek Mesicek persönlich das neue „Aushängeschild“ zur Bikehütte des RSV am Bohrturm anlieferte.

Strahlende Gesichter gab es bei den anwesenden Mitgliedern um Vorsitzenden Heinz Uhl. Bis das erste Problem auftauchte, ohne dass sich das Hochrad auch nur einen Zentimeter bewegt hatte. Die Frage: „Wer traut sich“. Angefangen beim Uhl bis hin zu Topradler Rainer Hecht schüttelten alle den Kopf. Nur Erwin Weiß nicht. Der Radl-Oldie des RSV mit tausenden Kilometern jährlich packte den „Bock bei den Hörnern“. Das schwierigste Unterfangen war das Auf- und Absteigen. Anfahren aus dem Stand geht gar nicht. Weiß musste mit dem Hochrad anlaufen und sich dann im Lauf hochhieven. Das Absteigen lief dann in der umgekehrten Reihenfolge. Nicht gerade straßenverkehrstauglich.

Zdenek Mesicek gab daher Fahrunterricht. Zwei-, dreimal geprobt und Weiß fährt mit sichtbarem Stolz unter Applaus die erste Runde am KTB-Gelände. Concordia will das Hochrad bei Jubiläen und Festzügen einsetzen. Aber auch bei Hochzeiten der Mitglieder. Wobei man sich jetzt schon klar ist, dass man keine Braut auf den Rindsledersattel bekommen wird.

Von der Draisine zum Hightech-Flitzer:

Die Geschichte des Zweirades geht auf das Jahr 1817, als Karl von Drais seine Laufmaschine aus Holz baute, die heute im Deutschen Museum in München steht. 1860 das das erste Rad mit Tretkurbeln, die am Vorderrad angebracht waren. 1870 wurde in England das erste Hochrad gebaut. 1888 entstand das erste Rennrad, gegenüber dem heutigen natürlich sehr spartanisch. 1890 fand das erste Radrennen statt. Das Fahrrad entwickelte sich all die Jahre weiter. Es gab Herren- und Damenräder mit Schaltungen und beginnender Technik. Ein Meilenstein dann im Jahr 1981, als das erste Mountainbike konstruiert wurde. Den Weg ins Jahr 2000 wies 1995 das erste E-Bike.

"Fahrschule" für Erwin Weiß mit Zdenek Mesicek. Heinz Uhl (rechts) beobachtet.
Das Velo ist der neue Star und Aushängeschild der Concordia.

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