25.10.2020 - 14:58 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Nach 40 Jahren auf dem Dachboden: Fresken beenden Dornröschenschlaf

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Ein Laie kann mit den gelbbraunen Platten, die in Reih und Glied auf dem Dachboden der Stützelvilla in Windischeschenbach stehen, nichts anfangen. Für Fachleute sind dies Schätze: Im Inneren verbergen sich Fresken und Malereien von 1887.

Baudirektorin Elisabeth Bücherl-Beer und Architekt Klaus Koch vom Staatlichen Bauamt Amberg Sulzbach zeigen, welche Schätze sich auf dem Dachboden der Stützelvilla verbergen. Einem Laien erschließt sich dies auf den ersten Blick nicht, doch im Inneren der Platten befinden sich Fresken und Wandmalerei.
von Michaela Lowak Kontakt Profil

Ende September kam die freudige Nachricht. Der Freistaat Bayern macht für die Sanierung der Stützelvilla in Windischeschenbach rund 19 Millionen Euro locker. Zu den Arbeiten gehören auch der Abriss eines Nebengebäudes aus den 1980er Jahren und der Neubau eines Bürotrakts. Wenn alles fertig ist, zieht hier Mitte 2024 das Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung ein. Die Sanierung der altehrwürdigen Villa beinhaltet jedoch ein besonderes Schmankerl. Für 1,4 Millionen Euro werden Fresken und Wandmalereien restauriert, die seit 40 Jahren eingelagert sind.

"Einem Restaurator würde das Herz aufgehen", sagt Elisabeth Bücherl-Beer beim Anblick der vielen gelbbrauen Platten, die auf dem Dachboden der Stützelvilla in Reih und Glied stehen. Die Architektin des Staatlichen Bauamts Amberg Sulzbach gibt zu, dass sich einem Laien zunächst nicht erschließt, welche Schätze unter den Schichten von Bauschaum aus Polyurethan verborgen sind.

Als 1979 der Umbau der zu diesem Zeitpunkt sehr heruntergekommenen Stützelvilla begann, drängte der Denkmalschutz darauf, die Wandmalereien, die sich im gesamten Gebäude verteilten, zu sichern. Bevor dies geschah, wurde alles penibel dokumentiert. Die Unterlagen befinden im Archiv des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege in München. Schon damals war man darauf bedacht, die Fresken wieder herzustellen. "Doch das scheiterte an den Kosten und den Möglichkeiten", vermutet Architekt Klaus Koch vom Staatlichen Bauamt Amberg Sulzbach.

Freistaat bewilligt 19,3 Millionen Euro

Windischeschenbach

Auch 2020 war nicht von Anfang an klar, dass die Wandmalereien in die Sanierung mit einbezogen werden. "Es stand schon auf der Kippe", sagt die Baudirektorin Bücherl-Beer. "Deshalb sind wir froh, dass wir nun eine gute Minimallösung verwirklichen können." Kommerzienrat Ludwig Winkler, der einstige Bauherr, ließ 1887 alle 19 Räume der Villa ausmalen. Nun soll ein Teil davon wieder restauriert werden. Dazu gehört der Eingangsbereich, das Erdgeschoss des Treppenhauses sowie das blaue und rote Kabinett. 1,4 Millionen Euro sind dafür verschlagt.

Anhand der Voruntersuchungen eines Restaurators ist ermittelt worden, in welcher Größenordnung sich die Kosten bewegen. Um den PU-Schaum und die Trennschicht von den Malereien abzulösen, ist äußerst vorsichtiges Agieren notwendig. Diese Millimeterarbeiten brauchen Zeit und das kostet Geld.

Der Heimwerker kennt Bauschaum aus der Dose, der schnell und unkompliziert versprüht werden kann. "Vor 40 Jahren kamen ganz Sattelzüge mit PU-Schaum", erklärt Klaus Koch die Dimension der damaligen Schutzmaßnahmen. "Wahrscheinlich hat niemand gedacht, dass es solange dauern wird, bis die Fresken wieder freigelegt werden können." Recht viel länger hätte man die Schätze aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr aufbewahren können. Nachdem die Malereien vom Schaum befreit sind, liegen sie nur noch auf einer hauchdünnen Putzträgerschicht auf, die dann wieder an der Wand mittels einer neuer Trägerplatte angebracht werden soll.

140 Jahre nach dem Bau der Stützelvilla kann man nur spekulieren, warum ein Unternehmer sich eine derart pompöse Villa hinstellt. Kunden der Klarahütte waren sicherlich beeindruckt von dem Park und dem Gebäude mit seinen vier Türmchen und der Glaskuppel.

Die Villa hat in all den Jahrzehnten viel mitgemacht, doch der Charme von einst ist im Park und auch im Gebäude immer noch allgegenwärtig. Die Menschen in der Region profitieren durch die Verlegung des Landesamts für Digitalisierung, Breitband und Vermessung in mehrfacher Hinsicht: Es entstehen zusätzliche Arbeitsplätze, Firmen aus der Baubranche bekommen Aufträge und der Stadt Windischeschenbach bleibt ein Wahrzeichen erhalten.

Bei den Voruntersuchungen hat ein Restaurator einige Fresken bereits freigelegt. Baudirektorin Elisabeth Bücherl-Beer und Architekt Klaus Koch begutachten das Ergebnis.
Hinter der Putzschicht versteckt sich die Malerei.
An einem Teilstück in der Halle ist nachempfunden, wie die Stützelvilla einmal ausgesehen hat.
Die Stützelvilla stammt aus dem Jahr 1887/88. Nach einer umfassenden Sanierung soll Mitte 2024 das Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung einziehen.
Info:

Die bewegte Geschichte der Stützelvilla

Kommerzienrat Ludwig Winkler, Chef der Tafel- und Spiegelglasfabrik Klarahütte, lässt 1887 die Stützelvilla bauen. Der repräsentative Bau im Stil der Neurenaissance fällt durch seine vier Ecktürme und eine Kuppel auf. Als 1927 die Klarahütte pleite geht, kann die Familie Winkler das Gebäude nicht mehr halten. 1931 wird es von der Bayerischen Staatsbank Fürth, dem Hauptgläubiger, übernommen. 1934 erwirbt die Kommune Windischeschenbach Villa und Park für 30.000 Goldmark. In den folgenden Jahren bis Kriegsende beherbergt die Stützelvilla Organisationen der NASDAP, eine Polizeischule, den Volkssturm, ein Kriegslazarett, das US-Militär und Heimatvertriebene. 1952 möchte der damalige Bürgermeister Michael Kneidl die Villa zum Rathaus machen. Seine Pläne finden jedoch keinen Anklang. Danach verliert das Gebäude an Bedeutung und verwahrlost mehr und mehr. Bis Mitte der 70er Jahre werden Obdachloses untergebracht. 1978/79 folgt die Wende. Zweiter Bürgermeister und Kreiskämmerer Karl Windschiegl schlägt vor, aus der Villa ein Jugendtagungshaus zu machen. Nachdem die Stadt Windischeschenbach das Gebäude 1982 dem Landkreis schenkt, beginnt 1979 eine umfassende Sanierung. 1984 wird die einstige Fabrikantenvilla zum Jugendtagungshaus. Zuständig für den Umbau war der Windischeschenbacher Architekt Quirin Punzmann, der mittlerweile 90 Jahre alt ist, und die Entwicklung seines damaligen Projekts immer noch mit Herzblut verfolgt. Der Landkreis betreibt das Jugendtagungshaus bis Ende 2015. Bevor 2017 der Freistaat das Gebäude für einen Euro erwirbt, sind in der Stützelvilla zeitweise Flüchtlinge untergebracht.

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