27.11.2020 - 16:47 Uhr
WiesauOberpfalz

Zum Richtfest in Wiesau kam auch der Nikolaus

Warum sich Sankt Nikolaus einmal in den Schulhaus-Dachstuhl verirrte, verrät ein Blick in die Historie der Gemeinde. Vorangegangen war ein Gemeinderatsbeschluss im April 1949, den man im Sitzungssaal des alten Rathauses am Kreuzberg fasste.

von Werner RoblProfil

Die Inschrift „In Sonnengold zu Lebensfreud gedeih der Sam, der hier gestreut“ ist heute kaum mehr bekannt. 40 Jahre lang war sie auf einer Steintafel über dem 1912 erbauten Ostportal der Volksschule zu lesen. Anfang der 1950er Jahre verschwand sie für immer und das aus einem ganz einfachen Grund. Davon erzählt der folgende Rückblick.

Für damalige Begriffe war das Gebäude zweifellos eine moderne, sogar mit einer Dampfheizung, fünf Jahre danach sogar mit elektrischem Licht ausgestattete Schule. Dass es darin aber immer enger wurde, war ein Problem, das dem Schulleiter Josef Eckstein, Bürgermeister Andreas Thoma und den Gemeinderäten mehr und mehr Kummer bereitete.

Immer mehr schulpflichtige Kinder

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlechterte sich die Lage zusehends, berichtet die Chronik. Sorgen machte man sich auch hinsichtlich der wachsenden Zahl der schulpflichtigen Kinder im Grenzlager. Der Unterricht fand dort in einer Baracke, in der sogenannten „Lagerschule“ statt.

Nach und nach schaffte man Noträume, um dem schulischen Platzmangel Herr zu werden. Die Planungen für einen möglichen Anbau an das bestehende Schulhaus verliefen aber im Sande. Grund dafür war das Fehlen der dafür notwendigen Finanzen.

Auftrag für "Südbau"

Für einen Lichtblick sorgte Anfang der 1950er Jahre der Planungsauftrag für einen Schulhausbau, den man endlich verwirklichen konnte. Damit beauftragt wurde der Wiesauer Architekt Salmen. Salmen erstellte die Zeichnungen und einen Kostenvoranschlag, den Bauauftrag erhielt die „Südbau“.

Der erste Spatenstich erfolgte im September 1951. Danach rückten die Handwerker an. Mit dem Anbau – an der Ostseite - verschwand aber die Steintafel mit der oben erwähnten Inschrift, an die heute nur noch alte Bilder in den Archiven erinnern.

Erdaushub mit dem Bagger

Wiesau atmete auf. Endlich sollte die Raumnot in der längst zu klein gewordenen Volksschule ein Ende haben. Schließlich hatte die „Südbau“ versprochen, den Rohbau innerhalb kürzester Zeit fertigzustellen. Was heute selbstverständlich ist, war damals eine Sensation: In alten Aufzeichnungen wird nämlich berichtet, dass man für den Erdaushub sogar einen Bagger einsetzen konnte. Die Arbeiten, in die auch örtliche Firmen eingebunden waren, schritten dank des freundlichen Herbstwetters zügig voran, auch wenn der Mangel an Rundeisen und Eisenträgern vorübergehend für eine Drosselung der Arbeiten sorgte.

Der 5. Dezember 1951 – es war ein Mittwoch – sollte zu einem ganz besonderen Tag werden. Bereit lag ein geschmücktes Fichten-Bäumchen, die letzten Balken wurden hochgezogen und verankert, danach folgte der Richtspruch des Wiesauer Zimmerermeister Schatzberger.

Der Handwerker warf das leere Glas ins Gebälk, um damit das Glück heraufzubeschwören. In Anwesenheit des Regierungsschulrates Walter, vieler Lehrkräfte, aller Schulkinder und Ehrengäste wurde am Vortag zu Sankt Nikolaus Richtfest gefeiert.

Auftritt ohne Vorankündigung

Noch ahnte niemand, was in wenigen Minuten passieren würde. Plötzlich – ohne Vorankündigung – tauchte ein Nikolaus zwischen den Balken auf, um eine vorbereitete Ansprache zu halten. Auf Lob und Tadel verzichtete der Nikolaus, dafür aber hatte er einen Korb - gefüllt mit Semmeln und Würsten - mitgebracht. An einem Seil wurden die Brotzeiten heruntergelassen. Der Inhalt wurde an die wartenden Mädchen und Buben verteilt.

Aus dem Richtfest war auch ein Kinderfest geworden. Wenig später läutete die Schulglocke. Der Rest des Vormittages - so versprachen die Lehrer am Vortag zu Sankt Nikolaus – wurde für schulfrei erklärt. Zum ersten, wohl aber auch zum vorerst letzten Mal schaute Sankt Nikolaus – vor fast genau 69 Jahren - von weit oben auf die unten Stehenden herab, um sie vom Schulhausdach mit einer Ansprache und einer Brotzeit zu beschenken.

Zur Baugeschichte ist noch zu sagen, dass die Einweihung des Anbaus im Oktober 1952 erfolgte. Den kirchlichen Segen spendete Pfarrer Josef Plecher. Schulleiter Josef Eckstein gab seiner Freude mit den Worten Ausdruck: "Endlich kann in Wiesau ein geordneter Schulunterricht beginnen." Eines aber wurde bald klar: Der Anbau wird nicht ausreichen. Monate später mussten erneut Ausweichräume geschaffen und über die Raumnot beraten werden.

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