05.07.2018 - 16:08 Uhr
WiesauOberpfalz

Retterin zweier Menschenleben

Der Triebendorfer „Wölflhof“ (auch „Weflhof“ genannt) liegt weit abseits der Dorfmitte an der Straße nach Fuchsmühl. In den letzten Kriegstagen ereignet sich dort eine Heldentat, die vor wenigen Tagen besonders gewürdigt wurde.

Auf dem Familienbild, das während des Zweiten Weltkriegs entstand, sind (von rechts): Hans Zeitler (im Krieg vermisst), davor seinen Bruder Adalbert, Anna Zeitler, Robert Zeitler, Vater Georg und Sohn Georg Zeitler.
von Werner RoblProfil

(wro) Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges stehen zwei Fremde vor der Triebendorfer Bäuerin Anna Zeitler. Es sind geflohene Juden, die Schutz vor den Nazi-Schergen suchen. Zeitler denkt nicht lange nach. Sie versteckt die "Besucher" im Heustadel, versorgt sie mit Essen und rettet ihnen damit das Leben. Für ihre Heldentat wurde die bereits Verstorbene, die sich maßgeblich um das Wohl der jungen Männer gesorgt hatte, jetzt posthum ausgezeichnet.

Von der anrückenden US-Armee bedroht, "entleert" Hitlers Waffen-SS seit April 1945 das aufgegebene Konzentrationslager Buchenwald. Tausende Inhaftierte müssen den menschenverachtenden Marsch von Thüringen in Richtung Süden antreten. Die Todesmärsche führen auch durch den Landkreis Tirschenreuth und dabei auch durch Fuchsmühl. Bei einem entfernen sich unbemerkt vier polnische Juden. Ihre Namen: Meier Reich, Abraham Szymkowicz, sowie das junge Brüderpaar Shlomo und Josef Schlamkiwitsch.

"Sie sind längst weg"

Während der Suche nach Brot finden die Geschwister Unterschlupf bei den Eheleuten Zeitler. Deren Rettungstat wird aber verraten. Ein Volkssturm-Beauftragter, der am "Wölflhof" nach dem Rechten sehen soll, wird wieder fortgeschickt: "Sie sind längst weg", redet sich die "Zeitler-Bäuerin" um Kopf und Kragen. Die beiden anderen Flüchtlinge bleiben verschwunden. "Wir dachten nicht an die Gefahr", erzählt die damals 49-Jährige, deren Söhne kämpfend an der Front stehen. "Wir handelten nur menschlich", kommentierte sie einmal ihren Akt der Nächstenliebe. Nach dem Einmarsch der US-Amerikaner Tage später bleiben Josef und Shlomo Schlamkiwitsch wie vom Erdboden verschluckt: Reich und Szymkowicz wurden von einem Unbekannten aufgegriffen und an der verfüllten Sandgrube am "See" (nahe Güttern) hingerichtet. Die Tat wurde nie gesühnt.

Der in Wiesau lebende, heute 87-jährige Sohn Adalbert Zeitler, der als Jugendlicher von alldem nichts erfahren durfte, erinnert sich an spätere Erzählungen. "Die Sache ging an mir unbemerkt vorüber. Man wusste ja nicht, wem man vertrauen kann", blickt der Pensionär zurück. Später habe er erfahren, dass sich die "Gäste" knapp eine Woche lang unbemerkt am "Zeitler-Hof" aufgehalten haben müssen. "Josef Schlamkiwitsch - so viel ist bekannt - wurde später Schneider. In Tirschenreuth gründete er mit seiner Frau Bluma eine Familie. Noch heute pflegen die Zeitlers Kontakte zu den verbliebenen Angehörigen. "Das letzte Treffen liegt aber schon ein paar Jahre zurück." Zum Jahreswechsel erreichte das Rentner-Ehepaar Adalbert und Marianne Zeitler ein Schreiben aus Jerusalem. Absender war "Yas Vashem". Den in englischer Sprache verfassten Brief hat die Familie übersetzen lassen. "Danach realisierten wir, dass meine verstorbene Mutter Anna eine Auszeichnung erhält", erläutert Adalbert Zeitler.

Stolz sei er darauf, sagt Zeitler, dass der Familienname in der Gedenkstätte "Yad Vashem" beziehungsweise in einem dafür geschaffenen Erinnerungs-Bereich verewigt sein wird. "Wir vermuten, dass die Anregung dazu von den Hinterbliebenen kam." Extra nachgefragt habe man in den USA aber nicht. Anna Zeitler starb 1977. "Vor 50 Jahren kam ein Fremder auf den Hof, der Englisch sprach und einen amerikanischen Akzent hatte ", fährt Adalbert Zeitler fort. "Der Unbekannte sah sich gut eine Stunde lang um. Dann nahm er einen 50 Dollarschein aus der Geldbörse, kritzelte eine Zahlenfolge drauf und reichte ihn an uns weiter." Die - vermutliche - Telefonnummer hat die Familie nie angerufen. "Wir hätten doch eh nichts verstanden."

Heldentat nicht vergessen

Den Entschluss, den Schein umzutauschen hätten die Zeitlers verworfen. "Es bleibt ein Erinnerungsstück." An die selbstlose Tat seiner Eltern erinnerte vor wenigen Tagen ein Festakt. Aus gesundheitlichen Gründen konnten Adalbert und Marianne Zeitler nicht nach München reisen. Die Auszeichnung im Kultusministerium nahmen Sohn Georg und Schwiegertochter Petra, die gemeinsam am "Wölflhof" leben, stellvertretend entgegen. "Der Staat Israel und die Nationale Gedenkstätte für die Märtyrer und Helden des Holocaust, zeichnen die Vorbilder als ,Gerechte unter den Völkern' aus", so Staatssekretärin Carolina Trautner bei der Verleihung des Ehrentitels.

Die Ehrung gebe besonders auch jungen Menschen - wie den anwesenden Schülern der Wiesauer Mittelschule - Einblick in ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, betonte dort die Staatssekretärin. Die Generalkonsulin Israels, Sandra Simovich, hob bei der Erinnerung an die ermordeten Juden auch die Bedeutung des Gedenkens an nicht-jüdische Retter heraus. Die Auszeichnung posthum sei ihr eine große Ehre, so die Sprecherin. Sie unterstrich auch Anna Zeitlers Zivilcourage. "Wir werden Sie nicht vergessen. Sie sind als Vorbilder im Gedächtnis unseres Staates verewigt."

Der „Wölflhof“ – erbaut im Jahr 1567 – steht bei Triebendorf. In der Scheune (links) versteckten die Bauersleute Zeitler 2 Flüchtlinge. Mit ihrer Heldentat - während des zu Ende gehenden 2. Weltkrieges – rettete man ihnen das Leben.
Adalbert Zeitler (Bild) war damals knapp 14 Jahre alt, als sich seine Mutter Anna dazu entschloss, jungen Männern Unterschlupf zu gewähren. Im Hintergrund das Wohnhaus der Zeitlers unweit des Thorberges.
Den 50 Dollarschein haben Marianne und Adalbert Zeitler nie eingelöst. „Wir wollten das wertvolle Erinnerungsstück einfach behalten.“ Ein Foto erinnert an das letzte Treffen am Hof, zusammen mit den Angehörigen der Geretteten. Marianne Zeitler hält es in der Hand.
Der gepflegte „Wölflhof“ bekam seinen Hausnamen von Hanns Wolf Zeitler, der den Hof von 1737 an 41 Jahre lang bewirtschaftete. Seit dem 18. Jahrhundert befindet er sich im Eigentum der Generationen Zeitler.
Keiner vermutete, dass sich im Stadel die Brüder Schlamkiwitsch versteckt hielten. Erst als die Amerikaner den Ort erreicht hatten, verschwanden sie wieder.
Das Triebendorfer Anwesen liegt außerhalb des Dorfes. Im Hintergrund: der Steinwaldkamm, davor Fuchsmühl.
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