16.04.2021 - 15:06 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

Ohne Säge an den Rohstoff: Als die Kiefer noch angezapft wurde

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Hoch über dem Autobahnkreuz Oberpfälzer Wald stehen vier Kiefern mit seltsamen Tattoos. Ein Felsensteig führt zu diesen besonderen Exemplaren – und in eine Zeit, als Pech auch etwas Positives war.

Mit dieser Narbe, die nach Jahrzehnten noch Indiz für die Harzgewinnung ist, kann die Kiefer gut leben.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Eine Vielzahl von Rillen zieht sich über den Stamm der alten Kiefer, mal schräg, mal in der Mitte spitz zulaufend. Als Totempfahl wurde dieser Baum am Wanderweg zwischen Pfreimd und Wernberg-Köblitz aber nicht missbraucht, genauso wenig wie die drei weiteren Zeugen aus der Vergangenheit, deren Geschichte fast vergessen ist. Wer sich auf ihre Spur begibt, muss seine Schritte vorsichtig setzen: Am Felsensteig geht es steil bergab. Als Dreingabe gibt es einen Panoramablick aufs malerische Naabtal.

Dass der Pfad am "Wenzl" oberhalb der B 15 und mit ihm ein Stück lokaler Geschichte nicht längst überwuchert wurde, ist Albert Wildenauer zu verdanken. Der Wegewart des Oberpfälzer Waldvereins (OWV) Wernberg hat ihn vor etwa zehn Jahren freigelegt und "zum Leben erweckt". Er hat sich auch mit den vier ganz speziellen Bäumen und ihren rätselhaften Wunden befasst, über die ein Schild am Wegesrand aufklärt. Hier waren Pecher oder Harzer am Werk: Menschen, die im 19. und 20. Jahrhundert eine weitgehend verschwundene handwerkliche Tätigkeit ausübten, indem sie die Bäume regelrecht "melkten", um Harz als Rohstoff für die Herstellung von Pech, Teer oder Terpentin zu gewinnen.

Arnold Kimmerl, Altbürgermeister von Pfreimd und von Beruf Förster, kennt sich aus mit dieser früher einmal wichtigen Form der Rohstoffgewinnung. "Solche Bäume gab es viele, überall dort wo Kieferbestände anzutreffen waren, beispielsweise in der Gegend um Freihöls und Bodenwöhr", erzählt der Pfreimder. "Lachten" nannte man demnach die schrägen Einschnitte mit den Rillen, an deren Ende ein kleines rundes Blech befestigt wurde. Dort sollte dann der Saft des Baumes, das Harz, zusammenlaufen und in einem Topf aufgefangen werden. Ein- bis zweimal pro Woche wurden diese Töpfe dann geleert. "Oft war das eine Nebenbeschäftigung der Holzhauer", berichtet Kimmerl. Die Pecher oder Harzer zapften vorwiegend die Bäume im Staatswald an, normalerweise wurde etwa ein Viertel des Stammumfangs, etwa ein halber Quadratmeter, dazu entrindet. "Ausgewählt wurden ältere Bäume, die Kiefern haben das ohne weiteres verkraftet", so der erfahrene Förster, "das kann man sehr lange machen". Anders als beispielsweise die Fichte fault die Kiefer auch nach einer Verletzung normalerweise nicht. "In ihrem Harz sind antiseptische Stoffe, die sind tödlich für Keime", weiß der Fachmann. Nebenbei hat die Kiefer im Vergleich mit anderen Bäumen auch den höchsten Harzgehalt.

Dass inzwischen kaum noch Kiefern mit diesen ganz speziellen "Tattoos" übrig sind, liegt für Kimmerl daran, dass sie reif zur Holzgewinnung waren. "Als ich 1965 in meinen Beruf gestartet bin, gab es sehr viele Hiebe, bei denen solche Kiefern gefällt wurden", erinnert er sich. Eher aus Nostalgie und weil das Gelände ohnehin schwer zugänglich ist, seien die vier Kiefern im Staatswald am "Wenzl" übrig geblieben. Als Harzlieferanten hatten die Bäume aber schon nach dem Zweiten Weltkrieg ausgedient.

Die Problemlage vor fünf Jahren

In den Jahrzehnten davor galt das Harz aus Kiefern geradezu als "kriegswichtig", Inzwischen ersetzen meist Kunststoffprodukte das Harz, aus dem durch Erhitzen Pech gewonnen wurde. Und die Kiefer hat inzwischen andere Probleme als das "Ausbluten" mit Hilfe eines Messers. "Als nordische Baumart setzen ihr vor allem Trockenheit und Wärme zu", weiß der Forstmann. Davon gab es reichlich in den vergangenen Jahren. Der Klimawandel hat zudem einem Schädling Vorschub geleistet, mit dem die harzreichen Bäume früher noch ganz gut fertigwerden konnten, dem Blauen Kiefernprachtkäfer.

Sollten auch die letzten Zeugen aus der Zeit der Pechgewinnung dem Schädling zum Opfer fallen, so bleibt den Wanderern am Felsensteig immer noch ein fantastischer Ausblick aufs Naabtal, der nur durch den Lärm der A93 akustisch etwas getrübt wird. Der Pfad haben inzwischen auch Mountainbiker für sich entdeckt und zum "Wenzl-Trail" erkoren. "So lange sie sich mit den Fußgänger vertragen ist das kein Problem", meint Wanderwart Wildenauer. Der Pfad gilt jedenfalls als sicher, Probleme mit Steinschlag sind seit einer Sicherung der Felsen mit Metallnetzen im vergangenen Jahr behoben. Doch ob die Biker auch einen Blick haben für noch einen Baum mit menschlicher Zutat, eine Eiche, die die Fantasie beflügelt? Bei "Maria in der Eichn" handelt es sich um eine hölzerne Madonna, die ursprünglich in der Wernberger Friedhofskappelle stand. "Der Pfarrer wollte sie nach der Renovierung nicht mehr haben", berichtet Wanderwart Wildenauer. "Da dachte ich mir, die hänge ich in diesen hohlen Baum."

"Ausgewählt wurden ältere Bäume, die Kiefern haben das ohne weiteres verkraftet."

Arnold Kimmerl über die Harzgewinnung

Arnold Kimmerl über die Harzgewinnung

Diese Kiefer oberhalb der B15 von Pfreimd nach Wernberg ist ein Relikt aus der Zeit, als Harz als Rohstoff sehr gefragt war. In den schrägen Rillen sammelte sich das Harz, das regelmäßig abgeschöpft wurde.
Dieses Schild am Felsensteig erinnert an das Handwerk der Pecher oder Harzer.
Der Felsensteig bietet einen grandiosen Ausblick auf Naabtal.
Die "Maria in der Eichn" zieht auf dem Felsensteig Blicke auf sich und inspiriert zu Spekulation über wundersame Begebenheiten.
Info:

Hintergrund

Pfad mit Exkurs in Chemie und Geschichte

  • Harz-Produkte: Durch thermische Behandlung wird Harz in verschiedene Bestandteile aufgelöst, beispielsweise Pech oder Terpentin. Es entstehen Schmier-, Dichtungs- und Lösungsmittel.
  • Lampen-Ersatz: Um eine Wunde zu schließen, produziert eine Kiefer mehr Harz, das Holz "verkient". In kurze Stücke gehackt diente das so entstandene Material als Kienspan in früherer Zeit als Lichtquelle. Seit der Altsteinzeit bis in das 19. Jahrhundert hinein waren Kienspäne in Mittel- und Nordeuropa wohl das am weitesten verbreitete Beleuchtungsmittel.
  • Streitfall: Bei Holzhauern, die oft für Akkordarbeit bezahlt wurden, führten die geharzten Bäume in der Vergangenheit laut Förster Arnold Kimmerl zu einer Debatte um den Lohn: Sie machten durch den "Wulst" eine Erschwernis geltend, während die Forstbehörde den Standpunkt vertrat, man spare sich hier auf einen halben Meter das Entrinden. Die Stammqualität habe durch das Anzapfen im Übrigen kaum gelitten.
  • Medizinprodukt: Von den speziellen Eigenschaften des Harzes profitiert der Mensch auch dank der Biene. Sie produziert aus Harz eine Masse mit antibiotischer, antiviraler und antimykotischer Wirkung, bekannt als Propolis.
  • Wanderweg: Den Felsensteig erreicht man, wenn man auf der B 15 von Pfreimd nach Wernberg nach rechts Richtung Weihern abbiegt. Gleich nach der Autobahnunterführung geht es links an der alten B 15 bis zum Wald. Dort finden sich dann Schilder.

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