01.08.2021 - 08:46 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

Gestatten, "Schorsch": In Wernberg Regionales per Knopfdruck

Er heißt Schorsch und ist ein Automat. Wurst vom örtlichen Metzger oder Latte Macchiato von der Bauernhof-Molkerei kommen per Knopfdruck. Manfred Klinger wagt einen Versuch, denn der Hof auf dem Feistelberg soll Zukunft haben.

Knapp 60 regionale Produkte von Anbietern aus der Umgebung sind in Manfred Klingers "Schorsch" zu finden.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

Ein Blick in die Auslage, Nummer wählen, Geld hineinstecken, drücken: Schon liegt das Fleisch vom regionalen Metzger, das Ei vom glücklichen Huhn oder die Grillsauce vom Wernberger Spitzenkoch in der Ausgabe. All das gibt es beim "Schorsch", einer Hütte samt Automaten, die Manfred Klinger – fern vom Hof, zentral und in Supermarktnähe – in Wernberg gebaut hat. Viel Hirnschmalz steckt der 42-Jährige in sein Pilotprojekt.

Kostendruck, Arbeitsaufwand: Schon Klingers Eltern haben darauf reagiert, die Milchviehwirtschaft eingestellt und den Hof, der in der vierten Generation bewirtschaftet wird, auf Zuchtsauen, Ferkelhaltung samt zehn Hektar Kartoffelanbau umgestellt. Sohn Manfred studierte Landwirtschaft und ist am Landwirtschaftsamt in Weiden für Investitionsförderungen beim Stallbau zuständig.

Doch er wollte auch, dass es auf dem Hof weitergeht. Klinger übernahm 2018 den elterlichen Betrieb, setzte auf Schweinemast, um vom Zeitaufwand her gesehen den Beruf in der Behörde und die Arbeit auf dem Bauernhof parallel zu bewältigen. Er kennt das Spannungsfeld der Landwirtschaft zu genüge: Vom Weltmarkt diktierte Billigpreise und Massenproduktion auf der einen, Tierwohl auf der anderen Seite. "Das möchte auch der Landwirt, doch das kostet auch", weiß er aus seiner beruflichen Erfahrung mit der Planung von Laufställen. In den schwer noch zu durchdringenden Problemfeldern "haben sich Verbraucher und Landwirtschaft entfremdet", stellt Klinger fest. "Das müssen wir ändern".

Näher an den Verbraucher

Vor einem Jahr hat er sich sozusagen "auf den Weg gemacht". Erst mit 60 freilaufenden Hühnern im 45 Personen zählenden Feistelberg, weg vom Schuss. Es lief gut, doch es kamen "immer die gleichen, denen ich hier Landwirtschaft erklärte", meint er schmunzelnd. Also: Runter vom fernen Feistelberg, näher an den Verbraucher. Lebensgefährtin Barbara zog mit, machte eine Ausbildung über das landwirtschaftliche Bildungsprogramm "Bila", und ist inzwischen landwirtschaftliche Gesellin.

Parallel dazu schaffte sich das Paar ein gebrauchtes Hühnermobil an, das in den gepachteten Wiesen der Naabauen an der viel frequentierten B 15 steht. "Doch damit alleine machst Du finanziell noch keinen Stich", so Klinger. "Schorsch" kam ins Spiel, denn in Barbaras Heimat, im Frankenland, ist die Idee, Regionales im Automaten zu vermarkten, schon etablierter.

Es ging ans Brainstorming: Bei Gastwirten, Metzgern und regionalen Vermarktern, "die man kennt", wurde angefragt. "Sie waren begeistert von dieser Wertschöpfung aus der Region", fasst Klinger zusammen. Und wie kommt man zur richtigen Auswahl, die den Kunden schmeckt? "Man muss das ins Sortiment nehmen, was man für ein Frühstück, ein Mittagessen oder eine Brotzeit am Abend braucht". So kam dann der Warenkorb zustande: Da sind Fleisch und Wurst von örtlichen und regionalen Metzgern wie dem "Schinner", "Tretter" oder "Paulus" im Boot. Der Milchkaffee kommt vom Zieglbauernhof aus Ammelhofen, die Marmelade vom Tännesberger Streuobstwiesenprojekt. Der Bernhard-Hof glänzte schon in der Landfrauenküche.

Der Automat, nach Legobauweise flexibel zu bestücken, wurde im Februar bestellt. Aus drei Wochen Lieferzeit wurden über drei Monate: Corona, Lieferengpass, die Chips zum Bau steckten im Suezkanal fest. Im Juni war es dann soweit.

Jetzt, nach rund acht Wochen Testphase, fasst Klinger zusammen: Beim Automaten ist der Anbieter nicht präsent, also wird es schwierig, mit den Kunden ins Gespräch zu kommen. Facebook und Flyer helfen, in einem Briefkasten werden Wünsche und Anregungen gesammelt.

Flexibles Angebot

Denn im Angebot ist Manfred Klinger flexibel: Er zeigt auf seine App: Hier hat er einen genaue Überblick über die Ware, sieht "was geht und was nicht, was verkauft wird und was wieder nachgefüllt werden muss". Ob Kartoffelsalat, Grillfleisch oder Joghurt: Klinger reizt das Ablaufdatum nie aus. Die Produkte werden früher herausgenommen. Danach richtet sich der häusliche Speiseplan. "Das kommt dann halt bei uns auf den Tisch."

Der 42-Jährige geht noch ein Stück weiter: Er bietet auch in einer Kiste Kartoffeln an, kleine Legehennen-Eier stehen ebenso frei verkäuflich in der Hütte, daneben eine Kasse, in die eingezahlt werden kann. "Bisher hat nichts gefehlt", erzählt Manfred Klinger. "Nur ein paar zerdepperte Eier sind mal drin gelegen. "

58 Produkte im Sortiment

Ein bis zwei Mal am Tag muss aufgefüllt werden. 58 Produkte sind derzeit im Sortiment. Rechnet es sich? "Ich bin noch in der Findungsphase", so Klinger. "Ich rudere in einem Boot, weiß wo ich hin will, aber weiß noch nicht, was mich am Ende erwartet". Der Großteil der Ware ist etwas teurer als im Supermarkt. Nachts ein gekühltes Milchgetränk oder Grillfleisch-Nachschub, das kostet eben etwas mehr. Nicht die Eier der glücklichen Hühner. Sie kosten auch im Markt drei Euro. "Die Landwirtin, bei der ich mein gebrauchtes Hühnermobil gekauft habe, und die mir auch gentechnikfreies Futter für meine Hühner empfohlen hat, verlangt vier Euro. Trotzdem bringt sie kaum genug her".

Wenn der "Schorsch" gut läuft, könnte sich Klinger vorstellen, den Automaten auch an mehreren Standorten aufzustellen. Das ist aber noch Zukunftsmusik. "Ich werde Aldi damit nicht pleite machen. Doch ich muss mit dem Modell auch Geld verdienen und es auch erkennen, wenn es nicht läuft". In den Namen "Schorsch" hat er bewusst die Begriffe Schmankerl, Oberpfalz und Schlemmen untergebracht. Ob der Kunde das Wortspiel erkennt? Nun ja. Jedenfalls hat Klinger seinem Automaten ein Gesicht gegeben. Das des Landwirts "Schorsch". Er hat verblüffende Ähnlichkeit mit Manfred Klinger.

Die Ernteaussichten für dieses Jahr

Plößberg

„Sie waren begeistert von dieser Wertschöpfung aus der Region“.

Manfred Klinger

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