12.02.2021 - 16:57 Uhr
Weißenberg bei EdelsfeldOberpfalz

"Integrieren ist ganz wichtig": Wie Migranten in Weißenberg Fuß fassen

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Dass ein Gemüsehändler auf einem Biohof arbeitet, liegt durchaus nahe. Ehemalige Juristen oder Immobilienmakler vermutet man dort eher weniger. Und doch gibt es sie auf dem Hutzelhof.

Reza Akofteh vor den NAPF-Kisten, in den frisches Obst und Gemüse zu den Kunden kommt. NAPF steht für Naturkost-Pfandsystem.
von Autor MZIProfil

„Es ist mir ein persönliches Anliegen, auf diese Art an Integration mitzuwirken“, reagiert Günter Kugler auf die Feststellung, dass inzwischen ja ganz schön viele Migranten auf seinem Biohof arbeiten. Sieben Männer und eine Frau aus Nicht-EU-Ländern sind es inzwischen: Abel und Barnabas stammen aus Eritrea; Femi, Abdullah, Abdul-Rahman und Mamoun aus Syrien; Reza aus dem Iran und Besarta aus dem Kosovo. Macht zusammen fast zehn Prozent der Mitarbeiter. Dazu kommen noch Robyn aus den USA – sie und ihr Ehemann bemühen sich derzeit um eine Einbürgerung - sowie Mada aus Rumänien.

Insgesamt erlebt der Hutzelhofbesitzer die Neuankömmlinge als gute und sehr engagierte Kräfte. Allerdings erst, wenn gewisse Hürden wie Arbeitserlaubnis oder Führerschein überwunden sind. Allem voran sei es aber immer wieder die Sprache, die Eingliederung möglich macht oder eben auch nicht. „Ab A 2- Sprachlevel, besser noch B 1, ist vieles leichter und einfacher“, summiert er seine Erfahrungen.

Ein anderer Punkt ist die Bürokratie. Selbst für Einheimische ist nicht immer nachvollziehbar, warum noch einmal ein Formular ausgefüllt werden muss, obwohl erst vor einem Monat ein gleiches oder ähnliches Papier eingereicht wurde. Die Wichtigkeit solcher Formalitäten werde leider oft unterschätzt. „Aufgrund dieser beiden Widrigkeiten kamen auch schon mal Arbeitsverhältnisse nicht zustande, obwohl sonst alles gepasst hätte“, resümiert Günter Kugler.

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"Bürokratismus in Syrien nicht einfacher"

Einer, der keine Schwierigkeiten damit hat, sich in die hiesigen Gegebenheiten einzufinden, ist Abdul-Rahman Wardeh. In Syriens Hauptstadt Damaskus groß geworden und ein abgeschlossenes Jurastudium in der Tasche, bringt er das grundlegende Verständnis für Gesetze und Bestimmungen mit. „Der Bürokratismus ist in Syrien auch nicht einfacher“, sagt der 31-Jährige, dessen Verlobte noch in Syrien ist.

Sein Einstieg ins Berufsleben verlief äußerst zügig. Schon nach wenigen Monaten durfte er auf Arbeitssuche gehen, denn die Sprachlevel A 1 und A 2 waren leicht bewältigt für den auch sprachlich Begabten: „Wobei es schon große Unterschiede im Niveau der Sprachkurse gibt. Ich hatte dabei leider nicht viel Glück, sonst hätte ich noch mehr gelernt.“ Inzwischen hat er das B 2-Level erreicht.

Nachdem auf Grund verschiedener Widrigkeiten keine eigentlich geplante Ausbildung zustande kam, arbeitete er zuerst in einer Wäscherei in Creußen. Dann ging es weiter zu Poco, wo er auch gut ein Jahr gearbeitet hat. Dank der Vermittlung des Kollegen Mamoun arbeitet er jetzt seit einem halben Jahr für den Hutzelhof als Auslieferungsfahrer und fühlt sich dabei rundum wohl.

"Den Deutschen eine Chance geben"

So wie Abdul-Rahman kam auch Reza Akofteh 2016 mit vielen anderen Flüchtlingen nach Deutschland. Mit seinen damals 47 Jahren hatte er das vermeintlich ideale Alter zum Sprachenlernen eigentlich schon hinter sich, durchlief aber samt Familie die Integration im Schnelldurchgang. Weil ihm die Bedeutung von Mobilität bewusst war, bemühte er sich gleich um eine Fahrerlaubnis. „Mein persischer Führerschein hatte hier eine Übergangserlaubnis von einem halben Jahr. Aber darauf habe ich mich nicht verlassen“, erzählt er.

Also paukte er neben Deutsch auch die Straßenverkehrsordnung. Es reicht ihm nicht, nur die gängigen Schilder zu kennen. „Man muss auch mal Texte auf Schildern lesen können, um sicher und ohne andere Verkehrsteilnehmer zu behindern durch den Straßenverkehr zu gelangen“, so seine Überzeugung. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Führerscheinprüfung auf Englisch, Türkisch, Russisch, Arabisch abgelegt werden kann - aber nicht auf Persisch. Bremsen ließ er sich von derlei Hindernissen aber nicht.

„Wir haben hier eine Chance bekommen, und auch wir müssen den Deutschen eine Chance geben, dass sie uns akzeptieren können“, meint seine Tochter Shiva, die momentan ein Freiwilliges Soziales Jahr ableistet. In Neuhaus an der Pegnitz, wo die ganze Familie wohnt, ist sie zusammen mit ihrem Bruder Sina bei der Wasserwacht. Ehefrau Sohena arbeitet seit drei Jahren als Erzieherin in einem Kindergarten.

Auch Reza bestätigt: „Mit Sprachniveau A 2 ging alles leichter.“ Die Arbeitserlaubnis kam 2018. War er früher im Iran bei einer Ölförderfirma als Schlosser tätig und später auch als Immobilienmakler, hat er nun seinen Platz am Hutzelhof gefunden - in der Kommissionierung, im Ackerbau, beim Kistenwaschen oder Kühlhauseinräumen. „Integrieren ist ganz wichtig. Offen sein. Auch wenn vieles anders ist“, zieht er das Fazit für sich und seine Familie.

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Zehn Tage lang durch die Sahara

Einen weiten Weg hinter sich hat Barnabas Kalab. Seine Flucht aus Eritrea über Äthiopien, den Sudan und Libyen dauerte zehn Tage - quer durch die Sahara. Vier seiner Kameraden fanden unterwegs den Tod. Im Dezember 2016 hatte die Ungewissheit für ihn ein Ende, und er konnte die Planung seiner Zukunft in Angriff nehmen. Nach neun Monaten durfte er einen Minijob annehmen. Jetzt arbeitet er schon 19 Monate in Vollzeit am Hutzelhof.

Der 28-Jährige entfernte sich beruflich gar nicht so weit von seinen Wurzeln. In Eritrea betrieb er mit seinem Bruder einen Obst- und Gemüsestand am Markt. Jetzt baut er Gemüse für die Region an. Aber auch bei der Kommissionierung der Ware hilft er in den Wintermonaten mit, wenn es draußen weniger zu tun gibt.

Schwieriger gestaltete sich die Wohnungssuche in Arbeitsplatznähe. Zwei Jahre vergingen, bis es endlich klappte. Dank seiner Kollegen Thomas, Erna und Martin, die sich um Wohnung, Einrichtung, Fernseher oder auch Kleidung kümmern, kann er inzwischen gut alleine überleben. „Nur das Alleinsein ist nicht so schön“, bedauert er. Corona und der Lockdown verschlimmerten die Lage noch.

Dabei birgt die Gefühlswelt der Geflüchteten noch manche Altlast. „Bis sie in Deutschland sind, haben sie oft schon eine richtige Odyssee hinter sich. Ihre Erlebnisse sind geprägt von Gefahren, Ungewissheiten und immer wieder erlebter Unerwünschtheit“, stellt Günter Kugler fest. Der 54-Jährige versucht, das Seinige zu tun, um Abhilfe zu schaffen. Außer Arbeits- und Ausbildungsplätzen stellt er schon mal für Umzüge oder anderweitige Transporte einen seiner Lieferwagen zur Verfügung. Genauso wie sein Werkzeug oder das offene Ohr, das es auch mal braucht.

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Hintergrund:

Erleichterter Einstieg ins Arbeitsleben

Aus seiner Erfahrung nennt Günter Kugler diese Punkte, die für Menschen mit Migrationshintergrund wichtig sind:

  • Bessere Anerkennung von vorhandenen Qualifikationen
  • Übersetzung unserer Formulare und Anträge
  • Schnellere Einbindung in den Arbeitskontext durch Praktika
  • Frühere Erlaubnis, beruflich tätig zu werden
  • Unterstützung in sozialen und persönlichen Bereichen bis hin zur Behandlung von traumatischen Erlebnissen

Günter Kugler hat zusammen mit seiner Frau 1995 den Hutzelhof als Biobetrieb mit Direktvermarktung gegründet.

Abdul-Rahman Wardeh vor seinem mobilen Arbeitsplatz, dem Lieferwagen.
Barnabas Kalab bei der Mangoldernte.

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