07.10.2020 - 15:08 Uhr
WeiherhammerOberpfalz

Zukunft hausgemacht: Künstliche Intelligenz im Landkreis Neustadt/WN

Maschinen reparieren sich selbst. Eine Software findet für jede Zielgruppe Urlaubsorte. Die 5-G-Technik hilft bei der Übergabe von Arztpraxen: Der Probenraum für solche Zukunftsmusik liegt direkt vor der Haustür.

Wer digital sagt, muss digitale Taten folgen lassen, am besten in Echtzeit. Mitarbeiter des Landratsamts übertragen die Veranstaltung über Künstliche Intelligenz aus Weiherhammer per Livestream auf die Internetseiten des Landratsamts. Unter www.facebook.com/newperspektiven ist der Film weiterhin zu sehen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Wenn es um die Arbeitswelt in 5, 10 oder 20 Jahren geht, bemüht Christian Schieder ein Beispiel aus dem 19. Jahrhundert. Wie aus unzähligen Western bekannt, war in der amerikanischen Prärie der Pony-Express der gängigste und schnellste Weg, Nachrichten zu übermitteln. Dann kam der Telegraf, und keiner hat die berittenen Pony-Boten vermisst. So ähnlich werde es in Wirtschaft, Medizin, Bildung und Verwaltung ablaufen, wenn die Künstliche Intelligenz (KI) ihren Siegeszug fortsetzt, prophezeit der Professor für Wirtschaftsinformatik an der OTH Weiden-Amberg.

KI ist weder Science Fiction noch eine Spielwiese im Silicon Valley, sondern Realität in Weiherhammer, Altenstadt, Floß und Amberg. Alle drei Orte sind Teil der Metropolregion Nürnberg, die eine neue Marketingkampagne fährt: Nordbayern als "Platz für Vereinfacher". Ein solcher Platz ist der Landkreis Neustadt, den die Metropolregion für die Auftaktveranstaltung der Kampagne ausgewählt hat.

Dazu stellten acht KI-Experten aus der Oberpfalz im neuen Hauptgebäude der BHS Corrugated in Weiherhammer ihre Ansätze vor. "Vereinfacher" heißt in diesem Fall: Prozesse gehen schneller, günstiger, effektiver und leichter.

Damit ist die Befürchtung in der Welt, dass da ein kapitaler Jobkiller auf der Lauer liegt. Das weiß auch Christa Standecker, die Geschäftsführerin der Metropolregion. Sie hat zum Thema KI schon beim Institut für Arbeitsmarkt- und Bildungsforschung in Nürnberg nachgefragt. Dort zitiere man den österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter, der einst von einem "schöpferischen Zerstörungsprozess" gesprochen hat. "Die Forscher sind vorsichtig, vertreten aber die These, dass das, was verschwindet, an anderer Stelle Arbeitsplätze schafft." Siehe Pony-Express und Telegrafie.

Anschaulich könnte das am Beispiel von Nicolas Götz aus Parkstein werden. Der Gründer des Online-Reisebüros nix-wie-weg.de hat inzwischen ein zweites Reiseportal auf die Beine gestellt. Es nennt sich adigi.de und stützt sich ganz auf KI. "Mittels Spracherkennung und Cognitive Computing sind wir in der Lage, alle Anfragen über beliebige Kanäle zu verstehen und mit individuell passenden Antworten automatisch, in Echtzeit und in höchster Qualität zu beantworten", heißt es dazu auf der Website.

Götz präzisiert: "Die Software muss erkennen, was der Mensch wirklich will. Wenn einer anruft und sagt, ich will mit fünf Kumpels nach Mallorca fahren, muss ihm die KI was am Ballermann suchen und nicht eine ruhige Familienresidenz im Hinterland." Um so etwas zu entwickeln, arbeitet adigi.de mit einem Psychologie-Professor der Uni Bamberg zusammen.

Freilich: Das wird den Arbeitsplatz des einen oder anderen Disponenten ersetzen, auf der anderen Seite dürfte Götz für seinen Expansionskurs Personal brauchen: "Wir haben viel vor. Wir wollen künftig Ferienwohnungen und Kreuzfahrten anbieten, unseren Auftritt in Englisch und Französisch gestalten und digitale Sprachnachrichten verwenden."

Nur wer mit dem Zahn der Zeit kaut, bleibt einer von 150 "Hidden Champions" der Metropolregion. Das erläuterten BHS-Inhaber Lars Engel und sein Mitarbeiter Jürgen Eimer. Ihr Unternehmen verstehe sich zwar als klassischer Maschinenbauer, 30 Mitarbeiter seien aber nur damit beschäftigt, es digital in Schwung zu halten. Das sichere die Position als Weltmarktführer im Wellpappen-Sektor. Wenn etwa der Motor einer 180 Meter langen Anlage irgendwo in der Welt droht, zu heiß zu laufen, drosselt ihn eine KI zwischenzeitlich runter, so dass weiterproduziert werden kann, ohne dass der Kunde erst mit Ausschuss und anschließend mit Wartezeit oder gar Reparatur Zeit verliert.

Der Landkreis versteht sich bei solchen Prozessen als politischer Schrittmacher, erklärte Landrat Andreas Meier und zählte eine Fülle von Projekten auf, die seine Behörde an Land gezogen hat. Dazu gehört ein 5-G-Plan im Gesundheitswesen, zusammen mit der Kliniken AG und der OTH. Damit soll durchgespielt werden, wie Ärztemangel auf dem flachen Land durch KI-Lösungen abgefedert werden kann. Im ersten Augenblick schwer vorstellbar. Doch das war der Abschied von den Pony-Briefzustellern auch, würden die "Vereinfacher" sagen.

Eine weitere Initiative zu Künstlicher Intelligenz

Weiden in der Oberpfalz

Mehr zur Digitalisierung in der Region

Digitalisierungsprojekte des Landkreises Neustadt/WN:
  • SDDI-Modellregion: ein bayerisches Förderprogramm. Auf Geodatenbasis wird ein "digitaler Zwilling" des Landkreises erstellt. Schwerpunkt ist das Gesundheitswesen.
  • Digitalisierungskonzept des bayerischen Wirtschaftsministerium: Der Landkreis ist eine von 10 ausgewählten Modellregionen für Experten und Bürgerinterviews. Schwerpunkte Gesundheit, Verwaltung, Energie, Mobilität.
  • Smarte Landregion: Bundesprogramm für ländliche Entwicklung mit sieben deutschen Regionen. Schwerpunkte Bildung und Gesundheit. Vergangene Woche Förderzusage für eine Million Euro.
  • Bewerbung "Kommune innovativ": Bundesprogramm des Bildungsministeriums. Medizinische Versorgung der Region durch neue Strukturen.
  • 5-G-Masterplan: Zusammen mit der Firma IKT aus Regensburg Messung des Mobilfunk-Versorgungstands der jeweiligen Netzanbieter für zielgerichteten Ausbau.
  • 5-G-Healthcare: Projekt mit der OTH. Plattform für "Living Labs" (Realumgebungen) für digitale Anwendung verschiedener medizinischer Szenarien bei der Gesundheitsversorgung auf dem Land.
  • Sonstiges: Online-Plattform für Digitalunterricht aller landkreiseigenen Schulen, Wasserstoff-Modellregion, E-Mobilitätskonzept.

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