30.07.2021 - 15:03 Uhr
WeiherhammerOberpfalz

"Blechliesl" bereit für die große Überfahrt von Weiherhammer nach Ettlingen

Nur Fliegen ist schöner. Und vermutlich auch einfacher, als mit einem Ford Modell T zu fahren. Robert Pilz muss es wissen. Doch wie fährt sich der 95 Jahre alte Oldtimer, auch bekannt als "Tin Lizzie"? Wir haben es ausprobiert.

Robert Pilz ist stolz auf seine 95 Jahre alte "Blechliesl". Bald wird sie aber sein Sohn Robin bekommen, der in Ettlingen bei Karlsruhe wohnt. Pilz will die 370 Kilometer lange Strecke entweder ganz oder zumindest teilweise mit dem Ford Modell T fahren.
von Thorsten Schreiber Kontakt Profil

Das Ding geht ab wie eine Rakete. Zumindest, wenn es nach einer einschlägigen Webseite mit den technischen Daten des Ford Modells T geht. Unter "Beschleunigung von 0 bis 96 km/h" steht da doch glatt: eine Sekunde. Man darf eben nicht alles glauben, was im Internet steht. Denn in Wirklichkeit geht es mit der "Tin Lizzie" viel gemächlicher zu. Sie schafft ja nicht einmal 96 Kilometer pro Stunde sondern höchstens 68.

Oldtimer 95 Jahre alt

Robert Pilz aus Weiherhammer hat einen solchen Oldtimer. 95 Jahre ist seine "Tin Lizzie" alt, Baujahr 1926. Allein schon das Anlassen erfordert etwas Geduld. Der gebürtige Engländer setzt sich ans Steuer und versucht, den Wagen zu starten. Aus 2878 Kubikzentimetern Hubraum erklingt erst nur ein müdes Röcheln, dann ein Tuckern und dann nichts. Auch nach dem zweiten Versuch. Bei dritten Mal klappt es dann schließlich. Sofort liegt ein Geruch von Öl, Benzin und Abgas in der Luft. Langsam dreht Pilz vor seinem Haus eine Runde, bevor er zu einer kleinen Ausfahrt einlädt.

Die "Tin Lizzie" im Video

Zwischen 18 und 22 PS hat der Oldtimer, genau kann Pilz das nicht sagen. Er vermutet aber, dass sein Wagen 22 hat. Die Zone 30 in dem Wohngebiet scheint jedenfalls wie geschaffen für die "Blechliesl" zu sein. Doch dann geht es auf gerader Strecke raus aus Weiherhammer. Pilz erklärt, wie man das Modell T fährt: Wie in einem heutigen Auto sind da zunächst einmal auch drei Pedale. Doch mit einem gewaltigen Unterschied: das rechte ist die Bremse, mit dem mittleren geht es rückwärts und das linke ist Kupplung sowie Wahlpedal für die zwei Gänge. Gas gibt man dort, wo heutzutage der Scheibenwischer bedient wird: mit einem Hebel rechts am Lenkrad. A propos Scheibenwischer: Den gibt es nicht, Handbetrieb ist gefragt. Gottseidank regnet es nicht. Links neben dem Fahrersitz ist ein weiterer Hebel, die Handbremse.

Selbst-Erfahrung

Nach ein paar Minuten dreht Pilz um und stellt "eine ketzerische Frage: Wollen Sie auch mal fahren?". Nach kurzem Überlegen ("Traue ich mir das wirklich zu? Was, wenn ich mit dem Oldtimer, der 100.000 Euro wert ist, in den Straßengraben fahre?") ein eindeutiges "Ja!". Pilz hält rechts an. Die erste Hürde mit dem Klettern hinters Lenkrad ist geschafft. Der Fahrersitz lässt sich nicht nach hinten schieben, und irgendwie ist hier doch mehr Gestänge als in einem heutigen Auto. Dann ein beherzter Tritt auf die Kupplung, Handbremse lösen und es geht tatsächlich vorwärts. Auch wenn man meint, die "Blechliesl" würde jeden Moment absterben. Tut sie aber nicht.

Gemächlich tuckern wir zurück nach Weiherhammer. Wie schnell? Keine Ahnung, einen Tacho gibt es nicht. Weil die "Tin Lizzie" auch keine Blinker hat, hält Pilz als Beifahrer beim Rechtsabbiegen einfach den Arm hinaus. Bremse und Lenkung sprechen bei einem so alten Auto natürlich auch viel schwerer an, aber der Straßengraben und damit auch das Modell T bleiben heil. Kurz vor dem Ziel muss Pilz aber wie ein Fahrlehrer noch einmal eingreifen, weil ich zu langsam links abgebogen bin und der Wagen eine kleine Steigung fast nicht geschafft hätte. Lenken und gleichzeitig weitere Hebel zu bedienen war dann doch zu viel. Aber: "Prüfung bestanden", lobt der 67-Jährige. "Ein Flugzeug zu fliegen ist einfacher, als ein Modell T zu fahren." Pilz muss es wissen, er hatte auch einmal einen Pilotenschein.

In Karlsruhe zugelassen

Ein Eintrag im Fahrtenbuch ist uns sicher. Pilz muss wegen des roten 07-Kennzeichens jeden Ausflug protokollieren, erlaubt sind nur Probe-, Prüfungs- und Überführungsfahrten. Dafür muss "Lizzie" nicht zum TÜV, wie es mit einem H-Nummernschild Pflicht wäre. Zugelassen ist sie übrigens in Karlsruhe, Pilz hat noch einen Wohnsitz in Ettlingen. Er wollte den Oldtimer eigentlich schon längst in Neustadt mit H-Nummernschild anmelden, hätte dafür aber ein Gutachten benötigt und müsste außerdem regelmäßig zum TÜV. Das war ihm aber zu umständlich, dafür ist er nun für den technischen Zustand selbst verantwortlich. Das Ford Modell T aus Weiherhammer gehört damit nicht zu den 810 zugelassenen Oldtimern im Landkreis Neustadt. Die Polizei hat ihn auch schon angehalten, aber die Beamten waren von dem Oldtimer so begeistert und "wollten wissen, was das für ein Auto ist", schmunzelt der Engländer.

Pilz hat die "Tin Lizzie" in den 1990er Jahren bei einer Dienstreise in Michigan gekauft. Für 6000 Dollar, ohne Vertrag und Probefahrt. "Gekauft wie gesehen, es war Liebe auf den ersten Blick." Zuvor hatte er mit Oldtimern nichts am Hut, heute hat er auch noch sein mittlerweile 43 Jahre altes Motorrad. Sein Ford Modell T rollte im Februar 1926 als 13.191.706. Exemplar vom Band. Ein Jahr später kam eine neue Baureihe. Ford fertigte von 1908 bis 1927 insgesamt 15 Millionen "Tin Lizzies". Bis zur Ablösung durch den VW Käfer 1972 war sie das meistverkaufte Auto der Welt. Pilz glaubt, dass sein Exemplar das einzige viertürige ist, das es in Europa noch gibt. Bis auf Verschleißteile ist es auch noch in Originalzustand.

Kaufangebote abgelehnt

Zwei mal bekam Pilz Angebote, den Oldtimer für 100.000 Euro zu verkaufen. Er lehnte jedes Mal ab, schließlich betrachtet er seine "Lizzie" als "lebensfüllende Aufgabe". Der Brite ist "mit jeder Schraube per Du", aber wie viel Geld und wie viele Tausend Arbeitsstunden er in den 30 Jahren hineingesteckt hat, kann er nicht sagen. Ersatzteile sind sehr teuer, in Amerika gibt es sogar eine Firma, die sich darauf spezialisiert hat. Vor sechs Jahren wollte die "Tin Lizzie" einfach nicht mehr anspringen. Pilz hatte unter anderem Zünder und Vergaser besorgt, doch daran lag es nicht. Bis 2018 hat es schließlich gedauert, bis der Wagen wieder lief. Via Internet hatte ein Australier die Lösung: Weil der Oldtimer länger stand, war das Öl zwischen den Kupplungsplatten verharzt, erklärt Pilz.

Zeichen auf Abschied

Dennoch stehen jetzt die Zeichen auf Abschied. Sohn Robin, der mit seiner Familie in Ettlingen wohnt und als Kfz-Mechatroniker arbeitet, wird die "Lizzie" bekommen. Er war als Bub schon davon begeistert und "irgendwann erbt er sie ja sowieso", sagt Robert Pilz. Im Fahrtenbuch steht dann demnächst eine Überführungsfahrt, denn Pilz will die 370 Kilometer lange Strecke zumindest teilweise, wenn nicht sogar ganz, mit dem Oldtimer fahren. Auf Autobahnen wird das wegen der zu geringen Höchstgeschwindigkeit nicht gehen. "Ich wäre ein Hindernis für alle Lkw." Daher wird es auf eine Überlandpartie auf Landstraßen hinauslaufen – egal, wie lange es dauert. Zur Sicherheit wird auf jeden Fall seine Lebensgefährtin Monika Bretschneider mit Wohnmobil und Anhänger mitfahren. Geplant wäre es eigentlich im August gewesen, jetzt wird es wohl eher Herbst, weil Sohn Robin vor seinem Haus noch einen Container als Garage aufstellen muss.

Die Trennung von seiner "Tin Lizzie" fällt Robert Pilz sichtlich schwer. "Einerseits bin ich traurig, aber andererseits glücklich, dass sie in gute Hände kommt", gesteht er. Traurig werden dann sicher auch seine Freunde vom AVD Weiden sein, mit denen sich Pilz vor Corona ein Mal im Monat traf. 2018 wollte Pilz an einer Oldtimerrundfahrt des Vereins teilnehmen, aber ausgerechnet einen Tag vorher war ein Reifen platt. Clubkollege Konrad Fischer aus Altenstadt/WN half ihm zwar, aber das hatte eine Woche gedauert. Die Tour war da natürlich längst vorbei, bedauert Pilz noch heute.

Hier lesen Sie einen weiteren Bericht über die "Lizzie" von Robert Pilz

Hintergrund:

Ab wann ist ein Oldtimer ein Oldtimer?

  • Ein Fahrzeug gilt dann als Oldtimer, wenn es vor mindestens 30 Jahren erstmals zugelassen worden ist (Datum der Erstzulassung zählt, nicht Baujahr)
  • Oldtimer-Gutachten eines amtlich anerkannten Sachverständigen nötig
  • Fahrzeug muss weitestgehend im Originalzustand sein
  • Erhaltungszustand muss gut sein und es muss zur Pflege des "krafttechnischen Kulturguts" dienen
  • Dann gibt's ein H-Kennzeichen
  • 810 Oldtimer im Landkreis Neustadt (Stand: 26. Juli 2021), ältester ein Auto mit Erstzulassung 1912
  • In Weiden sind 380 Oldtimer unterwegs (Stand: 26. Juli 2021)

"Ein Flugzeug zu fliegen ist einfacher, als ein Modell T zu fahren."

Robert Pilz

Robert Pilz

 

 

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