01.07.2020 - 15:24 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Zirkus zieht nicht weiter: Teures Nachspiel für Weiden

Das Gastspiel des "Moskauer Circus" am Festplatz Weiden fiel aus. Wegen des Corona-Lockdowns. Doch der gestrandete Zirkus kostet die Verantwortlichen der Stadt viele Nerven sowie dem Steuerzahler satt Geld. Und: Das kann wieder passieren.

Freie Bahn für Margeriten: Der Zirkus, der drei Monate lang den Festplatz in Weiden in Beschlag genommen hat, ist abgereist. Die Kosten für die Stadt aber bleiben. Und die Tatsache, dass ein ungebetener Gast erneut seine Zelte aufschlägt und nicht weicht, kann jederzeit wieder passieren. Was also tun, fragen sich Stadt und Stadträte.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Die Stadträte im Finanzausschuss schwanken am Dienstag zwischen Fassungslosigkeit, Galgenhumor und Entrüstung, als die Rede auf den Zirkus um den "Moskauer Circus" kommt. Er nahm monatelang trotz außerordentlicher Kündigung durch die Stadt den Festplatz in Beschlag. Die Zwangsräumung stand im Raum. Doch dann trat eine private Initiative auf den Plan. "Seit gut einer Woche ist der Zirkus weg. Er hat die gesamte Coronazeit bei uns verbracht", sagt Stadtkämmerin Cornelia Taubmann. Das hat die Stadtkasse ganz schön belastet.

"Wobei das für uns noch einigermaßen glimpflich ausgegangen ist", findet Taubmann. Oberbürgermeister Jens Meyer ergänzt: "In einer Kommune in Baden-Württemberg blieb ein Zirkus zwei Jahre - ohne Corona." Trotzdem bleiben nach der Kostenauflistung nicht alle Stadträte gelassen. Zumal sie hören, das kann jederzeit wieder passieren.

Kosten weit über 20 000 Euro

Die Stadt stellt dem Zirkus ein Ultimatum

Weiden in der Oberpfalz

Insgesamt kommt die Stadtkämmerin auf gut 23 000 Euro, die die Stadt für den in Weiden gestrandeten Zirkus mindestens zahlen muss. Bares etwa gab es für Heizöl, für Futter für die Tiere, aber auch für Essen und Trinken für die gut große Zirkusfamilie. Tankgeld sponsorte die Stadt, damit ein Dompteur die großen Wildtiere wie Seelöwen und Tiger wegbringen konnte. "Nur hat der Dompteur berichtet, er habe das Geld nie bekommen." Trotzdem sei der Abtransport dieser Tiere wichtig gewesen: "Wissen Sie, was Seelöwen und Tiger täglich vertilgen? Die hätten uns die Haare vom Kopf gefressen."

"Batzen" für Strom und Wasser

Den größten Posten machen aber die Wasser- und Stromgebühren aus, deren genaue Höhe erst Ende Juni ermittelbar sei. "Aber es ist ein erheblicher Batzen zu erwarten", sagt Taubmann und kalkuliert mit knapp 11 000 Euro. Obendrein seien in den vergangenen Tagen Erdarbeiten am Festplatz nötig gewesen, weil der Boden teils durch Gefahrenstoffe kontaminiert gewesen sei. Auch das kostet.

Nicht unerwähnt lässt Taubmann den Einsatz vieler Privatspender. Die Stadtkämmerin dankt insbesondere den Landwirten für Futterlieferungen, der Tafel für die Lebensmittelversorgung und natürlich Silvia Loew, die nach eigenen Angaben 35 000 Euro an privaten Spendenmitteln einbrachte, um die nicht mehr TÜV-zugelassene Fahrzeugflotte des Zirkusses zu reaktiveren. Die Stadt verzichtete hierbei übrigens auf die Zulassungsgebühren von etwa 1500 Euro.

Silvia Loew setzt sich für Zirkus ein

Weiden in der Oberpfalz

Am Anfang vielversprechend

Dabei fing alles ganz vielversprechend an, erläutert Taubmann. Das Zirkusunternehmen war laut eigenen Angaben das viertgrößte Deutschlands. Obendrein hakte die Stadt im Zulassungsverfahren bei anderen Kommunen nach und bekam zwei Empfehlungsschreiben. "Es gab bis dato keinerlei Beanstandungen oder auftretende Schwierigkeiten während sowie nach den Gastspielen. Und das Unternehmen hatte dann einfach auch Pech", sagt die Kämmerin. Denn mit dem Tag der Umsiedlung nach Weiden trat der erste nachgewiesene Coronafall in der Stadt auf, tags darauf das Veranstaltungsverbot in Kraft. Doch ob Corona oder nicht: "Wir müssen uns überlegen, wie wir künftig mit Zirkusanfragen umgehen. Denn wir sind aktuell rechtlich nicht in der Lage, den Festplatz zu verwehren. Wer erst mal da ist, den kriegen wir nicht mehr weg", schildert Taubmann das grundsätzliche Problem. Sie regt an, in Abstimmung mit dem Rechtsamt Hürden für Zulassungen aufzubauen.

Zugleich betont sie, keine Vorurteile gegen Zirkusse schüren zu wollen. "Wir haben mit vielen wie Busch, Krone und Knie auch sehr gut zusammengearbeitet, aber mit anderen auch negative Erfahrungen gemacht. Nach dieser würde ich persönlich hier keinen Zirkus mehr gastieren lassen." Ein generelles Zirkusverbot rechtlich durchzusetzen, sei aber schwierig.

Ja zu Zirkus, nein zu Wildtieren

SPD-Stadtrat Florian Graf widerspricht: "Wir wollen hier weitere Zirkusse, aber wir sollten ein politisches Signal senden." Das da laute: Zirkus nur ohne Wildtiere. Doch so einfach ist das nicht: "Rechtlich kann diese Auflage nicht standhalten, weil hier der Bund die Entscheidungsgewalt hat und anders befunden hat", weiß Graf. Dennoch fordert er das Wildtier-Verbot in Weiden, kritisiert das Verhalten des gerade abgereisten Zirkus', der sich sehr negativ unter vielen ordentlichen Familienbetrieben hervorhob, betont aber: "Wenn jemand in Weiden strandet, muss man helfen."

Nein zu Zaum um Festplatz

Nur tut diese Hilfe gerade in der Coronazeit "besonders weh", stellt Grün-Bunt-Weiden-Fraktionschef Karl Bärnklau fest und dankt der Verwaltung für ihre liebe Mühe mit dem Zirkus. Nur den Vorschlag derselben, den Festplatz eventuell durch bauliche Maßnahmen wie Zäune vor der Besetzung zu schützen, lehnt er genauso vehement ab wie SPD-Kollege Roland Richter. Dann würd ein Zirkus eben ein paar Meter weiter die Zelte aufschlagen. Zulässigkeitskriterien zu erarbeiten, findet Bärnklau dagegen gut.

Zulässigkeitskriterien müssen vor Ort geprüft werden, gibt Benjamin Zeitler zu bedenken. Sein Vorschlag: Vorauszahlungen für Strom und Wasser sowie die Entrichtung einer Kaution wie bei einem Wohnungsmietverhältnis zu verlangen. Dabei betont der CSU-Fraktionschef, dass er die Zirkus-Affäre "gar nicht so locker" sieht. "Das ist von vorne bis hinten einfach schlecht gelaufen." Zeitler schätzt die Kosten samt Mieteinnahmeausfälle, Energiekosten und so fort auf etwa 30 000 Euro. "Das ist nicht unser Geld: Das ist verschenktes Steuergeld." Viele Menschen empfänden es zudem als nicht gerecht, dass die Stadt den Zirkus in diesem Maß unterstützt hat. Bürgerlisten-Stadtrat Christian Deglmann meint gar: "Wenn die Leute keinen Strom und kein Wasser mehr gehabt hätten, wären die doch abgereist oder?"

Stadt hat Licht abgedreht

"Wir waren draußen und haben das Licht abgedreht", betont die Stadtkämmerin. "Aber dann wurde es eben wieder angedreht." Persönliche Anfeindungen ihr gegenüber seien nicht ausgeblieben. "Und natürlich haben wir überlegt, wie komfortabel machen wir den Aufenthalt für den Zirkus. Aber da waren so viele Kinder dabei. Sollten die leiden?", erklärt Taubmann das Dilemma. Eine Vorabgebühr habe der Zirkus übrigens leisten müssen, erklärt sie in Richtung Zeitler. 1700 Euro. "Das Geld kompensiert in etwa die Zulassungsgebühren für die Fahrzeugflotte." Und in Richtung derer, die einer Räumung offen gegenübergestanden hätten, gibt Taubmann zu bedenken: "Da sind Riesenschlepper nötig." Das koste. "Und wohin schleppen Sie dann?"

All das zeigt für SPD-Fraktionschef Richter: "Es hätte noch viel, viel Schlimmer ausgehen können. Der Zirkus hat sich einfach an viele Dinge nicht gehalten." Zulassungskriterien zu erarbeiten, ist auch für Richter der richtige Weg. "Die Beschränkungen mögen nicht alle Fälle abdecken, aber wir haben dann ein Steuerungsinstrument." Auch die Mitgliedschaft im Zirkusverband will er trotz möglicherweise geringer Aussagekraft gecheckt wissen. Genauso müsse genauer hingeschaut werden, wie die Tiere, aber auch die Kinder im Zirkus untergebracht sind. "Und im Extremfall sage ich, habe ich kein Problem damit, die Polizei zu holen."

Keine Zwangsräumung, aber Gespräche

Weiden in der Oberpfalz

Nächster Zirkus im November

Damit das nicht mehr passiert, schlägt OB Meyer vor, die Verwaltung mit drei Dingen zu beauftragen. Erstens soll ein Wildtierverbot für Weiden formuliert werden. Zweitens sollen Zulassungskriterien erstellt werden. Drittens müsse die Widmungserklärung für die Öffentlichkeit für den Festplatz überarbeitet werden. Das Gremium stimmt zu. Einstimmig. Offen bleibt, wann alles umgesetzt werden kann. Womöglich eilt es nämlich: Der nächste Zirkus will im November in Weiden gastieren. "Ein renommierter", betont Taubmann. Die Anzahlung auf die Festplatzmiete sei geleistet.

Nach drei Monaten verlässt der Zirkus Weiden

Weiden in der Oberpfalz
Stimmen zum gestrandeten Zirkus:

Ein Zirkus, viele Meinungen

Es ist das Thema im Finanzausschuss: der gestrandete "Moskauer Circus", dessen Gastspiel die Stadt bis zu 30 000 Euro gekostet haben könnte. Da hat fast jeder etwas dazu zu sagen. Eine Auswahl:

  • "Zum Glück ist dieser Zirkus weg", sagt dritter Bürgermeister Reinhold Wildenauer. "Jetzt hoffen wir, dass der Platz wieder vernünftig genutzt wird."
  • "Mit einem Autokino auf dem Festplatz hätten wir in zwei Monaten 8000 Euro eingenommen." CSU-Fraktionschef Benjamin Zeitler
  • "Danke an die Verwaltung, dass sie sich um die großen Tiere gekümmert hat und sie artgerecht abtransportieren ließ." Stefan Gollwitzer, CSU
  • "Tiere kann man nicht artgerecht abtransportieren, Herr Kollege. Sonst müsste man sie frei laufen lassen." Roland Richter, SPD
  • "Wenn die Leute keinen Strom und kein Wasser mehr haben, reisen die doch ab oder?" Christian Deglmann, Bürgerliste
  • "Natürlich haben wir überlegt, wie komfortabel machen wir den Aufenthalt für den Zirkus. Aber da waren so viele Kinder dabei. Sollten die leiden?" Stadtkämmerin Cornelia Taubmann

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