08.07.2020 - 09:34 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Jüdin vor Nazis versteckt: Letzter Helfer nun bekannt

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Rosa Hoffmann überlebte als einzige Weidener Jüdin den Zweiten Weltkrieg – nicht ohne fremde Hilfe. In einem Brief beschreibt sie ihre Helfer, doch "der Arbeiter am Hammerweg" blieb unbekannt. Bis jetzt. Zeitzeugen erinnerten sich an ihn.

Rosa Hoffmann fand auch in Weiden am Hammerweg Schutz.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Rosa Hoffmann überlebte als einzige Weidener Jüdin den Zweiten Weltkrieg in der Stadt. Zwei Jahre wurde sie an verschiedenen Orten vor den Nazis versteckt. In einem Brief an den Onkel in Portland (USA) beschreibt sie ihre Verstecke und die Menschen, die ihr halfen. Nur einer ist nicht namentlich bekannt: Der Arbeiter am Hammerweg in Weiden. Wie sehr die Geschichte noch Teil der Gegenwart ist, zeigen Reaktionen auf den Artikel im Neuen Tag vom 21. April. In der Redaktion gingen mehrere Hinweise zur Identität des Mannes ein. Alle Zeitzeugen nannten einen Namen: Gottlieb Linz.

Brief aufgetaucht: Rosa Hoffmanns Verstecke vor den Nazis

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Mutiger Helfer: Gottlieb Linz

Auch für Historiker Dr. Sebastian Schott (Stadtarchiv Weiden) war neu, dass Linz einer von Rosa Hoffmanns mutigen Helfern war. In den Handakten des Stadtarchivs soll die Information der Zeitzeugen aber für künftige Generationen festgehalten werden. Gottlieb Linz lebte von 1891 bis 1964. Von 1948 bis zu seinem Tod war der gelernte Schreiner SPD-Stadtrat. Aus Nürnberg stammend kam Gottlieb Linz als 5-Jähriger nach Weiden. Nach seiner Ausbildung arbeitete er im Eisenbahnausbesserungswerk. In der Ausgabe des Neuen Tag vom 16. Juli 1964 findet sich ein Nachruf.

Nachruf auf Gottlieb Linz im Neuen Tag vom 16. Juli 1964.

Dort heißt es: "Wie ein Lauffeuer ging gestern die Trauerbotschaft durch die Stadt: Stadtrat Gottlieb Linz, der in der vergangenen Woche einen Schlaganfall erlitten hatte, ist gestorben!" Stadtrat und Bürgerschaft hätten einen Mann verloren, der "wegen seiner lauteren Gesinnung, steten Hilfsbereitschaft und seinem freundlich liebenswürdigen Wesen in allen Kreisen höchste Achtung und größte Beliebtheit genoss". Über seine Heldentat während des Holocaust steht dort kein Wort. Doch Zeitzeugen aus Weiden erinnern sich.

Artikel rüttelt Erinnerungen wach

Rotraut Salmen (80) aus Weiden weiß noch genau von der "sehr geheimen Aktion". Sie war damals fünf Jahre alt. "Mein Opa hat zwei Häuser entfernt vom Linz am Hammerweg gewohnt." Als Kind war sie viel bei den Großeltern gewesen und hatte mitbekommen, dass die Familie Linz eine Jüdin versteckt hatte. Der Ehemann von Rosa Hoffmann, Dr. Friedrich Hoffmann, behandelte sie, als sie krank war.

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Auch bei Angela Hummer (75) aus Pirk weckte der Artikel über Rosa Hoffmann Erinnerungen an ihre Kindheit. Gottlieb Linz war ihr Onkel mütterlicherseits. Nur schemenhaft erinnert sie sich an die Zeit als ihr Onkel einer Jüdin Unterschlupf bot und damit sein Leben riskierte: "Ich weiß, dass da ein Schrank vor einer einfachen Holztür im Keller stand. Dahinter war das Versteck." Getroffen hat Angela Hummer Rosa Hoffmann nicht. "Es wurde oft darüber gesprochen, wie gefährlich das ist, was mein Onkel tat." Genau wie Rotraut Salmen war auch die 75-Jährige aus Pirk bei Dr. Hoffmann in Behandlung. "Es gab ja kaum Ärzte in Weiden zu dieser Zeit."

"Sein Bruder musste zum Verhör"

Für den ehemaligen Sparkassenvorstand, Alfred Meiler, war Gottlieb Linz ein guter Bekannter. Linz war viele Jahre im Verwaltungsrat der Sparkasse. "Das war ein hilfsbereiter, liebenswerter Mann." In einem persönlichen Gespräch hat er Meiler sein Geheimnis anvertraut. Zwei Mal sei Rosa Hoffmann bei Linz untergetaucht. Wie der Kontakt zu Stande kam, oder warum Rosa Hoffmann ihr Versteck am Hammerweg bald verlassen musste, weiß Meiler nicht.

Kriegsende in der Oberpfalz

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Allerdings hatte er Kontakt zur Familie von Gottlieb Linz' Bruder, Wilhelm Linz. "Die sagte mir, dass Wilhelm zum Verhör musste." Gut möglich, dass die Nazis Linz auf den Fersen waren. Auf das Verstecken von Juden stand zur Zeit der Nationalsozialisten Konzentrationslager oder die Todesstrafe. Weiden galt in den letzten Kriegsjahren als judenfrei. Weshalb sich Gottlieb Linz trotz der Gefahr dazu entschied, der Jüdin das Leben zu retten, hat er vermutlich mit ins Grab genommen.

Odyssee durch viele Verstecke

Rosa Hoffmanns Odyssee durch zahlreiche Verstecke ging nach dem Aufenthalt im Hammerweg weiter. Sie kam "bei den Eltern von Fanny und Betty" in Teublitz unter und lebte über ein Jahr im Bahnwärterhäuschen des Schlossers Nikolaus Rott, ebenfalls Sozialdemokrat wie Linz. Zwischendrin bot ihr die Familie Schuller am Unteren Markt 14 (heute Wöhrl) Schutz. Die letzten Kriegstage war Rosa Hoffmanns Zuflucht die Haidmühle bei Altenstadt/WN. Bei Kriegsende war sie 47 Jahre alt. Die Ehe zu Friedrich Hoffmann zerbrach. Der Arzt stirbt 1957 im Alter von 60 Jahren in Weiden. Rosa Hoffmann lebte zehn Jahre länger und stirbt am 28. Januar 1967 im Alter von 68 Jahren. Ihr erster Brief nach dem Krieg an den Onkel in Portland (USA) ist als Kopie im Leo Baeck Institute in New York archiviert.

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