23.09.2020 - 16:41 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Georg Raithel (84) erinnert sich: "Die Bombe detonierte direkt hinter mir"

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Als am 5. April 1945 die Alliierten einen der schwersten Luftangriffe auf Weiden fliegen, entkommt Georg Raithel nur knapp dem Tod. Manch ein Blindgänger soll noch in der Erde liegen. Die Bombenentschärfung am Sonntag weckt Erinnerungen.

Georg Raithel deutet auf die Stelle, wo vor 75 Jahren eine Bombe im Stadtfriedhof explodierte. Noch heute ist die Vertiefung sichtbar.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Der Boden ist uneben und leicht abschüssig. Noch heute, 75 Jahre später, sind im nördlichen Teil des Stadtfriedhofs die Reste eines Bombentrichters sichtbar. Dort detonierte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eine der Fliegerbomben, die die US-Airforce über Weiden abwarfen. "Weitere schlugen auf dem heutigen Parkplatz beim BRK, beim Wasserwerk und unterhalb des ,Teehaus' ein", sagt Georg Raithel, dessen Vater 1945 den Steinmetzbetrieb neben dem Friedhof betrieb, im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Raithel war damals neun Jahre alt, und das Gebiet rund um die Ulrich-Schönberger-Straße 6 war der Spielplatz der Kinder. "Auf dem Friedhof spielten wir Verstecken."

Bei Fliegerangriff ausgebüxst

Als am 5. April die Sirenen heulten, suchte der Bub nicht Schutz im Keller seines Elternhauses, sondern büxste aus. Mit zwei Freunden rannte er in Richtung Orthegelmühlbach hinterm Friedhofszaun. Dort trafen sie auf Kriegsgefangene ("In der Mehrzahl junge Burschen um die 20 Jahre alt"), die sich dort vor den Luftangriffen in Sicherheit glaubten. "Die Kriegsgefangenen waren damals in den Häusern des RAW (Reichsbahn-Ausbesserungswerk) in der Prinz-Luitpold-Straße untergebracht - das eigentliche Ziel der Bomben", erinnert sich der 84-jährige Raithel. Doch an diesem Apriltag "verwehte" es die Bomben ostwärts und sie gingen beim Stadtfriedhof runter.

Raithel war, als er die alliierten Flieger am Himmel sah, nach Hause gerannt. "Ich hatte gerade die Haustür erreicht, als eine der Bomben hinter mir explodierte. Wenig später trugen sie Verwundete und Tote an mir vorbei. Es war grauenhaft." Der Angriff kostete unmittelbar sieben Menschen das Leben, zwei weitere sterben in den Tagen danach.

Sein Vater hat damals die Einschläge vom Fischerberg aus gesehen, und war froh, als er die Familie (seine Ehefrau, Sohn Georg und die beiden Töchter) wohlauf vorfand.

"Rund acht Meter Durchmesser dürfte der Bombenkrater schon gehabt haben", weiß der Senior. Von Toten, die laut Augenzeugenberichten in den Bäumen gehangen haben sollen, weiß er nichts. Aber von der Wucht der Explosion.

Altlasten aus den letzten Kriegstagen

Weiden in der Oberpfalz

Grabsteine weggeschleudert

"Einer der Grabsteine aus dem nördlichen Friedhof (Gräberfeld IX) wurde über das Leichenhaus in Richtung Südosten ins Gräberfeld V geschleudert, wo heute das Kriegerdenkmal von 1870 steht. Dort sah mein Vater damals den zerstörten Stein. Anhand des eingravierten Namens konnten wir das Grab zuordnen. Es lag im Bombentrichter." Raithel hält inne und schüttelt den Kopf. "Jeder Krieg ist eine schlimme Zeit. Und für was? Für nichts."

Am Sonntag nun sollen mögliche Blindgänger von damals entschärft werden. Auch der 84-Jährige, seine Frau und seine Schwester werden evakuiert. "Vermutlich kommen wir bei meinem Sohn unter", sagt Raithel. Ein mulmiges Gefühl hat er nicht. "Es muss halt sein."

Als gelernter Steinmetz und Steinhauer kennt Georg Raithel auf dem Stadtfriedhof fast jedes Grab. Rechts ist das Kriegerdenkmal von 1870 zu sehen.
Georg Raithel vor seinem Wohnhaus, Ulrich-Schönberger-Straße 6, in Sichtweite zum Stadtfriedhof.

Bombensuche: Klinikumbetrieb läuft weiter

Weiden in der Oberpfalz
Seit Mitte der 1930er Jahre befindet sich der Steinmetzbetrieb Raithel neben dem Stadtfriedhof Weiden. Gegründet wurde das Unternehmen 1926 in der Prinz-Ludwig-Straße.

470 Mal Fliegeralarm

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Info:

Steinmetzbetrieb in vierter Generation

  • Thomas Raithel (geb. 1881) stammt aus Oberfranken und arbeitete in Weiden als Steinmetz. Vor allem in den Wintermonaten gab es kaum Arbeit. Relativ spät entschloss er sich zur Meisterprüfung 1926 und machte sich in der Prinz-Ludwig-Straße selbstständig. Mitte der 1930er Jahre erfolgte der Umzug in die Ulrich-Schönberger-Straße.
  • Von den sechs Kindern erlernte Georg Raithel (geb. 1936) das Steinmetzhandwerk. Als er 16 Jahre alt ist, stirbt sein Vater. Raithel besucht die Meisterschule in München, um den Betrieb zu übernehmen.
  • Seit rund 15 Jahren führt Georg Raithels Sohn Thomas das Unternehmen. Mit dessen Sohn Wolfgang ist zudem bereits die vierte Generation am Start. (shl)

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Kommentare

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Stefan Srp

Sehr geehrte Frau Stephanie Hladik,
"Die Kriegsgefangenen waren damals in den Häusern des RAW (Reichsbahn-Ausbesserungswerk) in der Prinz-Luitpold-Straße untergebracht - das eigentliche Ziel der Bomben"
Warum wollte die Amerikaner Kriegsgefangene ermorden?
Sehr seltsam aber aufschlussreich

25.09.2020