29.10.2020 - 18:42 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Gastronomen zwischen Hoffnung und Existenzangst

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"Das ist irrsinniger Schmarrn", sagt Jürgen Pufke. Der Inhaber des Restaurants Zoe am Unteren Markt in Weiden ärgert sich über den Lockdown der Gastronomie ab Montag. Er und weitere Gastronomen berichten von Hoffnung und Existenzangst.

Nur eine begrenzte Zahl an Plätzen und Tischen, strenge Hygienekonzepte, Gästelisten: Die Gastronomie hat sich mit zahlreichen Auflagen durch den Coronasommer gekämpft. Ab Montag heißt es allerdings nicht mehr „reserviert“, sondern „geschlossen“.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Jürgen Pufke, Inhaber des Restaurants Zoe am Unteren Markt, muss nicht lange überlegen, was er von dem am Mittwoch beschlossenen Lockdown der Gastronomie hält: „Das ist irrsinniger Schmarrn.“ Er kann die Entscheidung nicht nachvollziehen und sieht die Gastronomen am Pranger. „Laut Robert Koch Institut kommen nur 0,5 Prozent der Infektionen nachweislich aus der Gastronomie.“ Für Pufke zu wenig, um einen Gastro-Lockdown zu begründen. Wie viele Kollegen befürchtet er, dass die Menschen sich nun vermehrt in privaten Räumen treffen – ohne Hygienekonzept.

Dass er einen Abhol- oder Lieferservice anbietet, sieht der Gastronom nicht kommen. „Ein Rinderfilet für 28 Euro in einer Pappschachtel? Das brauche ich nicht machen. Ich kann meine Gäste im Moment nicht glücklich machen. Ich habe außerdem Verantwortung für zehn oder zwölf Leute. Der kann ich derzeit nicht gerecht werden.“ Urlaub habe sein Team längst abgebaut, daher blieben nur noch Kurzarbeit oder ein Aushilfsjob.

Akute Existenzangst hat der Zoe-Chef nicht, jedenfalls noch nicht. „Für uns geht es auf jeden Fall weiter. Das Problem ist eher psychisch. Ich habe schon Angst davor, was in Zukunft mit der Gastronomie passiert und wie Weihnachten wird. Für uns ist der Dezember der beste Monat. Ich hatte damit gerechnet, das beste von acht Jahren zu haben. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass mir verboten wird, das zu tun, was ich am besten kann. Jetzt ist es schon zum zweiten Mal der Fall.“

"Ich hätte mir nie träumen lassen, dass mir verboten wird, das zu tun, was ich am besten kann. Jetzt ist es schon zum zweiten Mal der Fall", sagt Jürgen Pufke vom Restaurant Zoe in Weiden.

"Ist mir sehr schwer gefallen"

Von extremen Einbußen berichtet Ilona Forster von der Gaststätte im Schätzlerbad. „Wir sind das ganze Jahr am Limit und nur am Kosten deckeln.“ Sie hat daher schon vor der Lockdown-Entscheidung reagiert und ihr Lokal geschlossen. Und das soll auch noch viel länger so bleiben, als es die Politik aktuell vorschreibt. „Wir werden erst im nächsten Jahr wieder öffnen“, sagt sie. Sie hoffe darauf, im März oder April durchstarten zu können. „Aber damit ich das kann, musste ich jetzt zumachen. Das ist mir sehr schwer gefallen.“ Sie habe Existenzängste. „Das geht auf die Psyche“, sagt sie wie zuvor schon Jürgen Pufke. Ihr Koch befinde sich in Kurzarbeit, Aushilfen seien ausgestellt.

Durch den ausgefallenen Badebetrieb seien in der Hauptsaison Gäste weggefallen. Geburtstags- und Weihnachtsfeiern, die eigentlich über den Winter helfen, seien storniert worden. „Im August und September hat uns die riesige Terrasse ein bissel gerettet. Jetzt will keiner drinnen sitzen. Die Leute sind verhalten.“ Forster hat alle Geräte abgesteckt: Spül- und Kaffeemaschine, Fritteuse und den Pizzaofen. „Mir blieb nichts anderes. Sobald ich die Türe aufsperre, produziere ich ja Kosten.“

Optimismus und Kreativität

„Relativ optimistisch mit ein bisschen Angst vor dem Winter.“ So beschreibt Nina Schaumberger von "Nina & Velja’s" ihre Stimmung. „Es war eh klar, dass der Lockdown kommt. Wir wollten angesichts der hohen Infektionszahlen in Weiden auch nicht pushen, dass möglichst viele Leute ins Lokal kommen“, erzählt sie. Deshalb habe sich das Paar entschieden, wie schon im Frühjahr die Speisen nur noch zum Liefern oder Abholen anzubieten. „Wir haben für Dezember Feiern von kleinen Firmen im Kalender. Ob das so bleibt, steht in den Sternen. Wir wollen die Schließung nur beibehalten, wenn wir müssen.“ Die Entscheidung der Politik sei für die Gastronomie „richtig hart. Aber lieber jetzt als später wieder ewig lang. Hoffentlich zeigt sich bald ein Effekt“. Die Mitarbeiter haben Glück: „Wir haben niemanden in Kurzarbeit oder entlassen.“

Dass sie von der durch die Politik versprochenen Entschädigung profitieren wird, bezweifelt die Gastronomin. „Ich befürchte, dass wir wie schon im Frühjahr durchrutschen werden. Zudem sind wir sehr gewachsen im Vergleich zum Vorjahr. Daher ist der November 2019 zum Beispiel bei den Personalkosten gar nicht mit heute vergleichbar.“ Der Vorjahresmonat soll als Richtwert für eine Entschädigung herangezogen werden. Schaumberger und ihr Team versuchen, mit Optimismus und Kreativität durch die schwere Zeit zu kommen. So werde statt des zweiwöchig stattfindenden Brunchs eine Mitnehm-Box angeboten, um das späte Frühstück zu Hause zubereiten zu können.

Nina Schaumberger und Velja Krstic gehen mit vorsichtigem Optimismus und Kreativität in den November.

"Viele haben keine Lust mehr"

„Wenn es sein muss, geht Gesundheit vor Wirtschaft“, sagt ein Wirt aus Weiden, der namentlich nicht genannt werden möchte. Auch er macht sich große Sorgen. „Es wird langsam eng. Ich habe die Hälfte meiner Altersvorsorge schon an die Bank gegeben.“ Er wisse nicht, wie es weitergeht, auch für seine Mitarbeiter. „So eine Berg- und Talfahrt kann kein Gastronomie-Betrieb auf Dauer aushalten.“ Manch einer aus Gastronomie und Einzelhandel in Weiden habe Tränen in den Augen, wenn er über die aktuelle Lage spreche. „Viele haben keine Lust mehr. Mir tun vor allem die Neuen leid, die erst in den letzten Jahren aufgemacht haben und noch Kredite an der Backe haben“, sagt er. „Es sieht nicht so rosig aus.“

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Im Blickpunkt:

Das gilt ab Montag in der Gastronomie

  • Ab Montag, 2. November, müssen Restaurants und Lokale, aber auch Clubs, Diskotheken, Kneipen und ähnliche Einrichtungen geschlossen bleiben.
  • Ausgenommen sind Betriebe, die die Lieferung oder Abholung von Speisen für den Verzehr zu Hause anbieten sowie der Betrieb von Kantinen.
  • Die Beschränkungen gelten vorerst für den gesamten Monat November.
  • Der Bund hat für die betroffenen Betriebe eine außerordentliche Wirtschaftshilfe in Höhe von zehn Milliarden Euro beschlossen, um für finanzielle Ausfälle zu entschädigen. Sie soll auch Selbstständigen, Vereinen und anderen Einrichtungen zugute kommen.
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