17.04.2020 - 14:55 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener erlebt New York während Coronakrise

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Er reiste in die USA für ein Filmprojekt, doch gerade sitzt der gebürtige Weidener Stefan Zierock vor allem in einer Wohnung in Brooklyn, New York. Im Interview erzählt der 38-Jährige von der Atmosphäre in der Stadt während der Coronakrise.

Anstatt die USA und New York zu erkunden, erstreckt sich der Radius, in dem sich der Weidener Stefan Zierock in New York bewegt, von seiner Wohnung in Bushwick bis zum East River, der Brooklyn von Manhattan trennt. Im Interview erzählt er, wie er den Ausnahmezustand in New York wahrnimmt.
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

Bushwick ist ein beliebtes Szeneviertel in Brooklyn, New York. Dort wohnt gerade der gebürtige Weidener Stefan Zierock. Doch von der Kulturszene hat der freie Journalist und Drehbuchautor, der sein Abitur am Kepler-Gymnasium machte, gerade nicht viel. Vor allem in New York wütet die Coronakrise besonders stark.

ONETZ: Welche Auswirkungen hat die Coronakrise in den USA auf dein Leben, deinen Alltag dort?

Stefan Zierock: Ich kann zum Glück vieles, was mit Recherche und Schreiben zu tun hat, weiterhin machen. Aber ansonsten hat sich mein Alltag wie auch für die meisten Menschen schlagartig und drastisch geändert. Ich geh einmal pro Tag Laufen oder Spazieren, ansonsten bin ich alleine zu Hause. Das ständige Alleinsein ist nicht ohne, aber andererseits in einer Stadt wie New York, wo 28.000 Menschen auf eine Quadratmeile kommen, auch ein Privileg.

ONETZ: Wenn man die Berichterstattung liest, wirkt New York im absoluten Ausnahmezustand. Feldlazarett im Central Park, Hunderte sterben täglich, Kühltransporter als temporäre Leichenhallen. Nimmst du das auch so wahr?

Stefan Zierock: Ich erlebe die Stadt nur noch zu Fuß, ungefähr von hier bis zum East River, der Brooklyn von Manhattan trennt. Da sehe ich vor allem fast leere Straßen, Menschen mit Mundschutz und den Frühling...eine bizarre Atmosphäre. Verglichen damit, was hier normalerweise los ist, ein absoluter Ausnahmezustand, ja.
Die vielen Basketballplätze überall sind so gut wie unbenutzt und in den Parks ist es auch leerer geworden, trotz der Frühlingstemperaturen. Und das zeigt seine Wirkung. Vor einigen Tagen hat der Governor von New York State, Andrew Cuomo, zum ersten Mal verkündet, dass die Zahlen der neuen Krankenhausaufnahmen nahezu gleichbleiben. Es scheint als hätte die Stadt den Höhepunkt erreicht.
Meine Wahrnehmung ist, dass in Deutschland vor allem die Schreckensnachrichten aus New York, die rasante Ausbreitung des Virus, die vielen Todesfälle und die schrecklichen Zustände in manchen Krankenhäusern ankommen. Das ist natürlich alles unglaublich schlimm. Seit einigen Wochen wird aber auch sehr viel unternommen. Man hat provisorische Krankenhäuser mit tausenden zusätzlichen Betten errichtet und Beatmungsgeräte besorgt. Mittlerweile sieht es zum Glück danach aus, dass sie ausreichen.

ONETZ: Hier in Deutschland gibt es auch schöne Momente der Krise, auch wenn das erst einmal makaber klingt. Zeichen, Gesten, die Hoffnung geben oder viele Helfer. Hast du das auch in New York beobachtet?

Stefan Zierock: Absolut. Zum Beispiel haben sich bis jetzt rund 90.000 Menschen freiwillig gemeldet, in den New Yorker Krankenhäusern auszuhelfen, 25.000 davon aus anderen Bundesstaaten. Andere übernehmen Einkäufe für ältere Menschen, damit die zu Hause bleiben können, oder nähen Mundschutze, die sie spenden.
Vielen scheint es auch wirklich gut zu tun, dass das ständige "Höher, schneller, weiter" endlich mal eine Auszeit hat. Und das faszinierende an der Situation ist ja auch, dass sie den halben Planeten zugleich betrifft. Das verbindet. Wir sitzen quasi alle im selben Boot.

ONETZ: Stimmt. Auch eine Form von Gleichheit.

Stefan Zierock: Einerseits ja. Andererseits zeigt diese Krise auch wieder sehr deutlich, welche Ungleichheiten bestehen. Unter den Covid-19-Todesfällen in New York sind die meisten Latinos und Schwarze. Das ist kein Zufall, sondern Folge einer strukturellen Benachteiligung. Angehörige von Minderheiten haben es oft schwerer, eine Krankenversicherung zu bekommen. Zugleich arbeiten viele an der "Front", etwa als Busfahrer oder Kassierer, wohnen auf engem Raum zusammen oder haben Vorerkrankungen wie Diabetes.

ONETZ: Was ist dein Plan? Fühlst du dich wohl in New York und willst weiter dort bleiben oder willst du zurück nach Deutschland per Rückholprogramm?

Stefan Zierock: Ich fühle mich sicher und wohl, weil ich viel Platz habe. Deshalb sehe ich bisher keinen zwingenden Grund nach Deutschland zu reisen. Aber niemand weiß, wie lange der Ausnahmezustand noch andauern wird. Wir werden sehen.

ONETZ: Als Trump 2016 die Präsidentschaftswahl gewann, warst du glaub ich auch in den USA und hattest das damals schon stark befürchtet, während für mich das sehr abwegig war. Wie siehst du die Chancen diesmal?

Stefan Zierock: Stimmt, damals war ich auch hier und nicht ganz so überrascht wie viele. Im Moment ist schwer zu sagen, wie es diesmal ausgehen wird. Vor der Krise sind hier viele schon von einer Wiederwahl Trumps ausgegangen. Inzwischen hat sich die Welt verändert, Joe Biden ist quasi schon sicher als demokratischer Herausforderer und hat wie es aussieht durchaus Chancen. Viel wird davon abhängen, wie Amerika aus dieser Krise herauskommt und wie Trump am Ende dabei wahrgenommen wird.

ONETZ: Ich weiß, du beschäftigst dich viel mit Musik. Welcher Song passt zu dieser Zeit, die du gerade erlebst?

Stefan Zierock: Haha also zu meinem Soundtrack dieser Tage zählt auf jeden Fall der Song "How Long" von Ace.

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