24.08.2020 - 14:57 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Beratungsstelle von Dornrose bietet Vergewaltigungsopfern Hilfe

"Viele Vergewaltigungsopfer glauben, sie seien selbst schuld", sagt Ilkay Gebhardt. Mit diesem Mythos will die Beratungsstelle von Dornrose aufräumen. Sie bietet den Betroffenen zugleich Unterstützung an.

Sie stehen Opfern von sexualisierter Gewalt mit Rat und Tat zur Seite: (von links) Psychologin Ilkay Gebhardt, Elisabeth Scherb, Leiterin der Beratungsstelle Dornrose in Weiden und die neue Kraft, Sozialarbeiterin Juliane Mahler.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

1135 Fälle von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung weist die polizeiliche Kriminalstatistik für 2019 in Bayern aus. "Dabei geht die Forschung davon aus, das nur 5 bis 15 Prozent aller Vergewaltigungsopfer dies auch anzeigen", erklärt Elisabeth Scherb. Es gibt kein typisches Verhalten während oder nach einer Vergewaltigung, betont die Leiterin der Weidener Fach- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt.

"Viele Frauen glauben, sie seien selbst schuld, weil sie in eine Schockstarre verfallen sind und sich nicht gewehrt haben", fügt die Psychologin Ilkay Gebhardt hinzu. Doch das ist falsch. Mit der Reform des Sexualstrafrechts 2016 habe auch der Gesetzgeber dem Rechnung getragen. Seitdem gilt, so Scherb: "Nein heißt Nein." Schon der Versuch einer sexuellen Nötigung sei strafbar. Ausschlaggebend sei allein der erkennbare Wille der Frau. So manches Opfer verzichte auf Gegenwehr, um die Situation zu überleben. Das sei verständlich. "Es gibt hier kein richtig oder falsch."

Täter meist aus sozialem Umfeld

Fest stehe, dass die meisten Vergewaltigungen ebenso wie andere sexualisierte Straftaten im sozialen Umfeld geschehen. Also in der Familie, in Vereinen oder am Arbeitsplatz. "Unabhängig von Alter, Aussehen, Kleidung oder Status des Opfers", betont Scherb. Das Team von Dornrose will die Betroffenen nicht zur Anzeige überreden. "Es ist in Ordnung, wenn eine Frau sich dagegen entscheidet." Falls die Betroffene sich aber doch dazu entschließt, sollte sie einige Aspekte beachten. Als Hilfestellung haben die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle eine neue Broschüre erstellt, in der sowohl die Opfer als auch Unterstützer wichtige Informationen finden (siehe auch Hintergrund).

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Weiden in der Oberpfalz

Die Idee dazu kam von Vorsitzender Ulrike Weber. Umgesetzt wurde das Projekt federführend von der Sozialpädagogin Sophia Zeitler, die inzwischen zum Frauennotruf Regensburg gewechselt ist. Begeistert ist das Team auch über die Gestaltung durch die Kommunikationsdesignerin Manuela Stark, der das Projekt nach eigenen Angaben sehr am Herzen lag und die - so Scherb - "richtig viel Zeit investiert hat". Ebenso wie Ilkay Gebhardt bei der Erstellung der neuen Homepage von Dornrose. Das Team habe die Zeit des Corona-Lockdowns für diese Projekte intensiv genutzt.

Wichtige Aspekte

Falls sich ein Vergewaltigungsopfer entschließen sollte, Anzeige zu erstatten, seien unter anderem folgende Schritte hilfreich: Ein Gedächtnisprotokoll, die Unterstützung durch einen Anwalt oder eine Anwältin, die Anzeige sollte direkt bei der Kriminalpolizei erstattet werde, wobei es möglich sei, eine Vertrauensperson mitzunehmen. Dornrose rät außerdem dringend dazu, Täterkontakt zu vermeiden und unangenehme Details keinesfalls zu verschweigen. Auf Antrag könne der Frau auch eine psychosoziale Prozessbegleitung zur Seite gestellt werden. Scherb: "In Weiden hat Marianne Kleber-Meierhöfer eine entsprechende Ausbildung, die frühere Leiterin des Frauenhauses."

Die meisten Frauen, die in der Beratungsstelle von Dornrose Hilfe suchen, haben sexualisierte Gewalt in ihrer Kindheit erlebt und wenden sich erst Jahre später an die Expertinnen. Das sei verständlich, verweist Elisabeth Scherb auf Scham, Angst oder falsche Schuldgefühle. Vorwürfe seien hier fehl am Platz, mahnt sie auch Unterstützer vor Aussagen wie: "Hättest du doch früher etwas gesagt." Wichtig sei, dass diese Frauen sich überhaupt Hilfe suchen. Denn die psychischen Belastungen einer Vergewaltigung sind enorm.

Hintergrund:

"Vergewaltigung – was tun?"

Mit der neuen Broschüre "Vergewaltigung – was tun?" gibt die Beratungsstelle Dornrose Betroffenen und Unterstützern umfangreiche Informationen an die Hand über erste Anlaufstellen, gesetzliche Hintergründe, Traumareaktionen und was bei Anzeigenerstattung und Vernehmung beachtet werden sollte.

Die wichtigsten Tipps, wenn sich die Frauen zu einer Anzeigenerstattung entschließen sollten oder sie zumindest erwägen, lauten:

Achten Sie darauf, dass Sie nicht ungewollt Beweismittel vernichten.

Unterwäsche, zerrissene Kleidung und Bettwäsche sollten ungewaschen und nach Möglichkeit in Papiertüten getrennt aufbewahrt werden.

Trotz Ihres verständlichen Ekels ist es sinnvoll, wenn Sie sich vor der ärztlichen Untersuchung nicht waschen.

Wenn es Ihnen möglich ist, vielleicht mit Unterstützung einer Person Ihres Vertrauens, halten Sie Ihre Erinnerungen an die Tat schriftlich in Form eines Gedächtnisprotokolls fest.

Die Broschüre kann kostenlos bei Dornrose e.V. in Weiden, Goethestraße 7, angefordert oder abgeholt werden. Außerdem wird sie demnächst in Rathäusern, im Klinikum Weiden und bei Frauenärzten aufliegen.

Hintergrund:

Neue Mitarbeiterin: Juliane Mahler

Mit der Sozialarbeiterin Juliane Mahler hat die Beratungsstelle des Vereins Dornrose in Weiden eine neue Mitarbeiterin. Die 30-Jährige folgt auf Sozialpädagogin Sophia Zeitler, die inzwischen beim Frauennotruf Regensburg tätig ist. Mahler stammt aus Halle und hat während ihres Studiums in Merseburg bereits als Ehrenamtliche in der Aids-Hilfe praktische Erfahrungen gesammelt. Seit November 2019 lebt sie in Weiden, war zunächst in einer therapeutischen Jugendwohngruppe im Einsatz und wechselte zum 1. Juli 2020 zu Dornrose.

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