14.06.2021 - 09:24 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Tod im Flutkanal: Aufwendiger Strafprozess in Weiden beginnt

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Der große Saal im Schwurgericht Weiden dürfte am 15. Juni sehr voll sein. Dort beginnt die Hauptverhandlung im sogenannten Flutkanal-Prozess. Es geht um die Frage, warum drei junge Leute einen Kumpel nicht vor dem Ertrinken gerettet haben.

Ein Metallkreuz markiert die Stelle am Flutkanal in Weiden, wo im Spätsommer 2020 ein junger Mann ertrank - mutmaßlich vor den Augen seiner Freunde, die ihn möglicherweise hätten retten können. Die drei müssen sich ab Montag vor Gericht verantworten.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Der Flutkanal in Weiden ist ein in Steinmauern gezwungenes Stück Waldnaab, das dem Fluss seit dem 19. Jahrhundert seine Geschwindigkeit nimmt und die umliegenden Felder und Wohnungen in Weiden vor Hochwasser schützt. Das Wasser wälzt sich dort langsam und ohne Tiefe Richtung Süden. Doch dieses harmlose Gewässer unweit der Weidener Altstadt wurde in der Nacht vom 11. auf 12. September 2020 zur Todesfalle für einen 21-Jährigen aus Sulzbach-Rosenberg.

Warum das so ist, wollen Landgerichtspräsident Gerhard Heindl und seine Kollegen Oliver Gruber und Matthias Bauer von drei jungen Menschen zwischen 22 und 25 Jahren aus Sulzbach-Rosenberg und Weiden wissen. Sie waren in der Todesnacht mit dem 21-Jährigen unterwegs auf Kneipentour in Weiden. Ihnen wird vorgeworfen, ihren Begleiter in einer Notsituation im Stich gelassen zu haben. Die Anklage läuft auf Totschlag durch Unterlassen hinaus. Juristisch heißt dies Haft. Der entsprechende Paragraf sieht eine Mindeststrafe von fünf Jahren vor. Eventuell käme wohl auch Aussetzung mit Todesfolge in Betracht. Darauf steht eine Mindeststrafe von drei Jahren.

Hilflos nach Zechtour

Sinngemäß verhandelt die Staatsanwaltschaft folgendes Szenario: Drei junge Männer aus Sulzbach besuchen am Freitag, 11. September 2020, eine gemeinsame Freundin in Weiden, um mit ihr auszugehen. Bereits während der Fahrt spricht das spätere Opfer kräftig dem Alkohol zu. Obwohl sie wussten, dass er Diabetiker war, verleiteten ihn die Begleiter beim anschließenden Besuch einer Shisha-Bar weiterhin zum Trinken.

Als die vier die Bar verließen, waren die Angeklagten nüchtern beziehungsweise nur leicht alkoholisiert, der später Ertrunkene hatte aber wohl laut Obduktion mindestens 2,39 Promille im Blut. Weil außerdem Cannabis im Spiel gewesen sein soll, war der 21-Jährige mehr oder minder orientierungslos.

Das Quartett machte sich gegen 22 Uhr auf den Rückweg zum Parkhaus in der Friedrich-Ebert-Straße, direkt neben dem Flutkanal. Was danach geschah, wird im Mittelpunkt des Prozesses stehen: Offenbar fiel der Betrunkene die Böschung zum Ufer hinunter. Die junge Frau und einer der Männer stiegen zu ihm runter, der Dritte blieb oberhalb stehen und bat die anderen beiden, dem Hilflosen Beistand zu leisten. Dabei soll der Betrunkene zu der jungen Frau gesagt haben: "Mir geht's nicht gut."

Gelächter statt Beistand

Statt ihm beizustehen, sollen die anderen dies mit Gelächter kommentiert haben. Die Staatsanwaltschaft stützt sich bei diesem Vorwurf auf ein Handyvideo der jungen Frau, das sie in dieser Situation gemacht hat. Das spätere Opfer soll zu dieser Zeit auf dem Bauch gelegen haben und kaum fähig gewesen sein, den Kopf zu heben. Dabei hätten ihn die anderen drei ohne Weiteres aus der Gefahrenzone, sprich weg vom Wasser, ziehen können. Stattdessen soll sich der Betrunkene aufgerichtet haben und mit dem Rücken voran in den Flutkanal gefallen sein. Auch davon existiert ein Handyfilmchen.

Die "Freunde" hätten unbedingt erkennen müssen, dass der Man zu ertrinken drohte. Ohne selbst groß etwas zu riskieren, hätten sie ihn aus dem Wasser befördern können. Stattdessen setzen sie sich gegen 22.45 Uhr ins Auto und fuhren nach Hause. Erst am nächsten Tag, Samstag 12. September, meldeten sie ihren Gefährten als vermisst. Am Nachmittag des gleichen Tages fanden Rettungskräfte den Toten unweit der Stelle, wo er in den Kanal gefallen war.

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Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Daten und Fakten zum Prozess

  • Elf Verhandlungstage: 15., 17., 18.,21., 22., 24., 28. Juni sowie 1., 2., 5., 8. Juli
  • Je zwei Rechtsanwälte für jeden der drei Beschuldigten: Christian Krause aus Nürnberg, Florian Münch aus Regensburg, Tobias Konze aus Weiden, Andre Miegel aus Duisburg, Burkhard Schulze aus Weiden und Jan Bockemühl aus Regensburg
  • Zeugen: Beobachter des Geschehens, Kneipenbesucher, Gerichtsmediziner, ein psychiatrischer Gutachter, Eltern und andere Verwandte, Polizeibeamte

 

 

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