16.10.2020 - 16:41 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Sieben Versammlungen an einem Tag: Wird Weiden zum Corona-Demo-Hotspot?

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Die Max-Reger-Stadt ist Corona-Hotspot. Und am Samstag, 24. Oktober, könnte sie auch noch zum Brennpunkt für Corona-Demos und -Gegendemos werden. Jetzt legen die ersten Veranstalter ihre Pläne auf Eis. Nicht aber der Hauptakteur.

Die bisher größte Corona-Demo der Stadt: Rund 300 Gegner der Schutzmaßnahmen protestieren im Mai vor dem Alten Rathaus für "Grundrechte". Masken tragen die wenigsten.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Helmut Bauer lässt sich nicht beirren. Auch nicht von dramatisch gestiegenen Infektionszahlen. Bauer, Chef der Gruppe "Querdenken 961 Weiden", spricht nicht von einer Corona-Pandemie, sondern von "Corona-Hysterie". An seiner großen Kundgebung am 24. Oktober am Festplatz will er unbedingt festhalten. Die Überschrift lässt keine Fragen offen: "Beenden der Corona-Maßnahmen – Weg mit der Maske". Und falls die Stadt die bereits erteilte Genehmigung noch zurückziehen sollte? Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien verweist der Eslarner auf "300 Rechtsanwälte" hinter der Querdenken-Bewegung. Notfalls werde geklagt.

Die Situation am Freitag

Weiden in der Oberpfalz

Bauer, vormals eifriger Streiter gegen die "Klima-Lüge", war vor Wochen der erste, der für nächsten Samstag eine Kundgebung anmeldete. Eine ganze Reihe weiterer Versammlungsanzeigen folgte, sowohl von Gleichgesinnten Bauers als auch von entschiedenen Gegnern. Bis zu 200 Teilnehmer will Bauer selbst seinen offiziellen Angaben zufolge auf den neuen Festplatz an der Conrad-Röntgen-Straße lotsen. Von 12 bis 14 Uhr ist ein Auto- und ein Fahrrad-Corso geplant, von 15 bis 18 Uhr die eigentliche Kundgebung.

Demo neben Testzentrum

Wie Stadtsprecherin Roswitha Ruidisch bestätigt, ist für den Festplatz zudem eine "Querdenken"-Demo angemeldet, allerdings spricht einiges dafür, dass diese deckungsgleich mit Bauers Veranstaltung ist. Angekündigt sind Sprecher wie "Querdenken"-Pionier Michael Ballweg. In der Nähe des Festplatzes will laut Stadt ferner die Initiative "Bierrausch statt Gehirnwäsche – für bayerisches Brauchtum" aufmarschieren. Damit, so Bauer habe er ebensowenig zu tun wie mit der Veranstaltung „Frieden und Selbstbestimmung“ ab 11Uhr. Auf dem Parkplatz des Festplatzes sollen sich zudem Gegendemonstranten treffen – unter dem schönen Namen "Wir nehmen Michael den Ball weg". Das alles also in unmittelbarer Nähe zum Corona-Testzentrum von Stadt und Landkreis.

Helmut Bauer meldet die Kundgebung an

Weiden in der Oberpfalz

Damit aber nicht genug – auch in der Mitte der Stadt könnte einiges geboten sein. Vor allem dort wollen sich die Gegner der Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker versammeln. "Meinungsfreiheit ja, Recht auf falsche Wahrheiten nein" – so ist ein "Informations- und Kulturhappening" mit Reden und Musik vor dem Pavillon des Max-Reger-Parks überschrieben, auf die Beine gestellt von der neuen Weiden-Neustädter Gruppe des "Oberpfälzer Bündnisses für Toleranz und Menschenrechte". Nachdem Gruppen in den Landkreisen Amberg-Sulzbach, Schwandorf und Cham schon länger aktiv sind, formierten sich im September rund 40 Bürger zum regionalen Bündnis. "Wir sehen uns als Ergänzung zu den bestehenden Gruppen wie ,Runder Tisch für neues Engagement' und ,Weiden ist bunt'", erklärt Initiator Hans Lauterbach. Hauptmotivation: "Der Druck von Rechts wird immer stärker. Da braucht's Widerspruch." Und der soll "jünger, kreativer sein, sich mehr ins Netz verlagern". Vor allem Schüler will Mitstreiterin Klara Werner für die Themen begeistern. Zielpublikum soll aber "die ganze Zivilgesellschaft" sein, quer durch alle Schichten und Altersgruppen, wie Hilde Lindner-Hausner ergänzt.

Oberpfalzbündnis: Planungen gestoppt

Und in der Startphase bedeutet das nun eben, den Coronaleugnern die Stirn zu bieten. Am 24. Oktober mit dabei, sowohl direkt beim Festplatz als auch im Park, wären laut Lauterbach unter anderem SPD, Grüne, Linke, Jusos, Schaltlücke, Sündikat und Rio-Raum. Allerdings legt das Bündnis nun sämtliche Pläne auf Eis. Grund ist natürlich das dramatisch verschärfte Infektionsgeschehen in Weiden. "Die Planungen sind erstmal gestoppt", betont der Initiator. Stand jetzt, "wäre es unverantwortlich, an den Veranstaltungen festzuhalten". Erwogen würden noch andere kreative Arten des Protests, etwa Aktionen im Internet wie ein Aufruf auf Facebook oder Instagram, "Maske zu zeigen" und so Zeichen gegen die "Querdenker" zu setzen. Ausscheren wird die Initiative Arbeit und Leben, die von 12 bis 14 Uhr beim Neuen Rathaus mit einem Infostand unter dem Titel "Helden tragen Masken" präsent sein will. Daran halte man fest, informiert Geschäftsführer Herbert Schmid. Der Stand liefere den Hintergrund für eine Plakataktion im gesamten Stadtgebiet.

Laut Stadtsprecherin Ruidisch müsste wegen der neuen Allgemeinverfügungen zum Infektionsschutz noch keine der angemeldeten Versammlungen abgesagt werden. Für nächste Woche sei jedoch mit einer Verschärfung durch den Freistaat zu rechnen. Und falls Kundgebungen auch dann noch möglich sind? Hans Lauterbach appelliert schon mal an Stadtverwaltung und Polizei, auf jeden Fall dafür zu sorgen, dass Bauers Demo am 24. Oktober "nicht zum Superspreader wird".

Maske muss sein: Die Mitstreiter des Oberpfälzer Bündnisses für Toleranz und Menschenrechte organisieren den Widerstand gegen die "Querdenker"-Demo. Von links: Immanuella Leo, Initiator Hans Lauterbach, Klara Werner und Hilde Lindner-Hausner.
Geplante Veranstaltungen am 24. Oktober:

Demos und Gegendemos

Folgende Versammlungen sind bei der Stadt Weiden für den 24. Oktober angemeldet.

  • „Beenden der Corona-Maßnahmen, weg mit der Maske“: 12 bis 14 Uhr Autocorso, 15 bis 18Uhr Querdenken-Kundgebung auf dem neuen Festplatz

  • „Frieden und Selbstbestimmung“ ab 11 Uhr (Näheres noch nicht bekannt)
  • „Querdenken“, Nähe Festplatz (möglichweise deckungsgleich mit "Beenden der Corona-Maßnahmen")
  • „Bierrausch statt Gehirnwäsche – für bayrisches Brauchtum“, Nähe Festplatz
  • „Wir nehmen Michael den Ball weg“ (Oberpfalzbündnis für Toleranz und Menschenrechte), Parkplatz Festplatz
  • „Helden tragen Masken“ (Arbeit und Leben), Infostand vor dem Neuen Rathaus
  • „Meinungsfreiheit ja, Recht auf falsche Wahrheiten nein“ (Oberpfalzbündnis), Pavillon im Max-Reger-Park
Kommentar:

Her mit der Maske

Die Weidener 7-Tage-Inzidenz bewegt sich auf erschreckende 100 zu. Und Helmut Bauer hält an einer Kundgebung fest, die schon im Titel fordert: "Weg mit der Maske". 90 Prozent der Menschen hätten die Nase voll von der "Corona-Hysterie", durch die der Staat die Gängelung seiner Bürger rechtfertige. Sagt Bauer. Für einen erklärten Querdenker ist er doch ein ziemlicher Sturkopf: Den Aufmarsch der Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker am 24. Oktober am Festplatz will er notfalls per Klage durchsetzen. Es ehrt Bauers Gegner, dass sie ihre Pläne zum Präsenzprotest auf Eis legen und sich erstmal auf kreativen Widerstand im Internet konzentrieren. Auf dem Weg zum Termin mit ihnen am Donnerstagmorgen beim Unteren Tor bemerke ich Erstaunliches. Obwohl die Meldung zur kommenden Maskenpflicht in der Weidener Fußgängerzone noch frisch ist, ist kaum ein Passanten ohne Mund-/Nasenschutz unterwegs. Ein Bild, das sich auch im Laufe des Tages nicht ändert. Mein Eindruck: Mindestens 90 Prozent der Bürger will sich schützen und geschützt werden. Die Vernunft siegt über "Querdenken".

Ralph Gammanick

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M. S.

Die meisten Informationen werden zurzeit über das Internet verbreitet und verteilen sich binnen Sekunden über die ganze Welt.
So manchem fällt es da schwer, fundierte wissenschaftliche Nachrichten als solche zu erkennen.
Unwissenheit macht Angst und führt schon seit Generationen zu falschen Schlüssen und ihren fatalen Folgen.

Empfehlenswert ist die Sendung auf ZDF "Ein Fall für Lesch & Steffens" vom 18.10.2020 um 19:30 Uhr mit dem Thema "Die Wahrheit über die Lüge".

Ich durfte in der besten Zeit aufwachsen und leben, die unser Land bisher je gesehen hat.
Und ich bin dankbar, einerseits für ein funktionierendes Gesundheitssystem und andererseits allen Verantwortlichen, denen aufgrund wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse das Wohl der Menschen wichtig ist.

19.10.2020