02.07.2021 - 09:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Selbst Schüler appellieren in Weiden und Landkreis Neustadt: "Sportunterricht nicht kürzen"

Um den Lehrermangel in den Griff zu bekommen, sollen Mittelschulen den Sportunterricht kürzen können. Eine gute Idee? Das sagen Sportlehrer, Fitnesstrainer und Schüler aus Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN dazu.

Sportunterricht ist wichtig finden (von links) Laura, Selva, Felix und Max von der Grund- und Mittelschule Pressath.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Der Start in den Schulalltag nach dem Corona-Lockdown fällt vielerorts schwer, besonders Lehrermangel scheint den Schulen zu schaffen zu machen. Ein möglicher Plan aus dem Kultusministerium: An den Mittelschulen sollen Kunst-, Musik- und Sportunterricht gekürzt werden können. Warum das nur wenig Sinn ergibt und die Kinder Sportunterricht nötiger denn je haben, erklären ein Sportlehrer und ein Fitnesstrainer aus der Region.

Das sagt der Sportlehrer

Für Markus Staschewski, Sportlehrer am Gymnasium in Neustadt und Bezirksvorsitzender des Bayerischen Philologenverbands, ist die Problematik nichts Neues: "Es ist doch immer das Gleiche, alle denken nur die Hauptfächer wären wichtig." Staschewski möchte nicht absprechen, dass jedes Schulfach seine Berechtigung besitzt – nur gerade der Sportunterricht sollte nicht unterschätzt werden. "Das ist nicht mehr so wie früher, dass man einfach nur im Kreis rennt. Wir packen da viele Kompetenzen mit rein." Die Kinder könnten vor allem soziales und moralisches Verhalten lernen und müssten sich auch konzentrieren und kognitiv anstrengen, wenn es zum Beispiel um Taktik im Spiel geht.

"Sport ist nur auf den ersten Blick nicht so wichtig. Aber gerade die Pandemie hat gezeigt, dass den Kindern die Bewegung fehlt und, dass das bloße Lernen nicht das ist, was uns Menschen ausmacht." Als Sportlehrer richtet Staschewski einen dringenden Appell an die Verantwortlichen, solche Kürzungen nicht umzusetzen. "Gerade Jungs bräuchten insbesondere in der Phase der Pubertät auch häufig ein körperliches Ventil." Der Grundstein für sportliches Interesse könne außerdem nur in der Kindheit und Jugend gelegt werden. "Haben die Kinder das nicht bekommen, fällt es vielen im Erwachsenenalter schwer da einen Zugang zu finden."

Aber gerade in stressigen Lebensphasen könne Sport sich positiv auf die Bewältigung auswirken. Schulen in anderen Ländern sind Bayern da voraus, weiß Staschewski: "Bei einem Schüleraustausch mit Ungarn zum Beispiel, habe ich erfahren, dass es dort eine tägliche Sportstunde für alle gibt, die nicht noch zusätzlich in ihrer Freizeit Sport treiben."

Das sagt der Fitnesstrainer

Auch Christian Wolf, Athletiktrainer der U18-Eishockey-Nationalmannschaft und Fitnesstrainer bei den Blue Devils in Weiden, schätzt eine mögliche Kürzung des Sportunterrichts als kritisch ein. Aus sportwissenschaftlicher Sicht sei es für Kinder und Jugendliche wichtig, sich nach längerem Sitzen einfach einmal zu bewegen. "Bei Sport draußen oder auch drinnen bekommt man den Kopf frei und kann sich fokussiert wieder auf den Unterricht konzentrieren." Dabei werde die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns angeregt. Oder wie Wolf mit einem Schmunzeln auch sagt: "Sport ist Doping für das Gehirn."

Generell gebe es zwei große Säulen, die bei Kindern mit Sport gefördert werden könnten: die sportliche und die soziale Säule. Wolf erklärt: "Bei der sportlichen geht es vor allem um die Verbesserung des Herz-Kreislauf-Systems aber auch koordinative und motorische Sachen wie greifen oder Bälle fangen werden gefördert. Leider sehen wir immer öfter, dass die einfachsten Grundmuster von Bewegungen nicht mehr beherrscht werden." Neben der gesundheitlichen Thematik sei es für die Kinder auch wichtig sich gemeinsam zu bewegen.

3 mal 45 Minuten

"Bei jeder Sportart werden die sozialen Komponenten bewusst oder unbewusst gefördert und gefordert, was auch im späteren Leben hilfreich ist." Wolf spricht von Eigenschaften wie Kommunikation, Teamgeist, Durchsetzungsvermögen und Toleranz. Wolfs Wunschvorstellung wären 3 mal 45 Minuten Sportunterricht. Wobei im Idealfall neben der klassischen Doppelstunde Sport eine Stunde für das Ausprobieren neuer Sportarten reserviert werde. "Wobei aus wissenschaftlicher und persönlicher Sicht Spielsportarten in Gruppen mein Favorit sind."

Das sagen die Schüler

Auch Lukas und Jonas, beide 13 Jahre alt, von der Mittelschule Eschenbach haben besonders viel Spaß am Gemeinschaftssport in der Schule. "Sich mit anderen zusammen zu bewegen finden wir gut", meint Lukas. "Man kann sich dann einfach besser konzentrieren." Zu ihren liebsten Sportarten im Unterricht gehören Klettern, Völkerball und alles, "wo man sich viel bewegt". Der Schulalltag ist für die beiden Jungs definitiv schöner mit Sport. Wenn sie sich etwas wünschen würden, wäre es "lieber mehr Sport als weniger".

An der Mittelschule in Pressath sieht die Begeisterung für Team-Sport ähnlich aus. Felix (15) aus der achten Klasse wünscht sich mehr Teamsport in kleinen Gruppen und fände es "gar nicht gut", wenn es plötzlich weniger Sportunterricht geben würde. Auch Max (11) aus der sechsten Klasse sieht das so, denn "Sport macht einfach Spaß" und "man sitzt einmal nicht im Klassenzimmer". Während des Lockdowns hat Max der Sport schon gefehlt, denn sowohl in der Schule als auch in der Freizeit spielt er am liebsten Fußball. Auch für Selva (13) ist der Sportunterricht ein Muss. "Am liebsten mag ich Weitspringen und Laufen, weil es mir viel Spaß macht."

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"Sport ist Doping für das Gehirn."

Christian Wolf, Fitnesstrainer

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