27.10.2020 - 14:22 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Nach "Querdenker"-Demo in Weiden berichtet angegriffener Journalist: Zwischen Spuckattacke und Verschwörungsmythen

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Morddrohungen, Angriffe auf Journalisten, fehlende Abstände: Es ist nicht differenzierter Protest gegen Corona-Maßnahmen, mit dem „Querdenken 961 Weiden“ Schlagzeilen macht. Ein von Angriffen betroffener Journalist berichtet.

Corona-Leugner und Masken-Verweigerer demonstrierten in Weiden, hielten sich nicht an Abstandsregeln, trugen keine Maske und griffen Journalisten an.

Von Benedikt Lueger

Resi L. möchte seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Zu groß ist die Gefahr – der Journalist recherchiert seit Jahren gemeinsam mit Kollegen in der rechten Szene und berichtet über Demonstrationen. So auch über die in Weiden – das eigentlich nicht täglich Schauplatz überregionaler Veranstaltungen ist. Über eine große Telegram-Gruppe war der Journalist mit einem Kollegen auf den Aufruf zum Fackelmarsch gestoßen. Die Ankündigung hatte überregional für Schlagzeilen gesorgt, vor allem in der „Querdenken“-Szene. Auch Helmut Bauer, der Veranstalter, ist dem Reporter ein Begriff. Schon 2019 demonstrierte Bauer gegen die „Klimalüge“ und zog Vergleiche zwischen seinem "Widerstand" und dem Kampf gegen die WAA.

Große Veränderungen sieht Resi L. bei der Zusammensetzung der Teilnehmer der Veranstaltung. „Während man im Mai noch jede Menge bürgerliche Menschen fand, die differenzierte Kritik äußerten und persönliche Ängste hatten, ist diese Masse der Mitte nun entweder radikalisiert oder verschwunden, die Demonstrationen bestehen quasi aus Personen der rechten Szene, Verschwörungsmythiker und Esoteriker“. Dies merke man auch an der Grundstimmung beim Aufmarsch in Weiden.

In einem Livestream aus Weiden, der auf dem Youtube-Account des Verschwörungsmythikers Stefan Bauer zu finden ist, ist schnell zu erkennen, wie wenig faktenbasiert die „Querdenken“-Bewegung noch argumentiert. „Heute noch die Maske, morgen ist es der Microchip“, fantasiert ein Redner, eine 17-jährige Schülerin aus Nürnberg spricht von Meinungsmache der Schulen und Zwangsimpfungen – unter dem Jubel und Johlen der Zuhörer. Größter Feind: Die „Systemmedien“ oder das „Merkelregime“, intern werden laut Resi L. auch nach wie vor antisemitische Verschwörungen wie „Q-Anon“ geteilt. Die Abwendung von Fakten und die zunehmende Radikalisierung im Verborgenen sei eine hochgefährliche Mischung, so der Szenekenner.

„Während man im Mai noch jede Menge bürgerliche Menschen fand, die differenzierte Kritik äußerten und persönliche Ängste hatten, ist diese Masse der Mitte nun entweder radikalisiert oder verschwunden“

Resi L.

Dies habe sich auch am Wochenende gezeigt: In Weiden seien von Beginn an Pressevertreter aggressiv angegangen worden. Im Laufe der Demonstration kam es dann zu körperlichen Angriffen auf Journalisten. Resi L. berichtet von zwei Teilnehmern, die ihn anspuckten und versuchten, ihn auch weiter anzugreifen. Nur ein rasches Eingreifen der Polizei konnte dies verhindern. Ein weiterer Journalist erstattete wegen Beleidung Anzeige. Solche Angriffe seien keine Seltenheit, Übergriffe fast schon alltäglich. „Für die Querdenker werden kaum Polizeikräfte abgestellt, so dauert es meistens längere Zeit, bis die Polizei eingreifen kann“, kritisiert Resi L. Hier sieht der Journalist auch Fehler der Sicherheitsbehörden. Vielerorts seien Beamte auch nur kaum im Presserecht geschult, was dazu führe, dass Journalisten unter anderem das Fotografieren verboten wird, obwohl diese Dokumentationsarbeit wichtig sei, um unter anderem Erkenntnisse über Rechtsradikale auf den Veranstaltungen zu gewinnen.

„Es scheint, als hätten die Verschwörungsmythiker Narrenfreiheit – am Anfang mag die Polizei vom Ausmaß der Demonstrationen überrascht worden sein“, meint Resi L.. Es sei aber höchst fragwürdig, nach den Ausschreitungen am Reichstagsgebäude die Gefahr noch nicht erkannt zu haben. Am Sonntag kam es in Berlin erneut zu Übergriffen, aus den Reihen der Teilnehmer wurde „Umzingelt die Bullen“ skandiert. Auch dort spielten sich groteske und besorgniserregende Szene ab, die im gleichen Livestream wie die Aufnahmen aus Weiden als „Konferenzschaltung“ zu sehen sind – „Querdenker“, die eine Politikerin, die mit ihrem Kind spazieren geht, verfolgen, Menschen, die sich vor Polizeifahrzeuge werfen oder Kinder, die die Polizei angreifen.

Auch die Arbeit der Polizei in Weiden kritisiert der Reporter teilweise. Auflagen wie das Einhalten des Mindestabstands oder das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes, wenn der Abstand unterschritten wurde, wurden nicht eingehalten – die Polizei versuchte zunächst mit Ansprachen auf die Umsetzung der Maßnahmen zu drängen, weitere Maßnahmen folgten nicht mehr.

Umso brisanter: Bereits am Samstag lag der Inzidenzwert der Stadt Weiden bei 173, die Teilnehmer der Veranstaltung reisten zum Teil aus ganz Deutschland an. Falls es bei der Demonstration zu Ansteckungen gekommen wäre, könnten diese aus Weiden weiterverbreitet werden.

Die „Querdenken“-Veranstaltung in Berlin am Sonntag wurde ebenfalls im Internet gestreamt, rund ein Drittel der Teilnehmer aus Weiden erkannt Resi L. auch in Berlin wieder. „Querdenken“ sei ein riesiges Geschäftsmodell, so der Journalist. Mit den Streams, die sich im Beispiel der Übertragung am 24. Oktober aus Weiden Tage später bereits mehr als 50.000 Menschen angesehen hatten, ließe sich viel Geld verdienen. „Wie sehr es diesen Personen überhaupt um Protest und Politik geht, ist fragwürdig“, fasst Resi L. zusammen.

Brandsätze, die in Berlin auf das Robert-Koch-Institut fliegen, Hinrichtungsdrohungen gegen den Neustädter Bürgermeister, „Querdenker“, die versuchen, eine Kreistagssitzung in Augsburg zu stürmen, Journalisten, die ihrer Arbeit nicht nachgehen können und Vergleiche auf Youtube zwischen Corona-Schutzmaßnahmen und dem Holocaust: Mag es am Anfang noch anders gewesen sein, so ist „Querdenken“ mittlerweile weder bürgerlich noch lediglich besorgt. Denn auch wenn nicht alle Teilnehmer in Weiden Verschwörungsmythiker oder Rechtsextreme waren: Wer mit diesen Gruppen gemeinsam demonstriert, hat Mitschuld an der Radikalisierung der Bewegung. Die letzten Angriff auf Außenstehende, so befürchtet Resi L., werden die in Weiden oder Berlin sicherlich nicht gewesen sein.

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