31.01.2020 - 21:13 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Im Notfall: Telefonseelsorge Weiden

Die Zeit der Scherzanrufe ist vorbei. Vor fünf bis sechs Jahren haben Kinder und Jugendliche noch häufig aus Gaudi die Telefonseelsorge angerufen. Doch jetzt haben es die Mitarbeiter nur noch mit ernsten Themen zu tun.

Ein offenes Ohr für die Probleme der Mitmenschen ist Grundvoraussetzung in der Telefonseelsorge, betont Leiter Friedrich Dechant. "Unsere Mitarbeiter müssen zuhören können."
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Oder zumindest fast nur noch. Denn in drei Prozent aller Fälle erlauben sich Kinder noch einen Ulk mit der Hilfseinrichtung. "Kein Vergleich zu früher", erklärt Friedrich Dechant, der Leiter der Telefonseelsorge Weiden. 2014 waren immerhin 25 Prozent aller Telefonate Scherzanrufe. "Damals hatten viele Kinder und Jugendliche Prepaid-Handys und haben das betrieben wie Klingelputzen." Doch - wie gesagt - diese Zeiten sind vorbei.

Für Friedrich Dechant, seine Stellvertreterin Nadine Röckl-Wolfrum und die aktuell 70 ehrenamtlichen Mitarbeiter standen ohnehin schon immer die Menschen im Vordergrund, die wirklich Hilfe suchen. Denn dafür sind sie da: Ein offenes Ohr zu haben für die Probleme anderer, und die sind vielfältig. Einsamkeit und Probleme mit Familie, Freunden oder Bekannten nehmen dabei mit jeweils 19 Prozent die Spitzenposition ein. Wobei die Befragten hier bis zu drei Themenbereiche angeben konnten. Trotzdem steht für Dechant fest. "Das Problem der Vereinsamung ist in den vergangenen Jahren angestiegen." Dabei kann er nicht beurteilen, ob das die reale Situation wiedergibt oder ob der Trend damit zusammenhängt, dass das Thema in Politik und Medien verstärkt eine Rolle spielt.

Was deutlich zugenommen hat, ist das Thema Angst. Meist handelt es sich um unspezifische Ängste. "Viele haben eine Art Lebensangst, befürchten, dass sie die Anforderungen nicht mehr bewältigen." Gerade die Altersgruppe der 35- bis 55-Jährigen wendet sich mit diesem Problem an die Telefonseelsorge, und die steht in der Regel in Beruf und Familie vor großen Herausforderungen.

Ein Blick auf die Altersstatistik zeigt, dass die 40- bis 65-Jährigen verstärkt anrufen. Bei ihnen dominiert das Thema Einsamkeit, oft kombiniert mit Krankheit oder Gebrechen. Depressionen sind für viele Ratsuchende ein Grund, zum Telefonhörer zu greifen. "Das beschäftigt uns immer wieder. Die meisten Betroffenen rufen uns mehrfach an." Mobbing dagegen beschäftigt die Mitarbeiter in der Telefonseelsorge kaum. Für Dechant liegt der Grund auf der Hand: "Da gibt es genügend andere Anlaufstellen in Weiden, wie die Beratungsstellen der Katholischen Betriebsseelsorge oder der Caritas."

Nahezu unverändert ist die Zahl der Menschen mit Selbsttötungsabsichten, die sich an die Hilfseinrichtung wenden. 526 Anrufe waren es im vergangenen Jahr. "Weit mehr als einer pro Tag", rechnet Dechant vor. Dennoch machen sie nur 5,5 Prozent aller Anrufe aus. Kinder und Jugendliche wenden sich insgesamt relativ selten an die Einrichtung. "Für Drogen- oder Suchtprobleme gibt es eigene Beratungsstellen." Sie spielen in der Telefonseelsorge deshalb keine Rolle.

Wenn sich Teenager an die Einrichtung wenden, dann geht es meist um Cliquenprobleme oder Liebeskummer wegen einer zerbrochenen Beziehung. Zugenommen haben allerdings die Fälle von Selbstverletzungen. "Ich versuche immer, das etwas zu entdramatisieren", sagt der Experte. "Da steckt viel Verzweiflung dahinter. Aber ich denke mir, solange sich ein Mensch ritzt, bringt er sich nicht um. Er hängt noch am Leben." Mädchen sind davon übrigens öfter betroffen als Jungen. "Die haben andere Ventile, nehmen Drogen oder schlägern." Falls nicht, können auch sie die Nummer der Telefonseelsorge wählen: 0800/111 0111.

Telefonseelsorge Weiden startet neuen Ausbildungskurs:

Gute Zuhörer gesucht

Die Telefonseelsorge Weiden betreut ein Gebiet, das von Schwandorf bis Tirschenreuth und von Waidhaus bis Speichersdorf reicht. "Wir sehen uns als Ansprechpartner, als Auffangstation. Es geht ums Zuhören." 70 Ehrenamtliche unterstützen die beiden Hauptamtlichen Friedrich Dechant und Nadine Röckl-Wolfrum derzeit. Aktuell absolvieren sechs Männer und vier Frauen einen Ausbildungskurs, der im Februar endet. "Bisher hatten wie noch nie so viele Männer", staunt Dechant.

Doch auch wenn neue Kräfte in Sicht sind, ist für März bereits der nächste Ausbildungskurs geplant. "Durchschnittlich hören sieben Mitarbeiter pro Jahr auf." Das liegt zum Teil am Alter, aber auch an privaten Umständen. "Gerade Männer haben oft erst in der Rente Zeit für ein Ehrenamt."

Wer sich in der Telefonseelsorge einbringen will, sollte "Lebenserfahrung mitbringen, Zeit und ein Herz für Menschen", sagt Dechant. Auch geistige und körperliche Fitness werden vorausgesetzt. "Speziell für die Telefongespräche ist ein gutes Gehör wichtig." Mittlerweile wird aber auch eine Mailberatung angeboten.

In dem 15-monatigen Kurs (120 Stunden) werden die Interessierten ausgiebig auf die Anforderungen vorbereitet. "Wir vermitteln Gesprächsführung, Informationen über Borderline, Depressionen oder Alkoholkrankheit. Aber auch Selbsterfahrung, denn unsere Mitarbeiter müssen ihre eigenen Krisen verarbeitet haben." Vorgesehen für die Schulungen sind vier Samstag sowie alle 14 Tage werktags abends drei Stunden mit Pausen in den Ferienzeiten. Ausbildungsstart ist am Samstag, 14. März. Vorher ist ein Kennenlerngespräch nötig, um festzustellen, ob der Interessent für die Tätigkeit geeignet ist und ob die Anforderungen auch seinen Vorstellungen entsprechen. Interessierte können sich ab sofort unter der Telefonnummer 0961/418217 melden.

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