15.07.2021 - 18:14 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

In eigener Sache: Neue Perspektiven in der Kulturberichterstattung

In der Vergangenheit haben Lokalzeitungen das kulturelle Geschehen oft mit Artikeln begleitet, die nur von sehr wenigen Menschen gelesen wurden. Dabei lassen sich gerade rund um dieses Thema viele spannende Geschichten erzählen.

Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen, Ausstellungen können nach dem Lockdown wieder stattfinden.
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Von Oberpfalz-Medien-Chefredakteur Kai Gohlke

Mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen kehrt das vielfältige kulturelle Leben in die Nordoberpfalz zurück. Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen, Ausstellungen – all das und viel mehr kann wieder stattfinden. Meist ehrenamtlich engagieren sich dafür tausende Menschen in Amberg und Weiden sowie in den umliegenden Landkreisen Neustadt an der Waldnaab, Amberg-Sulzbach, Tirschenreuth und Schwandorf. Sie brennen darauf, wieder auf Bühnen zu stehen und möglichst viele Gäste unterhalten zu dürfen. Auch wir als führendes Medienhaus in der Region freuen uns darüber. Aber wir müssen uns auch genau überlegen: Wie berichten wir über diese Ereignisse, um den Interessen unserer Leserinnen und Leser gerecht zu werden?

In der Vergangenheit war der Raum für die Kulturberichterstattung in der Lokalzeitung traditionell gesetzt. So war praktisch jedes Konzert aus der so genannten "ernsten" Musik einen großflächigen Nachbericht auf der Kulturseite - und damit an sehr prominenter Stelle in der Gesamtausgabe - wert. Da spielte es auch keine Rolle, wenn die Zahl der Zuhörer sich eher im niedrigen zweistelligen Bereich bewegte und im Zweifelsfall auch mal weniger Menschen im Publikum waren als Musiker auf der Bühne. Inhaltlich erzählten die Texte meist in mehr oder weniger blumigen Worten nach, was sich am Abend zuvor auf der Bühne zugetragen hatte. Wobei sich eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit der künstlerischen Leistung oft verbot, weil diese meist nicht von bezahlten Profis erbracht wurde, sondern von Menschen, die zur Freude anderer ihre eigene Freizeit einbringen.

Nur ein kleiner Kreis von Interessierten

Natürlich ist uns als Redaktion bewusst, dass ein jeweils kleiner Kreis von Aktiven und Interessierten in bestimmten Sparten der Kultur sich und seine Passion gerne möglichst prominent in der Zeitung wiederfindet. Nur ist es nachweislich eben so, dass sich außerhalb dieses kleinen Kreises kaum ein Leser für die früher oft übliche Berichterstattung zu diesen Themen interessiert. Die Leserforschung zeigt seit vielen Jahren eindeutig: Nachberichte über regionale Konzerte und Ausstellungseröffnungen gehören zu den am wenigsten gelesenen Texten in der Tageszeitung. Und auch im Internet werden solche Artikel praktisch nicht angeklickt.

Die Mehrwertmacher liefern Oberpfalz-Medien wichtige Erkenntnisse aus der Leserforschung

Weiden in der Oberpfalz

Dass Zeitungsredaktionen diese Tatsachen eigentlich seit langem kennen, dieser Art von Berichterstattung aber bisher trotzdem immer großen Raum eingeräumt haben, hat neben vielen anderen Gründen dazu beigetragen, dass jüngere Leser nur noch schwer für die gedruckte Zeitung zu begeistern sind. Das gilt übrigens nicht nur für die Kultur-, sondern auch für Teile der Sport-, Wirtschafts- und Lokalberichterstattung. Auch für diese Bereiche überlegen wir als Redaktion uns deshalb immer genauer, welche Themen wir wie aufbereiten – und welche Art von Bildern und Artikeln es künftig weniger oder gar nicht mehr geben soll.

Der neue Tag mit seinen Lokalausgaben Amberger Zeitung und Sulzbach-Rosenberger Zeitung wird täglich von mehr als 100.000 Menschen gelesen. Unser Bestreben muss es sein, gerade auf den Seiten, die in allen Ausgaben enthalten sind, in erster Linie Artikel zu platzieren, die potenziell möglichst viele dieser 100.000 Menschen interessieren. Sonst sind wir für die Masse unserer Abonnenten irgendwann einfach nicht mehr relevant. Dazu kommt: Ein Artikel, der kaum gelesen wird, hilft auch den Veranstaltern und den Akteuren nichts – egal, wie groß aufgemacht und prominent platziert er ist.

Andere Themen, andere Formen

Deshalb müssen wir andere Formen der Berichterstattung finden, mit denen wir unsere Leserinnen und Leser auch wirklich erreichen – sowohl in der gedruckten Zeitung als auch auf den digitalen Kanälen wie unserem Online-Portal Onetz. Dazu gehören zum Beispiel Porträt-Reportagen und Hintergrund-Geschichten über die handelnden Personen aus dem Kulturbetrieb: Wer sind die Menschen, die auf der Bühne stehen, musizieren, in Rollen schlüpfen, Literatur oder Kunstwerke schaffen? Was treibt sie an, welche Widerstände müssen sie überwinden? Wie viele Personen sind hinter den Kulissen am Erfolg einer Theateraufführung beteiligt? Wie läuft eine Orchesterprobe ab? Was inspiriert eine Malerin, einen Fotografen, eine Bildhauerin zu ihren Werken? Artikel, die solche Fragen beantworten, interessieren potenziell viel mehr Leser als eine Konzertkritik oder ein Bericht über eine Ausstellungseröffnung. Und sie können auch sehr inspirierend auf junge Menschen wirken, die Lust haben, selbst als Musiker, Schauspieler, Kabarettisten oder Künstler in irgendeiner anderen Richtung aktiv zu werden.

Als Medienhaus nehmen wir unsere Verantwortung gegenüber dem Kulturbetrieb in der Region und auch gegenüber kulturell interessierten Lesern nach wie vor sehr ernst. Wichtig ist uns, dass alle Kulturveranstaltungen, die bei uns im Verbreitungsgebiet stattfinden oder für unsere Leser Relevanz haben, zuverlässig auf der Kulturseite kurz angekündigt werden. So wollen wir den Veranstaltern zu möglichst vielen Besuchern verhelfen und gleichzeitig jedem interessierten Leser und jeder interessierten Leserin die Möglichkeit geben, alle Veranstaltungen zu besuchen, für die er oder sie sich interessiert. Und natürlich findet auf der Kulturseite auch noch die Nachberichterstattung ihren Platz – allerdings eben deutlich ausgewählter und in der Regel auch weniger großflächig als früher. Bei der Mehrzahl der Kulturveranstaltungen ist die Berichterstattung ohnehin besser im jeweiligen Lokalteil aufgehoben, wo die Leserinnen und Leser einen direkten Bezug zu den handelnden Personen haben.

Amberg
Winklarn
Amberg

Nicht nur die Inhalte ändern sich: Auch die Gestaltung der Tageszeitung passt sich an neue Sehgewohnheiten an

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

"Lesewert" zeigt, welche Artikel in der Zeitung gelesen werden

  • Ausgangslage: Welche Artikel in der Zeitung von vielen Leserinnen und Lesern gelesen werden, und welche nur auf wenig Interesse stoßen, konnten Redakteure früher nur vermuten.
  • Messmethode: Vor knapp 20 Jahren wurde die "Readerscan"-Technologie entwickelt. Damit wird jeweils bei einer repräsentativ ausgewählten Gruppe von Abonnenten das tägliche Leseverhalten über einen längeren Zeitraum gemessen.
  • Ablauf: Jeder teilnehmende Leser bekommt einen Scan-Stift, mit dem er jeden Artikel markiert, den er gelesen hat – und auch jeweils die Stelle, an der er aufgehört hat zu lesen.
  • Auswertung: Die "Mehrwertmacher" aus Dresden werten diese Daten aus und stellen sie der Redaktion in Form eines "Lesewerts" zur Verfügung. Er zeigt nicht nur, wie oft ein Artikel gelesen wurde, sondern auch wie viele der Abonnenten ihn ganz durchgelesen haben.
  • Beratung: Anhand der so gewonnen Erkenntnisse helfen die "Mehrwertmacher" Redaktionen dabei, über die Themen zu schreiben, die möglichst viele Abonnenten interessieren, und diese auch so aufzubereiten, dass die Texte möglichst bis zum Ende gelesen werden.
  • Ergebnisse: Die Messwerte müssen pro Zeitungstitel jeweils differenziert betrachtet werden. Einige Trends zeigen sich jedoch in allen Messungen. So gehört etwa die klassische Nachberichterstattung über lokale Kulturveranstaltungen immer zu den Themen, die am wenigsten gelesen werden. Auf deutlich mehr Interesse stoßen Porträt-Reportagen über Akteure aus dem kulturellen Leben oder Hintergrundberichte zu wichtigen Trends oder Problemen aus diesem Bereich. Das ist in anderen Bereichen, wie zum Beispiel im Sport, ganz genau so.

"Ein Artikel, der kaum gelesen wird, hilft auch den Veranstaltern und den Akteuren nichts – egal, wie groß aufgemacht und prominent platziert er ist."

Kai Gohlke, Chefredakteur bei Oberpfalz-Medien

Kai Gohlke, Chefredakteur bei Oberpfalz-Medien

Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen, Ausstellungen können nach dem Lockdown wieder stattfinden.

 

 

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