05.08.2021 - 12:33 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mögliche Wende im Flutkanal-Prozess: Hat Moritz G. länger gelebt?

Die Verteidiger der drei Angeklagten im Flutkanal-Prozess konfrontieren das Landgericht Weiden mit Handydaten, die beweisen sollen, dass Moritz G. noch am Tag nach seinem Sturz ins Wasser gelebt hat.

Blumen am Ufer der Stelle des Weidener Flutkanals, wo Moritz G. ums Leben gekommen ist
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Die Sitzung am Landgericht Weiden läuft am Donnerstag rund 20 Minuten. Danach wird sie für Stunden unterbrochen. Die Richter wollen am Nachmittag entscheiden, wie sie mit einem neuen Beweisantrag umgehen, den die Anwälte Jan Bockemühl, Florian Münch und Christian Krauße eingebracht haben. Der Tenor: Ihre persönliche Auswertung des I-Phone Xs des ertrunkenen Moritz G. habe ergeben, dass der Schrittzähler im Smartphone noch zehn Stunden nach dem vermeintlichen Ertrinken des 21-Jährigen 152 Schritte aufgezeichnet hat. Dabei seien 120 Meter zurückgelegt und ein Stockwerk Höhenunterschied überwunden worden.

Bislang lautet der Vorwurf, dass Moritz G. von seinen drei Begleitern aus Sulzbach-Rosenberg und Weiden am Abend des 11. September ohne Rettungsversuche im Stich gelassen wurde, nachdem er gegen 22.30 Uhr mit 2,39 Promille in den Flutkanal gefallen war und kurz darauf ertrunken sein soll.

Die Auswertung des Smartphones ergebe nun, dass am Folgetag zwischen 9:08 und 9:12 Uhr die besagten Schritte aufgezeichnet wurden. Für die Anwälte stellt sich der Sachverhalt so dar: Moritz G. konnte nach seinem Sturz ins Wasser noch schwimmen, kam ans Ufer zurück, habe seinen Begleitern gesagt, er fahre nicht mit nach Sulzbach zurück, sondern habe am Ufer seinen Rausch ausgeschlafen. Am nächsten Tag sei er die Böschung hinuntergestürzt und ertrunken. Die Verteidiger fordern deshalb einen Gutachter an, der nicht aus Polizeikreisen kommt, sondern von der Firma Apple und diese Bewegungsdaten genau erläutern kann.

Am frühen Nachmittag lehnen die Richter diesen und einen erweiterten Beweisantrag mit ähnlicher Stoßrichtung ab. Begründung: Der IT-Techniker des Polizeipräsidiums Oberpfalz verweise darauf, dass das Handy, dass der Ertrunkene am Körper trug, einen Wasserschaden hatte. Das könne Auswirkungen auf die angezeigte Uhrzeit haben. Ferner seien Bauteile bei der Rekonstruktion ausgewechselt worden. Zudem könnten die Schritte aufgezeichnet worden sein, als das Gerät zur Daten-Extraktion in der Polizeidienststelle hin- und hergetragen worden sei. Anwalt Jan Bockemühl droht ob dieser Ablehnung mit einem Gang zum 6. Strafsenat des Bundesgerichtshofs nach Leipzig.

Angeklagt sind Gerhard Z. (25) und Alex B. (24) aus Sulzbach-Rosenberg und Ariane I. (22) (Namen geändert) aus Weiden. Ihnen wird vorgeworfen, ihren Kumpel Moritz G. nach dem Besuch einer Shisha-Bar und einem Streit hilflos am Ufer des Weidener Flutkanals zurückgelassen zu haben und sogar seinen Sturz ins Wasser und das anschließende Ertrinken unter Gelächter gefilmt zu haben. Es habe keine Rettungsversuche gegeben.

Der Oberstaatsanwalt spricht deutliche Worte

Weiden in der Oberpfalz

 

 

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Tanja Härtl

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