27.05.2021 - 08:36 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mittler, Schlichter, Mahner

Jürgen Kandziora ist Leseranwalt bei Oberpfalz-Medien. Über seine Rolle und die Themen, die die Leser beschäftigten, spricht er im Interview.

Jürgen Kandziora ist der Leseranwalt bei Oberpfalz-Medien.

ONETZ: Seit vier Jahren sind Sie “Leseranwalt”: Warum hat Oberpfalz-Medien diese Stelle eingerichtet?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Ziel unseres Hauses war es, sich den Lesern weiter zu öffnen, ihnen jemanden anzubieten, der sich ihrer Beschwerden annimmt, ihren Interessen eine Stimme geben kann. Der Verlag wünschte sich einen „Anwalt der Leser“, der unter anderem die Berichterstattung auf Richtigkeit, Fairness, Ausgewogenheit oder auch den guten Geschmack überprüft und den Redaktionen gegebenenfalls geeignete Abhilfemaßnahmen empfiehlt, um Berichte zu korrigieren oder journalistische Grundsätze klarzustellen. Der Leseranwalt ist also Mittler, Schlichter und mitunter auch Mahner in den eigenen Reihen.

ONETZ: Welche Themen bewegen unsere Leser am meisten/sind am umstrittensten?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Derzeit ist natürlich Corona das beherrschende Thema. Da merkt man, dass die Nerven bei manchen langsam blanker liegen. Kein Wunder nach den letzten Monaten. Eine Zeitlang sorgte die Nennung beziehungsweise Nichtnennung der Nationalität beispielsweise in Polizeimeldungen, Gerichtsartikeln, in Berichten über Straftaten oder Verbrechen für reichlich Diskussions- und Beschwerdestoff. Immer wieder bemängeln Leser die Rechtschreibfehler, die sie in unserem Blatt entdeckten. Wenn Kritik geübt wird, spielt natürlich die eigene Betroffenheit und die Erwartungshaltung des Beschwerdeführers eine große Rolle.

ONETZ: Wie reagieren Sie in solchen Fällen – und ganz allgemein?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Wichtig ist es, dem Leser zuzuhören und ihm die Möglichkeit zu geben, all das loszuwerden, was ihm gerade am Herzen liegt. Ideal ist es, wenn es zum Beispiel am Telefon gelingt, einen guten Draht zum Leser aufzubauen, eine gute Atmosphäre zu schaffen. Wenn die Kritik berechtigt ist, muss der Leser merken, dass sie ankommt und angenommen wird, dass sie im Haus auch weitergeleitet wird und man ihr nachgehen möchte, um vielleicht künftig etwas besser zu machen. Viele Kollegen haben im anstrengenden und stressigen Tagesgeschäft oft nicht die Zeit dafür, auf die Bedürfnisse und Fragen von Lesern so einzugehen, dass es für diese zufriedenstellend sein kann.

ONETZ: Entscheiden Sie als angestellter “Leseranwalt” im Zweifel nicht eher für die Beklagte, die Zeitung?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Diese Frage wurde mir schon oft gestellt. Kürzlich wollte der bekannte Medienwissenschaftler Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl von den Mitgliedern der Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO), der ich ebenfalls angehöre, wissen: Wie viele Eingaben wurden im vergangenen Jahr bearbeitet, in wie vielen Fällen wurde dem Beschwerdeführer recht gegeben, in wie vielen die Redaktion verteidigt, wie viele Fälle waren weder-noch? Beim Blick in mein Archiv zeigte sich folgendes Bild: Schriftlich beantwortete Fälle waren es etwa 150. Bei ungefähr 35 Prozent bekam der Beschwerdeführer Recht, in rund 25 Prozent der Fälle verteidigte ich die Redaktion, die restlichen 40 Prozent waren weder-noch. Hinzu kamen die täglichen telefonischen Kontakte – die ich nie gezählt habe – mit Lesern.

ONETZ: Sie kennen als gelernter Redakteur beide Seiten. Was kann zu einem (noch) besseren gegenseitigen Verständnis beitragen, was sehen Sie noch verbesserungswürdig?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Der Leser muss unbedingt ernst genommen werden. Er muss spüren, dass das der Fall ist. Und es sollte für jeden Mitarbeiter unseres Hauses selbstverständlich und Auftrag sein, den Leser und sein Anliegen ernst zu nehmen. Ich möchte den Lesern erklären, wie eine Redaktion arbeitet und wie und warum Entscheidungen getroffen werden. Das hat auch mit Transparenz zu tun, sie kann zu einem gegenseitigen Verständnis einen wichtigen Beitrag leisten.

ONETZ: In welchen Belangen ist Leserkritik dauerhaft in der Redaktion angekommen?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Ich „nerve“ die Kollegen natürlich schon ziemlich regelmäßig mit den Dingen, die von den Lesern an mich herangetragen werden. Das mag lästig sein. Aber ich glaube, dass die Wirkung nicht ausbleibt. Allgemein wage ich zu beurteilen: Die Redaktion geht besser mit Fehlern um. Ganz vermeiden wird man sie nicht können, wo Menschen arbeiten, da passieren Fehler. Es dürfen nur nicht zu viele werden.

ONETZ: Können Sie uns einen Fall schildern, nach dem eine konkrete Veränderung eingesetzt hat?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Jetzt einen konkreten Fall herauszugreifen, das fällt mir schwer. In über vier Jahren Arbeit ist ja einiges bei mir aufgelaufen, ist viel in die einzelnen Redaktionen hineingetragen worden, die mir – da muss ich ein Lob aussprechen – zugehört haben. Vielleicht lässt sich zusammenfassen: Bei der Arbeit der Kollegen gewinnt die Leserperspektive an Bedeutung.

ONETZ: Wie kommen Sie zu Ihren fachlichen Einschätzungen? Kommen Sie trotz jahrzehntelanger Erfahrung auch an die Grenzen Ihres Wissens?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Bei den fachlichen Einschätzungen helfen das Netzwerk, das sich im Laufe der Jahre aufgebaut hat: die Leseranwalt-Kollegen in der Vereinigung der Medien-Ombudsleute, das Archiv des Presserats oder die Initiative Tageszeitung mit ihrem Presserecht-Lexikon. Und ja, manchmal stoße ich an die Grenzen meines Wissens. Dann beginnt das, was ein Journalist können muss: Man fängt an zu recherchieren ...

ONETZ: Früher waren Leser hocherfreut darüber, wenn sie in der Zeitung auftauchten, heutzutage drohen manche deswegen mit dem Anwalt. Steht man als Journalist grundsätzlich mit einem Fuß im Gefängnis?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Das klingt arg übertrieben, aber es lauern inzwischen schon deutlich mehr Fallstricke als in früheren Journalisten-Zeiten. Ohne presserechtliche Grundkenntnisse geht’s heute überhaupt nicht mehr. Ich nenne hier nur zwei Stichworte: Persönlichkeitsschutz und Persönlichkeitsrecht.

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Das Schlagwort “Lügenpresse” und Überschriften wie ”Geschlagen, geschubst, getreten und bespuckt: Angriffe auf Journalisten die neue Normalität”/”Teils massive Behinderungen von Journalisten” – welche Auswirkungen haben solche Vorkommnisse auf den Beruf des Journalisten?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Sie machen uns das Leben nicht leichter, klar. Der Journalismus wird heute sehr kritisch beäugt, zum Teil hat er sich das selbst zuzuschreiben. Bei uns in der Oberpfalz ist die Welt da noch einigermaßen in Ordnung. Hier kann Journalist immer noch ein Traumberuf sein.

ONETZ: Was entgegnen Sie einem Leser, der uns als Mainstream-Medium bezeichnet?

Leseranwalt Jürgen Kandziora: Das sind wir nicht. Denn der Markenkern unserer Zeitung ist das Regionale und Lokale, darauf konzentrieren wir uns in erster Linie. Der Lokalteil ist für die meisten unserer Leser der Hauptgrund, die Zeitung zu abonnieren.

Wichtig es es, dem Leser zuzuhören.

Leseranwalt Jürgen Kandziora

 

 

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