05.03.2020 - 08:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mann mit Corona-Verdacht im Klinikum – Ehefrau klagt: "Als hätte er die Pest"

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Den 35-Jährigen plagen heftige Rückenschmerzen, seine Frau wählt den Notruf. Plötzlich steht der mehrfache Vater unter Corona-Verdacht. Er ist der erste Patient dieser Art am Klinikum Weiden – und es läuft nicht optimal, klagt die Frau.

Im Klinikum Weiden steht in der Kritik – zumindest bei der Gattin eines Patienten.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Die Rückenschmerzen werden am Montag unerträglich für den 35-Jährigen aus dem Landkreis Neustadt/WN. Er kann sich vor Schmerzen kaum noch bewegen. Also wählt seine Frau den Notruf. Zwei Rückfragen lassen sie stutzen: Ob der Patient Erkältungssymptome zeige und in letzter Zeit im Ausland unterwegs gewesen sei? "Mein Mann hatte Schnupfen und Husten. Beruflich ist er auch oft unterwegs", bejaht die Ehefrau. Beim Eintreffen des Sankas staunt die 33-Jährige nicht schlecht.

Die Retter fuhren in strammer Schutzkleidung vor. "Sie trugen alle orange Kittel, blaue Handschuhe und weiße Masken. Meinem Mann haben sie auch gleich eine Maske aufgesetzt." Er stehe unter Corona-Verdacht. Mit Rückenschmerzen und Mundschutz geht's ab in die Notaufnahme des Klinikums Weiden. "Die Vorsichtsmaßnahmen waren völlig in Ordnung", findet die Ehefrau im Nachhinein. Nur was im Klinikum folgt, kann sie bis heute nicht verstehen.

Erster Patient mit Corona-Verdacht in Isolation am Klinikum Weiden

Weiden in der Oberpfalz

Ohne Mundschutz in der Notaufnahme

Ein Arzt habe ihren Mann dort "in die Augen geschaut" und gesagt: "Der hat bestimmt keinen Corona." Die Maske wird dem 35-Jährigen abgenommen. Danach habe er etwa eine Stunde am Gang der Notaufnahme gelegen. Ohne Mundschutz. Untersuchungen folgen. Wegen der Rückenschmerzen. Dann geht es in ein Patientenzimmer. "Und am nächsten Tag sind sie alle ausgeflippt", erinnert sich die Ehefrau. Der Corona-Verdacht keimt wieder auf.

Es ist Dienstag, kurz vor 9 Uhr. "Plötzlich ist aufgefallen, dass nicht auf Corona getestet wurde." Das Zimmer ihres Mannes sei von jetzt auf gleich abgeriegelt, ein Abstrich des Hals- und Rachenraums bei dem 35-Jährigen gemacht worden. Arztvisiten? Fehlanzeige. Nachschau des Pflegepersonals? Mitnichten! "Eine Schwester hat nur kurz das Frühstück reingeschoben und war wieder weg." Die meisten hätten sehr unbeholfen im Umgang mit der Situation gewirkt. Eine Paracetamol-Flasche tropft. "Nur, einem Mann mit Bandscheibenvorfall hilft das nichts", sagt die Frau. Es habe Behandlungsstillstand geherrscht. Allerdings sei die 33-Jährige mit der kleinen Tochter (2) ohne weiteres ins Isolation-Zimmer gekommen. Das Schild mit dem Hinweis habe die Ehefrau schlicht übersehen.

Was sollten Menschen tun, die fürchten, sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt zu haben?

Oberpfalz

Allein mit Schmerzen

Drinnen findet die Frau ihren Mann, der nach eineinhalb Tagen Ausnahmesituation gewaschen werden müsste. "Das wollte ich gern tun, nur sollte die Schwester dazu kurz alles abkapseln." Doch über drei Stunden schaut niemand vorbei. Die Ehefrau muss los, das andere Kind von der Kita abholen. Der Mann krümmt sich derweil vor Schmerzen. Auf sein Klingeln wird nicht reagiert. "Als seine Urinflasche unters Bett fiel, musste er sich wegen der Schmerzen unter Schreien vom Bett zur Toilette schleppen." Erst mit dem Schichtwechsel verändert sich die Situation. "Nachmittags kam der fähige Rest", sagt die 33-Jährige rückblickend. Und endlich ein Arzt. "Mein Mann sagte zuvor, wenn nicht, springt er aus dem Fenster. Die Schmerzen waren einfach zu stark." Der Mediziner stellt den Patienten ein, die Schmerzen werden weniger, die Situation nach knapp zwei Tagen erträglich. Am Dienstagabend folgt der Befund des Corona-Tests: negativ. Schon am Mittwoch zieht ein weiterer Patient und damit der Klinikalltag ins Zimmer des 35-Jährigen.

Beschwerde bei Klinikleitung

Einfach über das Geschehen hinwegsehen will die Ehefrau trotzdem nicht. Sie beschwert sich bei der Klinikleitung über den Behandlungsverlauf. "Ich weiß, dass das medizinische Personal viel Arbeit hat. Ich weiß auch, dass wegen Corona Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden müssen. Aber das rechtfertigt nicht, dass mein Mann behandelt wurde, als hätte er die Pest." Die Reaktion der Klinik stimmt die Frau aus dem Landkreis Neustadt/WN zuversichtlich: "Ich habe ein offenes Ohr vorgefunden und den Eindruck, man wird definitiv reagieren."

Info:

Beschwerde nach Corona-Verdacht: So reagiert das Klinikum Weiden

• Rettungsdienst mit Schutzausrüstung: Ja, das ist ab sofort Routine, sagt die Medizinische Direktorin der Kliniken Nordoberpfalz AG, Michaela Hutzler. So jedenfalls wurde es bei den Treffen der Vertreter der Leitstelle, des BRK, der Gesundheitsämter Weiden-Neustadt und Tirschenreuth, der Vertreter des Landratsamtes und der Stadt Weiden sowie der Kliniken AG festgelegt, die seit der Bedrohung durch das Coronavirus zwei Mal wöchentlich (montags sowie donnerstags) und damit vor einer sogenannten "Lage" stattfinden. Demnach messen die Mitarbeiter des Roten Kreuzes beim Antreffen von Infektionspatienten (von Grippe bis Corona) ab sofort die Temperatur und setzen ihnen einen Mundschutz auf. "So kommen sie zu uns in die Notaufnahme", sagt Hutzler. Der Chef der Rettungsleitstelle (ILS), Jürgen Meyer, ergänzt: "Um unsere Mitarbeiter zu schützen, fragen wir nun bei jedem Krankentransport ab, ob der Patient Erkältungssymptome zeigt und sich vor kurzem im Ausland aufgehalten hat." Das nächste und damit zum dritten Mal trifft sich diese Koordinierungsgruppe übrigens am heutigen Donnerstag, 5. März.

• Arztreaktion in der Notaufnahme: In der Notaufnahme des Klinikums geht der Arzt laut Hutzler eine Checkliste des Robert-Koch-Instituts durch. Je nachdem schließe er einen Corona-Verdacht aus oder nicht. Beim oben genannten Patienten habe der Arzt den Infekt ausgeschlossen. Dennoch wurde am Folgetag ein Test vorgenommen. Warum? "Das machen wir in der Regel nur, wenn sich der Gesundheitszustand zwischenzeitlich verschlechtert hat." Da dies aber nicht der Fall war, geht Hutzler von einem "kommunikationstechnischen Problem" aus.

• Die Frau des Patienten, der unter Corona-Verdacht im Klinikum Weiden stand, beschwert sich über den unbeholfenen Umgang der Pflegekräfte und Ärzte mit ihrem Mann, ja gar über einen Stillstand bei der Behandlung. "So etwas kommt nicht mehr vor", sagt Hutzler. Noch am Dienstag habe man in der Koordinierungsgruppe über vier Stunden zusammengesessen und eine Art Checkliste erarbeitet, nach der gehandelt werde, sobald ein Corona-Verdachtsfall auftauche. Entsprechende Mitarbeiter-, Hygiene- und Aufklärungsschulungen würden folgen. Das heiße aber nicht, dass nicht schon zuvor den Mitarbeitern bekannt gewesen sei, wie man bei Viruserkrankungen vorzugehen habe. "Corona ist nicht der erste Virus. Das Personal ist geschult im Umgang." Dass Mitarbeiter trotzdem nicht korrekt reagiert haben, erklärt Hutzler so: "Die Medien schrecken das Personal auf."

Coronavirus: Tests in Weiden und dem Landkreis Neustadt laufen

Weiden in der Oberpfalz

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Kommentare

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Markus Schaffer

Man würde sich etwas mehr Objektivität in der Berichterstattung wünschen. Sicherlich gibt es in jedem Klinikum mit mehr als 100.000 Patienten pro Jahr den ein oder anderen Einzelfall bei dem nicht alles perfekt läuft, von den über 100.000 auf universitärem Niveau behandelten und zufriedenen Patienten liest man leider sehr selten. Zum einen trägt das Klinikum keine Schuld an nicht gelesenen Hinweisschildern, von einer gewissen Eigenverantwortung der Angehörigen muss man ausgehen können (Soll man etwa die Türe zusperren???). Zum anderen sollte man auch eine Verunsicherung des Personals durch ständig wechselnde Empfehlungen in der Presse mit Verursachung einer Hysterie berücksichtigen (Die Influenzawelle mit einer Vielzahl von Todefällen bekommt auf einer nahezu ganzseitigen Berichterstattung über Corona lediglich eine Randnotiz).
Leider überwiegt wieder einmal der Sensationsjournalismus einer sachlichen Berichterstattung.

07.03.2020
Thomas Bäumler

Man darf das am allerwenigsten dem Klinikum anlasten. Seit etwa zwanzig Jahren warnt das RKI vor einer Pandemie, die wahrscheinlich von China ausgehen wird. Dies läßt sich durch einschlägige Bulletins belegen. Was ist geschehen? Nichts. Die zuständigen Behörden haben, wie bei der ebenfalls schon lange abzusehenden Flüchtlingskrise geschlafen. Staatlich organisierte Bevorratung von Schutzanzügen, -masken und Desinfektionsmitteln: Fehlanzeige. Dezidierte Vorfeldnotfallpläne oder gar Schulungen für Praxen und Kliniken: ach was, brauchts doch nicht. Lieber verlagern wir auch noch die Medikamenten- und Desinfektionsmittelproduktion um des schnöden Mammons nach China und wundern uns dann, wenn die Lieferketten zusammenbrechen. Es braucht niemanden zu verwundern, wenn ärztliches und nichtärztliches Personal nicht wissen, wie mit einer solchen Krise umzugehen ist. Man hat sie ja auch nicht im geringsten darauf vorbereitet.

05.03.2020