02.08.2021 - 18:01 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Leiter des Wasserwirtschaftsamt im Interview: Eifel-Katastrophe auch in der Oberpfalz möglich

Das Katastrophen-Hochwasser im Westen schockiert auch Wasserwirtschaftsamt-Chef Mathias Rosenmüller. Im Interview äußert sich der erste Hochwasserschützer der nördlichen Oberpfalz zur Frage, ob es sich in Nordostbayern wiederholen könnte.

Hochwasserschutz wie in Weiden wird es künftig auch an anderen Orten der Oberpfalz geben. Das Wasserwirtschaftsamt treibt die Planung derzeit voran.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

ONETZ: Als Laie hat man in den vergangenen Wochen fassungslos die Bilder aus der Unwetterregion in Westdeutschland verfolgt. Wie wirkt das Geschehen auf Sie als Fachmann?

Mathias Rosenmüller: Mir ging es ganz genauso. Vor allem eine solche Zahl von Todesopfern hätte ich niemals für möglich gehalten.

ONETZ: Ihre Behörde ist für den Hochwasserschutz in der nördlichen und mittleren Oberpfalz zuständig Hat das Ereignis Folgen für ihre Arbeit hier?

Natürlich führt so etwas dazu, dass wir uns und unsere Arbeit hinterfragen. Man muss aber klar sagen: Wenn ein solches Ereignis – diese Regenmengen in dieser Ausdehnung – bei uns auftreten würde, es würde ebenfalls eine Katastrophe geben. Ob und wie viele Tote in der Oberpfalz damit verbunden wären, ist eine andere Frage. Hier haben die geografischen Umstände im Unglücksgebiet sicher eine Rolle gespielt. Eine Katastrophe wäre bei einem solchen 1000-jährlichen Hochwasser aber auch in der Oberpfalz unvermeidlich.

ONETZ: Ist die nördliche Oberpfalz besonders hochwassergefährdet?

Das würde ich schon so sagen. Schon alleine wegen der Mittelgebirgs-Topographie sind wir hier prädestiniert. Andererseits ist gerade die nördliche Oberpfalz dünn besiedelt. Es gibt hier nicht den großen Siedlungsdruck, unbedingt in besonders gefährdete Flächen bauen zu müssen. Wobei es natürlich historisch gewachsene Orte gibt, die in Überschwemmungsgebieten liegen.

ONETZ: Rechnen Sie damit, dass extreme Ereignisse auch bei uns häufiger auftreten werden? Stichwort Klimawandel.

Ja, damit rechnen wir. Und schon heute merken wir, dass Starkniederschläge häufiger werden. Hier in der nördlichen und mittleren Oberpfalz hatten wir zuletzt verhältnismäßig Glück mit Starkregen. Es gab zwar Ereignisse wie etwas in Konnersreuth im Landkreis Tirschenreuth, in Georgenberg im Kreis Neustadt/WN oder vor kurzen im Schwarzenfeld. Das waren lokale Ereignisse, die sich im nächsten Fluss verlaufen haben.

ONETZ: Also kein Vergleich mit dem, was die Menschen in der Eifel erleben mussten?

Natürlich nein. Aber für die Betroffenen sind diese lokalen Gewitter dennoch sehr gefährlich, weil man sich nicht vorbereiten kann. Man geht ins Bett und am nächsten Tag ist der Ort verwüstet, so wie vergangenes Jahr in Oberbibrach im Landkreis Neustadt/WN. In Passau gibt es ebenfalls häufig starke Hochwasser, aber die Menschen dort können sich vorbereiten. Die Vorwarnzeit haben wir an den Oberläufen nicht.

ONETZ: Heißt das, dass neue Maßnahmen für den Hochwasserschutz nötig sind? Kann man solche Katastrophen "wegbauen"?

Da muss ich an eine Broschüre denken, die mir vor einiger Zeit unterkam. Der einleitende Satz lautete: "Damit Hochwasser nicht zur Katastrophe wird". Das trifft es ganz gut.

ONETZ: Wie meinen Sie das?

Hochwasser kann man nicht verhindern, es war schon immer da. Aber Katastrophen kann man unter Umständen vorbeugen, so kann man zum Beispiel einem hundertjährlichen Hochwasser etwas von seinem Schrecken nehmen.

ONETZ: Heißt 100-jährliches Hochwasser heute noch dasselbe wie vor 20 Jahren? Oder sorgt nicht der Klimawandel dafür, dass solche Ereignisse häufiger vorkommen?

Das kann gut sein. Deshalb haben wir in Bayern seit 2005 einen Klimafaktor beim Hochwasserschutz. Wir legen unser Hochwasserschutzmaßnahmen auf einen 15 Prozent höheren Abfluss im Gewässer aus.

ONETZ: Gibt es Indikatoren, an denen ich als Hausbesitzer erkennen kann, dass mein Haus in einem gefährdeten Bereich steht.

Es gibt Hinweise, ein steiler Hang am Haus oder die Lage in einer Talmulde. Auch ein Bach in der Nähe kann zur Gefahr werden. Allerdings muss man auch wissen, dass es nicht so leicht ist, eine Überschwemmung vorherzusagen. En Bach kann dann in kurzer Zeit beispielsweise auf das 40-Fache seiner normalen Wassermenge anschwellen. Ein Rinnsal reißt plötzlich Autos mit. So sind dann auch oft Häuser betroffen, von denen man es vorher nicht gedacht hätte. Das Wasser kann plötzlich von überall her kommen. Eine erste Einschätzung fürs eigene Haus liefert Hochwasser-Check.de. Dort gibt es einen Fragebogen, mit dem man einen Check fürs eigene Haus machen kann.

ONETZ: Oft werden kleinen Bäche zur Lebensgefahr, für die nicht das Wasserwirtschaftsamt, sondern die Kommunen zuständig. Man kann sich vorstellen, dass diese lieber ihre Schulen in Schuss halten, als einen Bach für ein Ereignis sicher zu machen, dass nur alle 100 Jahre auftritt. Ist das ein Problem?

Es ist auf jeden Fall so, dass es an den sogenannten Gewässern dritter Ordnung, kleineren Bächen, relativ wenige Hochwasserschutzmaßnahmen gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein lokales Ereignis genau den eigenen Ort trifft, erscheint auf den ersten Blick eher gering. Wir können hier nur beratend auftreten und versuchen, Überzeugungsarbeit zu leisten.

ONETZ: Welche Rolle spielt die zunehmende Flächenversiegelung beim Thema Hochwasser?

Die zunehmende Bebauung hat natürlich Einfluss auf den Wasserabfluss und damit auch auf Hochwasserereignisse. Allerdings ist auch klar: Bei solchen Ereignissen wie in Westdeutschland ist die Bebauung nicht entscheidend. Was der Boden von diesen Wassermengen aufnehmen könnte, spielt für den Verlauf kaum eine Rolle.

ONETZ: Wird es neue Hochwasserschutzmaßnahmen in der Oberpfalz geben müssen?

Es sind schon jetzt viele Maßnahmen entlang Naab, Vils und Regen in Planung oder in Bau. Mögliche Szenarien werden schon länger durchgespielt. Welche Gebiete wären betroffen, wie viele Einwohner? Was benötigt man für eine Evakuierung? Solche Fragen sind für Extremereignisse schon bedacht.

ONETZ: Zum Schluss: Wie steht es um die Akzeptanz für den Hochwasserschutz? So lange es kein Hochwasser gibt, sind Dämme und Wälle ja eher ein Ärgernis.

Man merkt schon, dass oft Bewusstsein für den Hochwasserschutz fehlt. Das sieht man am Anspruchshalten einzelner Anlieger oder an den Forderungen von Grundeigentümern. Leichter wird es, wenn die Menschen einen Nutzen von der Maßnahme haben oder auch selbst schon Hochwassererfahrung gemacht haben. Am Regen im Landkreis Schwandorf sind die Menschen für den Hochwasserschutz zum Beispiel viel offener als entlang der Naab. Dort liegt das letzte 100-jährliche Hochwasser vom August 2002 nur knapp 20 Jahre zurück. An der Naab gab es das letzte mal ein solches Ereignis im Jahr 1909. Statistisch gesehen wäre es also überfällig.

Sirenen in Teilen Weidens warnen

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Das Wasserwirtschaftsamt Weiden verfolgt mit dem „Naabtalplan“ ein abgestimmtes Hochwasserschutzkonzept, um Anwohner der Naab vor Hochwassern zu schützen.

  • Projektgebiet von Wernberg bis Burglengenfeld.
  • 9 Kommunen mit 30 Stadt-/ und Ortsteilen.
  • Der Schutz ist auf ein Hundertjährliches Hochwasser ausgelegt mit einem Wasserabfluss von 400 bis 900 Kubikmeter pro Sekunde.
  • Betroffen sind etwa 13 500 Einwohner und rund 1 850 Arbeitsplätze.
  • Baukosten betragen 100 Millionen Euro.
  • Ohne Schutz besteht ein Schadenspotential von rund 200 Millionen Euro
  • Zum Naabtalplan kommen weitere Maßnahmen im Zuständigkeitsbereich des WWA Weiden. Ein Überblick von Nord nach Süd:
    -Waldsassen
    -Neustadt/WN
    -Michelfeld (Sanierung)
    -Weiden (Nachrüstung)
    -Weiherhammer
    -Wernberg (zwei Ortsteile)
    -Pfreimd
    -Nabburg
    -Wölsendorf
    -Brensdorf
    -Amberg
    -Theuern
    -Schwarzenfeld (3 Ortsteile)
    -Schwandorf (6 Ortsteile)
    -Schmidmühlen (Bestand)
    -Teublitz (5 Stadtteile)
    -Burglengenfeld (2 Stadtteile)
    -Nittenau
Mathias Rosenmüller, Leiter des Wasserwirtschaftsamts in Weiden

 

 

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