15.01.2021 - 14:37 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kostenfalle Testzentrums-Hotline? Weidener spricht von Betrug

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Um ihr Corona-Testergebnis zu erfragen, ruft eine Weidenerin beim Betreiber des Zentrums, der Firma Ecocare, an. Plötzlich soll sie dafür 12 Euro zahlen. Ihr Ehemann wittert Betrug. Es geht um illegale Methoden und eine spezielle Vorwahl.

Hier, im Weidener Corona-Testzentrum, hat sich Roland B.s Ehefrau kurz vor Heiligabend testen lassen. Der spätere Anruf beim Betreiber Ecocare kostete 12 Euro. Einen Gebührenhinweis gab es nicht. Schon im Herbst war Ecocare ins Visier der Bundesnetzagentur geraten und abgemahnt worden.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Das Angebot, sich im Weidener Testzentrum einem Corona-Test zu unterziehen, ist kostenlos. Interessierte bekommen schon vorab einen QR-Code und eine Nummer übermittelt, über die sich später das Ergebnis erfragen lässt. So lief es auch in der Familie von Roland B. aus Weiden. Seinen vollen Namen oder den seiner Frau möchte er nicht in der Zeitung lesen. Kurz vor Weihnachten wollte sich seine Gattin auf das Coronavirus testen lassen, da ihre Mutter an Heiligabend zu Besuch sein würde. Sicher ist sicher. Der Test an sich sei problemlos verlaufen, nur: Das Ergebnis ließ auf sich warten. In höchstens 48 Stunden hätte es vorliegen sollen. An Heiligabend mussten die beiden reagieren. Auf der Webseite der Stadt Weiden fanden sie einen Link zum Betreiber des Testzentrums, der Firma Ecocare. Dort war eine Nummer angegeben, falls Test-Patienten Nachfragen hätten. Kostenlos, dachten die beiden.

B.s Frau rief an - es war eine Nummer mit Düsseldorfer Vorwahl – und landete in der Warteschleife. "Ganz typisch Warteschleife", erzählt Roland B., "alle Mitarbeiter seien im Gespräch, also haben wir gewartet und dem Musik-Gedudel zugehört." Über eine Dreiviertelstunde dauerte es, bis sich am Ende der Leitung jemand meldete. Der Coronatest war negativ, alles in Ordnung. Roland B.s Schwiegermutter konnte an Heiligabend zu Besuch kommen.

"Rufnummer zu Sonderdiensten"

Knapp drei Wochen lang hörte Roland B. nichts mehr von Ecocare. Warum auch: Der Test war abgeschlossen, das Thema erledigt. Am vergangenen Montag erhielt er seine Telefonabrechnung. Darin war ein Gespräch aufgelistet, das 49 Minuten und 49 Sekunden gedauert hatte. Die Nummer aber war Roland B. unbekannt. Wieso er für dieses Gespräch über 12 Euro bezahlt haben sollte, ebenfalls. Über den angegebenen Gesprächszeitpunkt war ihm aber sofort klar: Ecocare, das Testzentrum. "Angeblich hätte meine Frau eine Rufnummer zu Sonderdiensten angerufen. Das stimmt aber nicht, es war eine Festnetznummer. Das dürfte eigentlich nichts kosten", sagt er. Einen Gebührenhinweis vor der Warteschleife habe es nie gegeben. "Für mich ist das Beschiss, klassischer Betrug", schimpft Roland B.. "Da rufen jetzt seit Monaten Leute an und merken erst später, wie viel das kostet. Wie willst du das einer Oma erklären, die dann eine Stunde am Telefon hängt?"

Roland B. versuchte nachzuforschen. Das örtliche Gesundheitsamt war nicht zu erreichen, sein Mobilfunkanbieter speiste ihn rasch ab. Nun will er vor den Gebühren warnen. "Bei einem kostenlosen Test darf es doch keine versteckten Kosten geben." Gerade im Dezember, als die Infektionszahlen ihren vorläufigen Höchststand erreichten, befürchtet B., habe Ecocare sich eine goldene Nase verdient. "Da bist du ganz schnell bei 25 000 Euro am Tag", glaubt er. Allein durch Anrufer in der Warteschleife.

Abmahnung ausgesprochen

Was steckt also hinter den Gebühren? Geht es wirklich um Betrug? Auf Nachfrage verweist die Stadt Weiden auf das Neustädter Landratsamt, dort sei das Anliegen besser aufgehoben. Die Pressestelle des Landratsamtes kennt selbstverständlich den Anbieter des Testzentrums und die angebotene Hotline. Von den Gebühren sei aber "hausintern nichts bekannt", so die Auskunft. Man wolle nun bei Ecocare nachfragen.

Auffällig ist bei Roland B.s Abrechnung, die Oberpfalz-Medien vorliegt, dass nicht die Nummer angegeben wird, die der Weidener gewählt hatte. Statt der Düsseldorfer Vorwahl 0211 taucht die 032 auf. B. versichert, seine Frau habe die Nummer nie gewählt. Er habe aber nachgelesen und herausgefunden, dass es sich dabei um eine ortsungebundene Vorwahl speziell für Internettelefonie handelt, die häufig von Callcentern verwendet wird.

All das stimmt, wie die Bundesnetzagentur bestätigt. Die Bundesbehörde ist dafür zuständig, einen fairen Wettbewerb, unter anderem im Bereich Telekommunikation, zu sichern. Und sie weiß: Ecocare, der Betreiber des Testzentrums für Weiden und Neustadt, ist der Agentur wohlbekannt. Im Herbst gab es bereits bundesweit Beschwerden von Anrufern, die sich plötzlich mit einer hohen Telefonrechnung konfrontiert sahen. Auch hier spielte die Vorwahl 032 eine Rolle. Im Gegensatz zu B. waren Anrufer von Ecocare angehalten worden, stattdessen unter dieser Nummer anzurufen. Die Bundesnetzagentur hat in der Folge ein Verfahren gegen Ecocare eingeleitet und das Unternehmen abgemahnt. "Für Warteschleifen dürfen keine Kosten berechnet werden", so ein Sprecher. "Mehrere Anrufer, denen teils erhebliche Kosten entstanden sind, haben diese erstattet bekommen."

Seit November kostenlos?

Für die Agentur war der Fall damit geklärt. B.s Anruf an Heiligabend aber wirft wieder ein neues Licht auf die rechtswidrige Praxis. Leitet Ecocare Anrufer nun einfach während des Anrufs an die kostenpflichtige 032-Nummer weiter? Ohne jeden Hinweis? Legal wäre das freilich nicht. Als Ecocare mit dem Verfahren der Bundesnetzagentur konfrontiert war, habe das Unternehmen "den Gesetzesverstoß eingeräumt und glaubhaft versichert, dass es sich dieser Problematik nicht bewusst gewesen ist", heißt es von der Agentur.

Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien bestätigt Ecocare selbst die Vorfälle. Man habe im vergangenen Jahr unter Zeitdruck Teststationen aufbauen und eine Hotline einrichten müssen. Provisorisch sei deshalb ein Callcenter unter der kostenpflichtigen 032-Nummer eingerichtet worden. "Hier sind für Anrufende deshalb in der Tat oft höhere Kosten entstanden, allerdings nicht durch uns", beteuert das Unternehmen. Mehrkosten für Kunden seien erstattet worden, schon seit November sei eine neue, nun kostenlose Nummer aktiv - die Düsseldorfer Vorwahl, bei der auch Roland B.s Ehefrau angerufen hat. Kostenlos war das aber keineswegs. Die Falle schnappte erneut zu.

"Es geht um Gerechtigkeit"

Ob es sich bei diesem Gespräch nun um ein technisches Problem gehandelt hat, dem will die Bundesnetzagentur nachgehen. Die Verbraucherzentrale Bayern jedenfalls sieht hier den Staat in der Pflicht, für Transparenz zu sorgen, gerade mit Blick auf ein derart sensibles Thema wie ein Corona-Testergebnis. "Das Problem der 032-Rufnummern ist uns bekannt", bestätigt ein Sprecher. Beschwerden seien keine Seltenheit. Eine Umleitung auf eine kostenpflichtige Nummer ohne vorherigen Hinweis sei laut Verbraucherzentrale "wohl nicht zulässig". Für Roland B. ist klar: "Hätte ich vorab die Information bekommen, wie teuer der Anruf wird, hätten wir gleich aufgelegt und es per Mail versucht." Freilich, die 12 Euro für das Gespräch seien nicht die Welt, räumt er ein. "Aber es geht ums Prinzip und um Gerechtigkeit." Immerhin: Seine Chancen, das Geld erstattet zu bekommen, stehen gut.

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Info:

Das ist Ecocare, der Betreiber des Weidener Testzentrums

  • Ecocare ist eine auf medizinische Dienstleistungen spezialisierte Firma mit Sitz in Düsseldorf. Sie gehört zu Ecolog, einem Militär-Dienstleister aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
  • Seit der Pandemie konzentriert sich Ecocare auf den Betrieb von Corona-Testzentren, insbesondere in Bayern. Neben Weiden gibt es Standorte in Ansbach, Augsburg und Nürnberg. Außerdem bietet Ecocare an den Flughäfen Nürnberg, Hannover, Brüssel und Eindhoven Corona-Tests an.
  • Ecocare arbeitet aber auch mit dem britischen Gesundheits- und Sozialministerium zusammen und führt im Europäischen Parlament Corona-Tests durch. Auch Tests vor Großveranstaltungen oder bei Unternehmen seien möglich.
Kommentar:

Eine miese Nummer

Es musste eben schnell gehen. Widrig seien die Umstände gewesen. Kernaussage: Da passieren schon mal Fehler. So begründet Ecocare, dass für Anrufer, die dringend ihr Corona-Testergebnis erfragen wollten, saftige Gebühren angefallen sind. Wochenlang. Dass Anrufer in Warteschleifen stecken und dort pro Minute hohe Centbeträge abgerechnet worden sind.

Klar, es ist eine Pandemie, eine Ausnahmesituation, auf die niemand vorbereitet, für die keiner gerüstet war. Dass es aber ausgerechnet ein Unternehmen wie der hinter Ecocare stehende Konzern Ecolog (ein weltweit operierender Militär-Dienstleister) nicht schafft, eine kostenlose Hotline auf die Beine zu stellen, das mutet doch seltsam an. Und dass Ecocare keinen Schimmer davon gehabt haben will, dass für Anrufe bei 032-Vorwahlen Gebühren anfallen könnten, ist ebenfalls nicht allzu glaubwürdig. Zumal sowohl der Verbraucherzentrale als auch der Bundesnetzagentur diese Praxis im widerrechtlichen Bereich bekannt ist.

Selbstverständlich sind Ecocare die Einnahmen durch Telefongebühren erst aufgefallen, als die Bundesnetzagentur ans Firmentor klopfte. Und nun scheint es, als habe Ecocare selbst nach erfolgter Abmahnung die Kostenfalle nicht beseitigen können – sei sie nun bewusst oder aus Versehen aufgestellt worden. Bis das Problem aus der Welt geschafft ist, sollten die Stadt Weiden und das Landratsamt Neustadt vor dieser Nummer warnen.

Florian Bindl

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