06.08.2020 - 20:25 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Klinikum Weiden: Patienten fürchten Aus für Rheuma-Ambulanz

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Gabriele Müller hat Angst. Die Weidenerin fürchtet, dass die Rheuma-Ambulanz am Klinikum Weiden schließt und sie keinen anderen Rheumatologen findet. "Im schlimmsten Fall werde ich vor Schmerzen eingehen", prophezeit die 71-Jährige.

Rheuma ist schmerzhaft und oft auch chronisch. Patienten brauchen dauerhaft fachärztliche Betreuung. Nur scheint die in Weiden und im Landkreis Neustadt/WN rar.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Seit 2012 ist Gabrielle Müller als Rheumapatientin in Behandlung. "Nun habe ich gehört, die Rheumatologie am Klinikum könnte im September schließen." Weitere Fachärzte in diesem Bereich gibt es in Weiden aber nicht. Gabriele Müller weiß nicht, wohin.

Die nächsten Spezialisten in Marktredwitz und Amberg seien überlastet: "Da gibt es ein Aufnahmestopp." Müller spricht von zig Rheuma-Patienten aus der Region, die ähnlich verzweifelt seien. Immer wieder hörten sie, es sei unsicher, ob der nächste vereinbarte Termin in der Klinik-Ambulanz tatsächlich gehalten werden kann.

Gerüchte seit Januar

Bereits seit Januar kursieren die Gerüchte über eine mögliche Schließung der Rheuma-Ambulanz am Klinikum Weiden noch in diesem Jahr. Zuletzt bestätigte Anfang März der damalige Oberbürgermeister Kurt Seggewiß bei der Regionaltagung der Deutschen Rheumaliga des Bezirks Oberpfalz in Weiden, dass die Abteilung wegen der finanziell schwierigen Situation der Kliniken AG im Feuer steht. Die Ambulanz kann im Vergleich zu einem niedergelassenen Facharzt wohl schwer wirtschaftlich agieren. Im Mai oder Juni, so hieß es damals, falle eine Entscheidung über den Fortbestand. Aber bereits am 13. März folgte der Corona-Lockdown, der sämtliche Zeitpläne verschoben hat. Eine offizielle Entscheidung gibt es bis heute nicht. Aber eine Erklärung seitens der Kliniken Nordoberpfalz AG.

Auf den ersten Blick fällt beim Klinikum Weiden die für viele Patienten wichtige Anlaufstelle Rheuma-Ambulanz gar nicht ins Auge. Eine gewinnbringende Einrichtung ist sie wohl für die AG auch nicht. Deshalb steht sie seit Monaten im Feuer. Sehr zur Sorge der betroffenen Patienten.

Auf Nachfrage sagt der Sprecher des Kliniken-Verbundes, Michael Reindl: "Wir sind uns bewusst, dass die Diskussionen in der Vergangenheit über eine mögliche Schließung der Rheumatologie am Klinikum Weiden für Rheumapatientinnen und -patienten der Region zu großer Verunsicherung geführt haben. Zugleich bitten wir um Verständnis, dass wir im Rahmen des Sanierungsprozesses der Kliniken Nordoberpfalz AG alle Optionen, auch in Bezug auf die Rheumatologie, prüfen müssen."

Die Schließung muss das aber wohl nicht zwingend zur Folge haben, erklärt Reindl doch weiter: "Aktuell arbeiten wir derzeit mit Hochdruck an einer Lösung, die eine medizinisch und wirtschaftlich sinnvolle Fortführung der Rheumatologie zum Ziel hat." Das klingt nach Hoffnung.

Rheumatologie am Klinikum steht im Feuer

Weiden in der Oberpfalz

Gabriele Müller macht sich trotzdem große Sorgen. "Wenn ich keinen Rheumatologen finde, bekomme ich einen Schub nach dem anderen und gehe vor Schmerzen ein", sagt die ehemalige Krankenschwester, die selbst jahrelang am Klinikum gearbeitet hat. Allein ihre Medikation sei komplex - und teuer. "Die Packung kostet um die 5000 Euro." Sie brauche deshalb einen Facharzt und Planungssicherheit für den nächsten Termin.

Auch Rheumaliga weiß nichts über Pläne

Doch Planungssicherheit gibt es derzeit nicht. "Ich weiß überhaupt nicht, wie es weitergehen wird", sagt Marion Happach, Vorsitzende der Rheumaliga Weiden-Neustadt. Seit dem Lockdown am 13. März sei sie mit der Liga nicht mehr im Klinikum zu Gast gewesen. Aber ihre Arbeitsgemeinschaft habe ihren Teil getan, darzulegen, wie wichtig die Versorgung von Rheuma-Patienten in der Region ist. "Jetzt können wir nur noch hoffen. Noch scheint ja alles in der Schwebe zu sein." Eins aber stehe fest: Wenn die Rheuma-Ambulanz am Klinikum schließt, "gibt es in Weiden für uns erst mal keine Anlaufstelle mehr".

Das bestätigt Dr. Matthias Loew, Delegierter der Kassenärztlichen Vereinigung, auf Nachfrage: "In Weiden könnten wir einen Rheumatologen brauchen." Der letzte, Dr. Stephan Dietl, habe vor etwa zehn Jahren seine kassenärztliche Praxis an der Sebastianstraße geschlossen. "In diese Lücke ist damals das Klinikum mit der Rheuma-Ambulanz gestoßen." Würde diese schließen, säßen die nächsten Fachärzte 40 bis 70 Kilometer weit weg, etwa in Amberg oder Marktredwitz. Von Aufnahmestopps dort habe auch Loew gehört.

Angeblich keine Facharzt-Not

Dennoch spricht der sogenannte Bedarfsplan der Kassenärztlichen Vereinigung aus dem Dezember 2019, der auf Bundesvorgaben beruht, eine ganz andere Sprache: Es gibt demnach keine Unterversorgung in Weiden und im Landkreis Neustadt/WN.

Zur Erklärung: Grundsätzlich gilt laut KV, je höher der Spezialisierungsgrad einer Arztgruppe ist, umso größer ist der Bereich und damit die Zahl der Patienten, die der Facharzt zu versorgen hat. Für Rheumatologen, eine spezialisierten fachärztlichen Versorgung, gibt es zum einen den Planungsbereich Oberpfalz-Nord. Er umfasst neben den Städten Weiden und Amberg auch die Landkreise Neustadt/WN, Tirschenreuth, Amberg-Sulzbach und Schwandorf. Zum anderen schlägt eine Quotenregelung innerhalb der Facharztgruppe zu Buche, informiert die KV. Sie soll verhindern, dass es etwa nur Kardiologen statt Rheumatologen gibt. Gemäß dieser Rechnung gebe es zwei Zulassungsmöglichkeiten für einen kassenärztlichen Arztsitz für Rheumatologen im Planungsbereich Oberpfalz-Nord. "Von einer Unterversorgung im Bereich der fachärztlich tätigen Internisten für Weiden und den Landkreis Neustadt kann daher nicht gesprochen werden", schlussfolgert die KVB-München.

Gabriele Müller und die anderen Rheuma-Patienten verstehen das nicht. Sie bangen weiter um ihre Anlaufstelle im Klinikum. Ob und in welcher Form diese bleibt, wird wohl erst im September bekannt. Dann tagt der Aufsichtsrat der Kliniken AG das nächste Mal. Die Rheumatologie dürfte hier im Zuge des Sanierungsplans Thema sein.

Kommentar:

Auch die Behandlung von Rheuma kann sich rechnen

Wer den Schmerz hat, bekommt mitunter auch noch Nachhilfe in Mathematik: Rheuma-Patienten fürchten um die ambulante Anlaufstelle mit sehr kompetenter Fachärztin im Klinikum Weiden, weil ansonsten Rheumatologen weit weg oder längst überlastet sind. Zugleich sagt die Kassenärztliche Vereinigung, eine Unterversorgung mit Rheumatologen gebe es in Weiden und im Landkreis Neustadt/W nicht. Seien doch zwei Vertragsarztsitze zugelassen.
Rein rechnerisch mag das stimmen. Nur tun sich da Fragen auf. Etwa: Wer hat denn diesen zweiten Vertragsarztsitz im Gebiet Oberpfalz-Nord neben der Anlaufstelle in Amberg inne? Das nämlich ist aus der Auflistung der KVB nicht ersichtlich. Ist womöglich die Zahl der kassenärztliche Zulassungssitze gar nicht ausgereizt?
Genau in dieses Vakuum könnte die Kliniken AG stoßen und sich um einen rheumatologischen kassenärztlichen Sitz bemühen. Damit könnte die Rheuma-Ambulanz in eine gewinnbringende Struktur überführt werden – vorausgesetzt es findet sich ein Facharzt, der sich das zutraut. Den Patienten ist es mehr als zu wünschen.

Simone Baumgärtner

Info:

Darum braucht es den Rheumatologen, und so bekommt man einen Termin

  • Mit Rheuma vom Haus- zum Facharzt: Muskeln und Sehnen schmerzen, Weichteilrheuma könnte der Grund sein. „Das ist gut behandelbar und macht oft der Hausarzt“, weiß Dr. Matthias Loew, Hausarzt und Delegierter der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. „Doch darüber hinaus schätze ich, dass jeder Hausarzt mindestens 15 bis 20 Patienten zum Facharzt weiterschicken muss.“
  • Starker Wandel in der Therapie: „Die Therapie für Rheumapatienten hat sich stark gewandelt“, sagt Dr. Loew. Biologicals seien hier das Schlagwort. Das seien oft sehr wirksame, aber auch extrem teure und mit Nebenwirkungen behaftete Medikamente. „Dafür braucht es einfach die Indikation des Facharztes“, meint Loew.
  • Terminprobleme beim Facharzt: Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern weist auf die kostenfreie Rufnummer der Terminservicestellen 116117 hin. Nach dem Willen des Gesetzgebers werden hier nach Vorliegen einer Hausarzt-Überweisung entsprechende fachärztliche Spezialisten innerhalb eines Monats vermittelt. Allerdings entfällt so die freie Arztwahl, räumt Loew ein. Die Spezialisten können auch von Termin zu Termin wechseln, die Anfahrten sind mitunter lang. „Das ist natürlich kein Zustand für Rheuma-Patienten, die oft nur schwer beweglich sind“, zeigt Loew Verständnis.

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Werner Harmuth

In Amberg und Marktredwitz gibt es keinen Aufnahmestopp der Rheumatologen.

08.08.2020