17.05.2021 - 17:47 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Klinikum Weiden: Krankenbesuche weiterhin nur mit Negativtest möglich

Eine Mutter will ihren schwerkranken Sohn im Klinikum Weiden besuchen. Er hat Krebs und spürt seit Samstag seine Beine nicht mehr. Am Eingang des Krankenhauses wird sie abgewiesen, obwohl sie bereits zweimal geimpft ist. Wie kann das sein?

Wer ist zum Besuch am Weidener Klinikum berechtigt? Zweifach Geimpfte müssen sich dennoch testen lassen, um eingelassen zu werden.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Margarete Zitzmanns Stimme bebt, als sie erzählt, was ihr am Sonntag passiert ist – im Weidener Klinikum. Zitzmann ist 82 Jahre alt. Ihr Sohn, 57, wohnt in der Wohnung über ihr und ist alleinstehend. Er hat seit zweieinhalb Jahren Krebs. Vor kurzem hat er wieder eine Chemotherapie durchgemacht, in Leber und Rücken hatten sich Metastasen gebildet. Es geht ihm schlecht, "er ist schwer krank", weiß seine Mutter. Am Samstag spürt er plötzlich seine Beine nicht mehr, kann nicht mehr gehen. Margarete Zitzmann ruft den Krankenwagen, ihr Sohn wird mit einer Trage abtransportiert und kommt ins Weidener Klinikum. "Wir verstehen uns so gut", sagt Zitzmann über die Mutter-Sohn-Beziehung. Am Sonntag will sie ihn sofort im Klinikum besuchen. Ohne Test darf sie aber nicht. Sie wird am Eingang abgewiesen.

Wie kam es dazu? Die Besuchsregeln des Klinikums datieren vom 15. April. Darin heißt es als Voraussetzung für einen Besuch: Vorlage der Bestätigung eines negativen Corona-Testergebnisses. Von Erleichterungen für Geimpfte ist keine Rede. Margarete Zitzmann beruft sich auf den Kabinettsbeschluss in Bayern, wonach vollständig Geimpfte, deren zweite Dosis 14 Tage zurückliegt, mit negativ Getesteten gleichgestellt sind.

"Ich wollte bloß zu meinem Kind"

Am Klinikumseingang stehen die Besucher Schlange. Zitzmann ist etwas irritiert, als sie bemerkt, dass jeder ein Testergebnis dabeihat. Macht nichts, denkt sie. Sie hat ihren Impfpass eingesteckt. Anfang April hat sie die zweite Dosis ihrer Corona-Impfung bekommen. Zitzmann ist vollständig geimpft.

Als sie an der Reihe ist, fordert der Kontrolleur ihren Negativtest. Sie will ihm ihren Impfpass zeigen, den will er nicht. Kein Einlass ohne Negativtest, heißt es. Zitzmann ist völlig perplex. "Die wollten meinen Impfpass gar nicht erst sehen", sagt sie. "Wofür habe ich mich denn impfen lassen? Ich wollte doch bloß zu meinem Kind." Ob man denn keine Ausnahme machen könne? Ihr Sohn sei schließlich schwer krank. Die Rezeption ruft in der Station an, auf der ihr Sohn liegt. Ergebnis: Ihr Sohn sei schwer krank, ja, die Situation aber nicht lebensbedrohlich. Keine Ausnahme. Welche Gründe hat das Klinikum, so zu entscheiden?

Streng nach Vorschrift

Um diese Frage rein rechtlich zu klären, lohnt ein Blick in die bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung. Genauer gesagt in dessen Änderung vom 27. April. Hierin geht es um genau diese Gleichstellung von vollständig Geimpften mit negativ Getesteten. Und es heißt: Die Gleichstellung gelte noch nicht im Anwendungsbereich von § 9 der Verordnung. Paragraph 9 behandelt das Besuchsrecht von Krankenhäusern und Pflegeheimen. Also handelt das Weidener Klinikum, wie es die Vorschrift besagt.

So schnell will sich Zitzmann aber nicht abwimmeln lassen. Der Kontrolleur bietet ihr an, ins Testzentrum zu gehen und wiederzukommen. "Das ging ja nicht, ich hatte kein Auto. Ihre Nachbarin, die sie vorher gebracht hatte, war schon weg. Immerhin die Tasche mit Kleidung für ihren Sohn gibt sie ab, dann muss sie nach draußen. "Ich war völlig fertig." Sie setzt sich auf eine Bank vor dem Klinikum und weint.

Das Amberger Klinikum übrigens gewährt geimpften Besuchern Zutritt, das sei mit dem Gesundheitsamt abgestimmt und akzeptiert. Warum nutzt man in Weiden diese Möglichkeit nicht? Auf Anfrage heißt es von der Pressestelle des Weidener Klinikums, man halte sich streng an die auferlegte Verordnung. Ausnahmen gebe es zwar, aber nur für die Begleitung von Geburten oder sterbender Patienten.

30 Jahre im Klinikum gearbeitet

Margarete Zitzmann hat fast 30 Jahre lang im Klinikum Weiden gearbeitet, ihr Sohn war bis zu seiner Krankheit Hol- und Bringdienst am Krankenhaus. Beide kennen die Klinik durch und durch. Jetzt ist sie "einfach entsetzt. Er ist doch auf mich angewiesen. Es ist doch klar, dass ich als Mutter zu ihm rein will. Er hat auf mich gewartet, im Rollstuhl." Am Sonntagabend ruft sie ihren Sohn an. "Der war so enttäuscht, einfach grausam", erzählt sie.

"Uns sind die Hände gebunden", bedauert Michaela Hutzler, die Medizinische Direktorin der Kliniken Nordoberpfalz. Es war also schlussendlich rechtens, Margarete Zitzmann abzuweisen, so bitter das für sie und ihren Sohn auch gewesen sein mag.

Diese Nachweise gelten derzeit für Corona-Genesene

Neustadt an der Waldnaab
Kommentar:

Rechtens, aber nicht richtig

Ohne Test kein Einlass: Ein einziger Paragraph zum Infektionsschutz kann so viel Schmerz bereiten. Margarete Zitzmanns Geschichte ist rührend, ihre Verzweiflung und Wut sind nachvollziehbar. Und doch muss sie die Anweisungen des Klinikums schlucken. Die Besuchsregeln sind unumstößlich, sie sind völlig rechtens, aber sie sind nicht richtig.

Wer zweifach geimpft ist, der ist Immunologen zufolge nach zwei Wochen zu 95 Prozent geschützt. Abstand halten und Maske tragen sind für Besucher ohnehin Pflicht. Ja, Patienten sind vulnerable Gruppen. Wer schwach oder geschwächt ist, ist schützenswert. Aber können nicht auch Antigentests irren? Sie sind neben PCR-Tests auch als Nachweis erlaubt. Ist mit ihnen wirklich mehr Sicherheit verbunden als mit zwei Impfdosen? Das Risiko, das eine vollständig geimpfte 82-Jährige, die sich an die Hygieneregeln hält, in ein Krankenhaus hineinträgt, wäre wirklich überschaubar.

Dass sich nun am Klinikeingang kleine und größere Dramen abspielen, war vorherzusehen. Der Fall der Familie Zitzmann dürfte nicht der letzte bleiben. Und das Vertrauen in den Impfstoff wächst dadurch auch nicht.

Florian Bindl

 

 

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