18.10.2021 - 13:53 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kleine Raritäten auf dem Feld: Sondengänger bringt Vergessenes und Verlorenes zurück

Daniel Scharnagl sucht seit 2020 mit einem Metalldetektor auf Feldern nach der Vergangenheit. Was der Weidener Sondengänger ans Tageslicht holt, war manchmal jahrhundertelang verschollen und katapultiert den Finder in eine andere Zeit.

Daniel Scharnagl begutachtet auf einem Feld bei Neunkirchen einen der Funde, den sein Metalldetektor im Boden angezeigt hat.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Trockener Boden, sonst nichts – könnte man meinen. Doch der Schein trügt, und Daniel Scharnagl weiß das besser als die meisten anderen Menschen. Er steht in Tarnfarben gekleidet auf einem Feld in Neunkirchen bei Weiden. Der Eigentümer des Ackers hat den Boden extra hergerichtet. Die trockene Erde breitet sich fein säuberlich gefurcht vor dem 33-jährigen aus, der seinen Metalldetektor einsatzbereit macht. Daniel Scharnagl ist seit rund einem Jahr Sondengänger. Er sucht Felder wie dieses nach metallenen Gegenständen ab. Wer denkt, das könnte langweilig werden, der irrt. Fast 20 Mal wird Scharnagls Detektor innerhalb kurzer Zeit anschlagen.

„Ich muss erst einen Bodenabgleich machen, weil die Böden unterschiedlich mineralisiert sind“, fachsimpelt der Sondengänger und stellt sein Arbeitsgerät ein. Auf seiner linken Schulter trägt er eine Schaufel. In einer Hüfttasche befinden sich weitere Helfer: Ein roter Pin-Pointer, der Metall sehr genau lokalisieren kann, und eine Dose mit einem Schwamm. Scharnagls Fund-Dose. Seine tarnfarbene Uniform trägt der Altenpfleger nicht, weil er Soldat ist, sondern weil er sie praktisch findet. „Ich gehe dann los“, sagt er. Er schwenkt den Detektor knapp über dem Boden hin und her. Links, rechts, links... Und schon nach wenigen Metern ertönt ein Ton, der an die Hupe eines Kinderfahrrades erinnert. Scharnagls Metalldetektor schlägt an.

Bodendenkmäler sind tabu

„Ich tippe mal auf Aluminium“, sagt der Sondengänger. Das würde zum Leitwert auf dem Detektor passen. Der 33-Jährige hebt mit dem Spaten ein Häufchen Erde aus dem Boden, sucht es mit dem Detektor ab. Doch der Fund liegt noch im Boden. Scharnagl gräbt vorsichtig weiter. Wieder nichts. So geht das ein paar Mal, und dann hält der Neunkirchener ein kleines metallenes Etwas in der Hand. Vielleicht ein Metallteil von einem landwirtschaftlichen Gerät. Jedenfalls kein Schatz. Also das Loch im Boden schließen, weiter sondeln. Links, rechts, links...

Scharnagl hat schon auf anderen Feldern des Landwirts gesondelt. „Ich habe es noch nicht erlebt, dass ein Landwirt eine Anfrage verwehrt hat“, berichtet er. „Ich nehme ja deren Schrott mit. Einer hat sogar einmal seine ganzen Lagepläne von seinen Feldern geholt, um mir zu zeigen, wo ich sondeln kann.“ In Bayern gelten anders als in den restlichen Bundesländern besonders lockere Regeln für Sondengänger. Aber es ist nicht so, dass sie einfach drauf los gehen könnten. „Man darf nicht überall sondeln. Aber Bayern ist das einzige Bundesland, wo man ohne staatliche Genehmigung sondeln darf“, erklärt der Neunkirchener. „Es reicht, wenn man den Eigentümer des Grundstücks fragt.“ Das gelte zumindest, wenn man nicht im Bereich von Bodendenkmälern suche. Das ist nämlich verboten, wie er betont.

Der Detektor ertönt erneut. „Das hört sich nach Münze an“, kommentiert Scharnagl das. Er holt Erde aus dem Boden, hält seinen Pin-Pointer darauf. Mit diesem Gerät kann er die Erde feiner absuchen als mit dem großen Detektor. Piep, piep, piep, wie Morsezeichen. Keine Münze, sondern „ein Stück Patronenhülse, wahrscheinlich von einem Jäger“, sagt der Finder ungerührt. Beinahe sieht man vor dem inneren Augen einen Hasen oder ein Reh über das Feld fliehen. „Wenn ich mehrere scharfe Patronen finden würde, würde ich die Polizei informieren.“ Nötig gewesen sei das bisher aber noch nicht.

"Das ist interessant"

„Auf dem Feld ist echt nicht viel los“, fürchtet der Altenpfleger, der seit rund zehn Metern nichts mehr gefunden hat. Piep, piep, piep. Nur ein paar Meter weiter liegt dann doch wieder etwas im Boden. „Ein Oberflächenfund.“ Er holt etwas Rundliches aus einem Klumpen Erde hervor. Jetzt lächelt der Neunkirchener. „Ein Knopf, vermutlich von einer Uniform aus dem Zweiten Weltkrieg. Das erkennt man an dem Riffelmuster“, erklärt er. Auf einmal wird man mitsamt der Umgebung innerlich Jahrzehnte zurück katapultiert, kann sich das Feld als Schauplatz eines Kampfes vorstellen, als Rastplatz für Soldaten, als von Uniformierten genutzter Weg in oder aus dem Ort heraus. „Das ist interessant“, findet auch der Sondengänger und holt zum ersten Mal sein Döschen hervor, um den Knopf zu verstauen. Felder am Ortsrand seien am interessantesten, weil dort viel verloren gegangen sein könnte.

Piep, piep, piep. Der Neunkirchener findet eine weitere Patronenhülse, ein „undefinierbares Etwas, vielleicht eine Kappe von einem Rohr“ und eine fast vollständig verrottete Bierdose, zerstückelt wie ein Fetzen Papier. „Groß und Eisen“, sagt er beim nächsten Alarm des Detektors voraus. Aus dem Loch holt er ein verbogenes, größeres Stück Metall hervor. „Ein Stück von einem Pflug oder Traktor.“ Kleinere Stücke Metall kann sein Gerät bis in rund 30 Zentimetern Tiefe orten, größere in bis zu einem Meter. So tief grabe er aber nicht. Piep, piep, piep. Die nächste Patronenhülse. Piep, piep, piep. „Bronzeknopf, 19. Jahrhundert.“ Dessen metallene Ränder sind rund geschliffen von so vielen Jahren Kontakt zu Erde und Steinen. Der Finder freut sich.

Scharnagl sondelt auch im Auftrag. So hatte eine 90-jährige Nachbarin ihren Ehering im Garten verloren. Scharnagl fand ihn ganze 15 Jahre später nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche. „Es ist schön, die Freude der Leute zu sehen, wenn man etwas wiederfindet.“ Noch etwas fasziniert den 33-Jährigen an seinem Hobby: „Man wird in eine andere Zeit versetzt. Man ist ja die erste Person, die die Sachen nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten sieht.“ Funde von vor dem 18. Jahrhundert würde er melden. „Man findet auf Feldern aber nichts so Altes.“

Meteoritenteil gesondelt

Ganz selten kann aber auch etwas Verrücktes passieren: „Anfang des Jahres hat ein Bekannter einen Stein gefunden, der ganz schwer und metallisch war. Er hat ihn Experten geschickt und mit Zertifikat zurückbekommen: Es handelte sich um ein Stück eines Meteoriten. Er hat sich zwei Eheringe draus machen lassen. So etwas ist aber sehr, sehr selten.“ In Scharnagls Sammlung befinden sich rund 200 Münzen, darunter welche aus der Kaiserzeit und dem Dritten Reich und eine Silbermünze von 1745, ansonsten Modeschmuck, Euro-Münzen, Knöpfe, Spielzeugautos, alte Kinderringe und Zinnsoldaten. Sofort kann man sich vorstellen, wie Kinder auf dem Feld spielten oder dort Handel getrieben wurde. Aber es gibt noch eine andere Theorie, wie Alltagsgegenstände auf Felder gelangt sein könnten: „Die Leute hatten Plumpsklos, und da ist manchmal etwas reingefallen“, erklärt der Neunkirchener. Der Inhalt der Plumpsklos sei auf den Feldern ausgebracht worden.

Piep, piep, piep. Metall-Schrott. Piep, piep, piep. Eine Zwei-Euro-Münze. Piep, piep, piep, Patronenhülse, Metalldraht, Sektflaschen-Verschluss. Autofahrer, die am Feld vorbeifahren, verlangsamen ihre Fahrt und schauen neugierig aus dem Fenster. Spaziergänger sprechen den Sondengänger regelmäßig an. Er freut sich vor allem, wenn Senioren auf ihn zukommen. „Wenn man mit älteren Dorfbewohnern ins Gespräch kommt, erfährt man meist etwas Geschichtliches.“ Scharnagl tauscht sich gerne mit Gleichgesinnten über Whatsapp aus. Dort hat er eine Gruppe mit inzwischen rund 60 Mitgliedern aus der Oberpfalz gegründet. Bei Instagram zeigt er als „Bavaria Treasure Hunter“ seine Funde.

Piep, piep, piep. „Interessant“, kommentiert der 33-Jährige einen Fund. Es handelt sich um eine Buchschließe mit floralem Muster. Noch einmal freut er sich, auch wenn es nicht seine erste Buchschließe ist. Für Scharnagl war es eine gute Sondel-Runde.

Zwei Flosser Sondengänger finden auf Feld in Püchersreuth zwei Handgranaten

Püchersreuth

Kreisheimatpfleger warnt vor Zerstörung von Bodendenkmälern

Pfreimd
Hintergrund:

Sondengehen und Bodendenkmäler

  • Wer auf die Suche nach Kulturdenkmälern gehen möchte, braucht außerhalb Bayerns von der Denkmalbehörde eine schriftliche Genehmigung. In Schleswig-Holstein ist das Sondeln komplett verboten.
  • In den meisten Bundesländern muss jeder archäologisch interessante Fund bei der Denkmalbehörde abgegeben werden und ist Eigentum des Landes. So ist es seit dem Mittelalter im Denkmalschutzgesetz festgelegt.
  • Wer in Bayern sondeln möchte, benötigt die Erlaubnis des Eigentümers des abzusuchenden Grundstückes und muss die Vorschriften des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes beachten. Verstöße können als Ordnungswidrigkeit mit empfindlichen Geldstrafen bis zu 250 000 Euro geahndet werden oder strafrechtlich relevant sein (zum Beispiel Sachbeschädigung, Unterschlagung, Hehlerei).
  • Grabungen an oder in der Nähe von Bodendenkmälern sind beispielsweise auch in Bayern verboten und strafbar. Deren Standorte kann man im Denkmal-Atlas (www.denkmal.bayern.de) abrufen.
  • In Bayern gilt die „Hadrianische Teilung“: Ein Fund steht je zur Hälfte dem Finder und dem Eigentümer des Grundstückes zu. Die Gesellschaft für Archäologie in Bayern fordert eine Neuregelung der Eigentumsverhältnisse bei Funden zugunsten der öffentlichen Hand.
  • Sondengänger können einerseits einen wertvollen Beitrag zur Denkmalpflege leisten und Behörden und Archäologen unterstützen. Sie können aber auch Bodendenkmäler zerstören, wenn sie Fundstücke aus dem archäologischen Kontext entnehmen.

 

 

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